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Lesung

23.01.2020

Hunger auf Kühn

Am Montagabend präsentierte Jan Weiler seinen neuen Roman „Kühn hat Hunger“ in der Buchhandlung Rupprecht in Aichach. Knapp 200 Zuhörer waren begeistert und holten sich im Anschluss an die Lesung das begehrte Autogramm.
Foto: Vicky Jeanty

Bestseller-Autor Jan Weiler begeistert mit seinem neuen Roman „Kühn hat Hunger“. Knapp 200 Zuhörer kommen zu seiner Lesung in die Buchhandlung Rupprecht in Aichach

Knapp 200 Zuhörer wollten in Aichach aus erster Hand von den neuen Abenteuern von Kühn hören. „Kühn hat Hunger“ heißt das neue Buch von Jan Weiler. Der Bestseller-Autor kam zu einer Lesung in die Buchhandlung Rupprecht.

Martin Kühn rackert sich ab. Sein Leben ist ihm in gewisser Hinsicht entglitten. Er fühlt sich an Leib und Seele angeschlagen, der „1,95 Meter pure Granitstein“ (Zitat Jan Weiler) ist verunsichert. Mit 45 Jahren wird der Familienvater und Polizist hineingezogen in die Niederungen seiner männlichen Midlife-Krise, die ihm privat und beruflich gehörig zu schaffen machen. Dass er mitten drin und trotz allem einen grausigen Mord aufklärt, wirkt beinahe beiläufig-zweitrangig in diesem kriminalen Gesellschaftsroman des fleißigen Vielschreibers Jan Weiler.

Seit 2003 hat der langjährige Chefredakteur des SZ- Magazins als freischaffender Schriftsteller 20 Romane verfasst, einige mit Bestsellerstatus. Er schreibt Drehbücher und Hörspiele, ist ein gewitzter Kolumnist und hat nun mit „Kühn hat Hunger“ die dritte Folge rund um den Münchner Kommissar Martin Kühn vorgelegt.

Kühn ist kein einfacher Mensch. Er hat zurzeit kein einfaches Leben und macht es sich, seinen Lieben und Kollegen auch nicht einfach. Das wissen die Kühn-Jan-Weiler-Leser bereits aus den beiden Vorläufern. Da hatte Kühn „zu tun“, er hatte „Ärger“ und jetzt hat er „Hunger“. Alles sehr menschliche, gut nachvollziehbare, allgemein gültige Befindlichkeiten, die unser aller Leben früher oder später mit unterschiedlichen Härtegraden phasenweise bestimmen.

Diese und andere existenzielle Zutaten gehören ins Hin und Her des Lebens, das ständig zwischen Lust und Frust, Freude und Trauer, Erfolg und Misserfolg, Anerkennung und Selbstzweifel schwankt. „Weil das Leben so ist, ist das Buch so. Weil die Leser so sind, sind die Bücher so“, sagt Jan Weiler. Sein Martin Kühn ist mehr Mensch als „nur“ Kommissar – entsprechend seien seine Romane mehr Gesellschaftsromane als reine Krimis, so der Autor.

Der 52-jährige Jan Weiler versetzt sich sehr überzeugend in das Innen- und Außenleben seines 45-jährigen Protagonisten Martin Kühn. Er macht ihn zu einer Art Prototypen sämtlicher Beschwernisse, die einen Mann seines Alters befallen können. Der übergewichtige Kühn diätet sich entlang einer fragwürdigen Abmagerungsmethode, die ihn zunehmend gereizt auf Familie und Kollegen im Revier reagieren lässt. Ihn plagen Hauszinsschulden, das Eigenheim steht zudem auf verseuchtem Untergrund, die Nachbarschaft ist immer wieder unerträglich bieder und kleinlich. Seine Kinder pubertieren, seine Frau spöttelt und distanziert sich von den ehelichen Pflichten. Kühn hadert mit seinem One-Night-Stand mit der deutlich jüngeren Kollegin. Seine Männlichkeit steht auf dem Spiel. Im Revier wird intrigiert, prompt schlägt in der Beförderung die Frauenquote zu Buche und die Kollegin kommt zum Zug. Kühn ist überfordert. „Irgendwas ist immer los“, schlussfolgert lakonisch der Autor.

Ein Trost, dass der derart, fast klischeehaft schwer beladene Kühn den Trumpf des erfahrenen, akkurat und intuitiv ermittelnden Kommissars ausspielen kann. „Er war gut in seinem Job“, zitiert Jan Weiler. Kühn bringt die beiden Mörder einer jungen Frau zur Strecke. Statt Thrillereffekten legt der Autor die Psyche der schwer gestörten Täter offen: In speziellen Internet-Foren hatten sie ihre perversen Fantasien gespeist und ihren Frauenfrust ausgelebt, bis sie selbst zur mörderischen Tat schritten.

Jan Weiler, der Männerversteher, begleitet Kühn mit sympathischem Verständnis und ohne moralischen Zeigefinger durch sein Leben. Sein Held mag straucheln und (ver)zweifeln, im Grunde ist er jedoch der gute Kerl, der mit Gelassenheit seine Unzulänglichkeiten reflektiert, sich mannhaft-männlich bemüht und am Ende sogar noch ein interfamiliäres Stimmungshoch aufblitzen sieht.

Weilers Schriftstellergeschick, seinen Helden in den unterschiedlichen Stimmungslagen zu verorten und ihn mal amüsant, mal süffisant, mal tollpatschig oder auch einfühlsam agieren zu lassen, bleibt ein besonderes Lese- und Zuhörvergnügen. Mit ausgewählten Passagen aus dem 413 Seiten starken Buch, nimmt er die Zuhörer in Aichach mit auf Kühns Lebensparcours und begeistert allemal durch professionelle Vorlesetechnik. Ein neuer Kühn, der Hunger auf mehr Kühn macht.

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