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Altomünster

30.12.2019

Interview: So will ein Altomünsterer die Mundart retten

Mit Festgottesdienst, Matinee und Lesungen im Dorfmuseum Durach feiert der Förderverein mundArt sein 15-jähriges Bestehen. Die Familienmusik Althaus singt dabei in Jodlerformation.
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Mit Festgottesdienst, Matinee und Lesungen im Dorfmuseum Durach feiert der Förderverein mundArt sein 15-jähriges Bestehen. Die Familienmusik Althaus singt dabei in Jodlerformation.
Bild: Rainer Hitzler

Plus Der Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte, verrät, wie er den Nachwuchs für bairisch begeistern will und wie wichtig Mundart ist.

Die Mia-san-mia-Mentalität mag Siegfried Bradl gar nicht. Der 61-Jährige aus Altomünster ist seit Kurzem Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte (FBSD). Der Verein hat etwa 3300 Mitglieder, die Mehrheit ist um die 40 oder älter. Siegfried Bradl arbeitet zudem als Volksmusikberater des Bezirks Schwaben im Landkreis Aichach-Friedberg. Vielen ist er zudem als Musiker und Sänger bekannt. Warum steckt er so viel Herzblut ins Bairische?

Wie kam es zu dem Entschluss, Vorsitzender des Fördervereins zu werden?

Ich bin schon seit neun Jahren als stellvertretender Vorsitzender aktiv, sodass es nur konsequent war, nachdem mein Vorstandskollege bei den anstehenden Wahlen nicht mehr antrat, dass ich mich als Kandidat zur Verfügung stelle und auch als Vorsitzender gewählt wurde. Den Verein gibt es nun seit 30 Jahren und ich möchte das positiv Erreichte fortsetzen und weiterentwickeln. Insgesamt sind wir in Altbayern, also in Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz aktiv. Zudem pflegen wir Kontakte zu vielen anderen Sprachvereinen in Bayern und darüber hinaus.

Interview: So will ein Altomünsterer die Mundart retten

Das ist ein ziemlich großer Sprachraum. Sind die Mundarten da nicht sehr verschieden?

Altbayern ist der älteste, zusammenhängende Kulturraum in Europa. Die Mundarten sind natürlich unterschiedlich. Das beste Beispiel ist der bei uns gesprochene Dialekt. Das „Oidminschdarische“ (Altomünsterische) gehört zum mittelbairischen Dialekt. Nachdem Altomünster bis vor der Gebietsreform 1972 zum Altlandkreis Aichach gehörte, der wiederum an der Sprachgrenze zum Schwäbischen liegt, sind hier durchaus schwäbische Einflüsse erkennbar. Anstatt „host, bist, duast, muaßt“ sagte man hier „hoscht bischt, duascht, muaßscht“. Da Altomünster jetzt aber zum Landkreis Dachau gehört und immer mehr vom Großraum München eingenommen wird, hört man das immer weniger. Die Kleinräumigkeit der Sprachräume geht durch die heutige Mobilität immer mehr verloren. Aber Sprache hat sich ja schon immer verändert.

Was ist so schlimm daran?

Es geht um die Bewahrung eines wertvollen, 1500 Jahre alten Kulturgutes. Gemeint ist damit die Vielfalt an bairischen Wörtern, Redewendungen, filigranen Ausdrucksmöglichkeiten und Grammatik. Neben unserer Sprache geht es aber auch um unsere bairische Volkskultur, zu der das Musizieren, Singen, Tanzen, die Trachten sowie das Brauchtum im Jahreslauf gehören. Unsere weltlichen und christlichen Bräuche, die dem Menschen Halt geben, verschwinden zunehmend.

Siegfried Bradl

Interview: Wie Siegfried Bradl die Mundart erhalten will

Was wollen Sie dagegen tun?

Der Förderverein ist in Schulen und Kindergärten aktiv und betreibt eine Vielzahl an Infoständen, um auf das Kulturgut und die Schönheit unserer Sprache sowie das heimische Brauchtum aufmerksam zu machen. Die Eltern wissen heute oft nicht mehr so viel über unsere Volkskultur und die Großeltern wohnen meist zu weit weg, um etwas davon weitergeben zu können. Zudem machen wir viel Lobbyarbeit, angefangen bei der Bayerischen Staatsregierung, dem Kultus-, Wissenschafts- und Sozialministerium, bis hin zu Brauchtumsträgern, Künstlern, unter anderem.

Sollten alle Kinder wieder Dialekt sprechen?

Nein, das ist nicht unser primäres Ziel. Wir wollen aber die Großeltern, Eltern und Kinder, die ihren Heimatdialekt sprechen, darin bestärken. Sie sollen das ganz selbstbewusst und ohne Benachteiligung tun können. Lange Zeit war das ja verpönt. Wir möchten vor allem die jüngere Generation ermuntern, sich dem Bairischen zu widmen. Inzwischen ist auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass Kinder, die im Dialekt aufwachsen, die beste Basis für das spätere Erlernen von Fremdsprachen erhalten. Somit ergibt sich automatisch das Ziel, dass die Mundarten in Bayern an den Schulen gelehrt werden sollen. Durch die Aktivitäten des FBSD und aller anderen Dialektprotagonisten hat die Bayerische Staatsregierung das Thema „Dialekte“ in den neuen Koalitionsvertrag aufgenommen.

WhatsApp und Co: Junge Leute und das Bairisch

Wie wollen Sie junge Leute für „Bairisch“ begeistern?

Dialekt ist nicht unmodern. Ich habe festgestellt, dass viele junge Leute auf Bairisch Whatsapp-Nachrichten schreiben oder etwas auf Facebook posten. Das liegt mitunter daran, dass derselbe Inhalt auf Bairisch etwa ein Drittel kürzer gesagt oder geschrieben werden kann als auf Standarddeutsch. Der FBSD macht sich auch die neuen, sozialen Medien zunutze und ist zum Beispiel bei Instagram und Facebook aktiv. Zudem sind wir auf der Suche nach neuen Veranstaltungsformen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Ein externer, mit verschiedenen Kompetenzen ausgestattete Beirat wird den Vorstand hierbei in seiner Arbeit unterstützen.

Sind Sie hiermit auf dem richtigen Weg?

Ich denke ja. Wir müssen unsere bairische Kultur zu den Menschen hintragen, egal ob sie innerdeutscher, europäischer oder internationaler Herkunft sind und sie dafür interessieren. Die Mia-san-mia-Mentalität passt hier nicht dazu. Wir brauchen eine offene Einstellung und Wertschätzung gegenüber allen anderen Kulturen.

Haben Sie ein bairisches Lieblingswort?

Die bairischen Grußformeln „Griaß God“ und Pfia God“ mag ich besonders gern. „Pfia God“ bedeutet: „Gott behüte dich. Er sei mit dir auf deinen Wegen.“ Kann man jemandem bei der Verabschiedung etwas Schöneres wünschen? Insgesamt ist der Gruß ein wichtiges Element für mich, um einem Mitmenschen mit Achtung und Respekt zu begegnen.

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