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Vortrag

24.05.2019

Ist Heimat ein Lebensgefühl?

Was macht Heimat aus und welche Bedeutung hat sie für den Menschen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Theologe und emeritierte Abtprimas Notker Wolf in seinem Vortrag in der Aichacher Buchhandlung Rupprecht.
Bild: Vicky Jeanty

Notker Wolf, langjähriger Erzabt im Kloster St. Ottilien und emeritierter Abtprimas der Benediktiner, spricht in der Aichacher Buchhandlung Rupprecht vor großem Publikum

Notker Wolf fing gar nicht erst an, sein bisher letztes Buch „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“ vorzustellen. Geschweige denn, daraus vorzulesen. „Ich lass’ dann mal das Buch zur Seite“, sagte der 79-jährige Theologe und referierte stattdessen anhand seiner Notizen zum Thema „Heimat“.

„Anders anpacken“ möchte Notker Wolf den Terminus „Heimat“ und weist die romantischen, schnulzigen Zutaten weit von sich, mit denen traditionelle Heimat- oder Bergfilme gelegentlich das Thema bebildern und bestücken. Wolf, der „verschiedene Heimaten“ für sich beansprucht, verbindet den Begriff mit anderen Wertigkeiten und bringt sie bildhaft in Vergleich mit dem Wachstum eines Baumes.

Entlang seiner Biografie, die er anhand einer Fülle von persönlichen Erlebnissen und Begegnungen bei seinen unzähligen In- und Auslandsreisen schildert, verfolgt er den Weg des Stammbaumes – angefangen von der Verwurzelung, den Jahresringen, der Verästelung, dem Blattwerk, den Nistplätzen für Vögel bis hin zur Krone und dem Wipfel. Die einzelnen Wachstumsphasen kann man, laut Wolf, in Verbindung bringen mit dem so schwer in den Griff zu bekommenden Wort „Heimat“.

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Wenn andere von „Wurzeln schlagen“ sprechen, spricht Wolf von „Erdung“, der er sich auch während seines Studiums in der Begegnung mit Kommilitonen und Jugendfreunden bewusst gewesen sei. „Das Erdreich als Ort, wo ich geboren bin, wo mir die Namen vertraut sind“, sagt er. An den Jahresringen des Baumes zeichnet sich das Alter ab – in der Wolfschen Lesart übertragbar auf seine diversen Studienaufenthalte und Lehrtätigkeiten an Universitäten, seine verantwortungsvollen kirchlichen Ämter, seine unzähligen Reisen.

Wolfs baumaffine Assoziationen gipfeln im Astwerk, im Blattwerk, in der Krone. Hier bewegt und verändert sich was, der Baum wird sozusagen zur Erkenntnis, dass nichts – auch nicht die Heimat – unveränderbar bleibt. Um sich weiter entfalten zu können, braucht es diese Flexibilität, die Sensibilität, diese nach allen Seiten offenen Flanken, die neue Denkweisen, andere Strukturen und Kulturen hereinlassen. Wolf sprach von „einer Bereicherung des Lebens durch fremde Kulturen“, von „Hunger nach mehr“.

Von der „Abschottung“ hält er genauso wenig wie von einer grenzenlosen Toleranz: Ein friedliches Mit- und Nebeneinander der unterschiedlichen Kulturen gehe nur über einen respektvollen Umgang miteinander, inklusive der Einhalten von Regeln und Gesetzen. Ein „Fremder“ werde nie wie ein Deutscher reden, meint Wolf. „In der Fremde ist man nicht gleich. Das dauert“, sagt er. Ein Wunschdenken also, „Heimat für alle zu sein“, wie Wolf anführt? In seiner Vorstellung bemüht er noch einmal die Baum-Metapher: die Baumkrone so öffnen, dass die Vögel sich im Geäst und Blattwerk niederlassen können.

Hier liegen die Aufforderung und die Herausforderung an unsere Gesellschaft. Sie kann ihren Wohlstand aus eigenen Kräften nicht halten, so Wolf. „Bescheidenheit wäre gut“, sagt er und kommt ganz zum Schluss seines Vortrags auf die Kirche zu sprechen. Früher sei die Kirche eine Art Beheimatung für viele Menschen gewesen. „Heute hat die Kirche leider ihr Ansehen verloren und sie ist selber schuld.“ Die Kirche müsse zu ihrer wirklichen Rolle als Dienerin am Volk zurückfinden: „Nicht mehr hohe Throne und Folklore, sondern dem Menschen Beheimatung geben.“

Seine unverhohlene Kritik an der Kirche ändert nichts an Notker Wolfs tiefer Gläubigkeit, die beseelt ist von dem Gedanken der Barmherzigkeit und der Verzeihung. „Der Glaube an den anderen muss überwiegen“, antwortete er auf eine der Fragen, die Maria Rupprecht am Ende des Vortrags stellte. Im Übrigen äußert sich Wolf bekanntlich mit ähnlicher Offenheit zu politischen Dingen. „Ich lebe auf dieser Welt und nicht auf einer Wolke“. Zu seiner Tätigkeit als fleißiger Buchautor sagte er zum Abschluss seines Vortrags: „Es ist schon wieder eins da.“

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