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Erinnerungen

12.05.2016

Kinder zwischen Erdbeeren und Entbehrungen

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2 Bilder
Aus der Sammlung von Michael-Andreas Wahle stammen die meisten Schwarz-Weiß Fotos, die zurzeit im Aichacher Stadtmuseum gezeigt werden. Zu sehen sind viele Szenen mit Kindern in der Zeit zwischen 1945 bis 1955 vor allem im städtischen Umfeld.

Im Aichacher Stadtmuseum berichten drei Zeitzeugen von ihrer Kindheit in der Nachkriegszeit im Wittelsbacher Land

Aichach Ingrid Wirnseer musste 1946 als Kleinkind mit ihrer Mutter aus dem heimatlichen Sudetenland flüchten und lebte viele Jahre in Gundelsdorf. Karl Moser zog 1943 mit seinen Eltern von München nach Aichach, Franz Friedl erlebte die Nachkriegszeit als Bauernbub im elterlichen Hof in Untermauerbach. Am Dienstagabend wollten knapp 40 Zuhörer im Stadtmuseum miterleben, wie drei Zeitzeugen aus unterschiedlichen Perspektiven über ihre Kindheit in der Nachkriegszeit berichteten.

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Ingrid Wirnseer (Jahrgang 1944), Karl Moser (Jahrgang 1942) und Franz Friedl (Jahrgang 1945) haben die gleichen Jahre auf sehr ungleiche Art erlebt, nicht zuletzt aufgrund ihrer Herkunft und gesellschaftlichen Stellung. Bis ins Detail reichte gelegentlich die Erinnerung, Emotionen schienen ungebrochen präsent, Verletzungen, Enttäuschungen, aber auch genauso viel Unbeschwertes, Lausbübisches, Liebevolles schimmerte in den Erzählungen der drei Protagonisten.

Ihre Geschichten sind, trotz aller Entbehrungen, die die Zeit zwischen 1945 und 1955 mit sich brachte, gewissermaßen auch Erfolgsgeschichten. Die Flüchtlingsfamilie Wirnseer, die 1946 mit drei Koffern in Aichach gestrandet war, schuf sich eine neue Heimat, baute ein Haus in Hochzoll, war fleißig, strebsam. Ingrid Wirnseer sprach von einem großen Familienzusammenhalt, der in schweren Zeiten Rückhalt und Geborgenheit gab.

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Der Bürgersohn Karl Moser hatte es vergleichsweise „einfacher“. 1948 hatte seine Mutter den Traditionsbetrieb Merk-Holzbau übernommen. Gerade die Nachkriegszeit bescherte dem Unternehmen satte Auftragszahlen. In der Merk-Villa in Aichach war eine Flüchtlingsfamilie einquartiert, Sohn Karl lernte Latein und Griechisch im musischen Gymnasium St. Stephan in Augsburg. Der Bauernbua Franz Friedl hatte noch sechs Geschwister. Beim „Heisbauer“ in Untermauerbach war Kinderarbeit an der Tagesordnung. Gebadet wurde einmal in der Woche reihum in der Zinkwanne. Ab 1946 lebten zusätzlich zur großen Friedl-Familie zeitweilig 20 Flüchtlinge auf dem großen Anwesen. Als einziger „durfte“ Franz Friedl, auf Drängen des Pfarrers und des Lehrers, aufs Internat nach Dillingen, wo er das Abitur machte.

„Das war halt so“, hieß es immer wieder: Das winzige Dachzimmerchen etwa, in dem Ingrid Wirnseer mit Mutter und Großeltern eine Weile in Gundelsdorf lebte. Der Schmerz über den vermissten Vater, den sie nie kennen gelernt hat. Die gelegentlichen Anfeindungen der heimischen Bevölkerung. Die Klöppelarbeiten, mit denen die Frauen sich ein bisschen Geld verdienten. Die Realschule, die sie erfolgreich abschloss. Der unvergessliche Geschmack frischer Erdbeeren mit Sahne bei der Oma.

An eine „unaufgeregte Jugend“ erinnert sich Karl Moser. Für Aufregung sorgte der Lausbub laut eigenen Aussagen selbst. Ein Loch im Kopf nach einem Zusammenstoß mit einem amerikanischen Jeep, und zum Trost eine Orange und Schokolade. Die Moser-Kinder pflanzten im eigenen Beet gelbe Rüben an, man ging nach Untermauerbach zum Hamstern, bei der Schulspeisung der Amerikaner gab es im eigenen Triegel Kakao oder Erbsensuppe. Hungern musste man am Friedl-Hof nicht. Die Einheitsküche – Dampfnudeln, Kiacherl, Kartoffeln, Suppen – wurde dank der Flüchtlinge abwechslungsreicher. „Die pflanzten Gemüse an, Salat, Tomaten und Erdbeeren“, so Friedl. Während Karl Moser halb Aichach als Spielplatz eroberte, half der junge Friedl am Hof mit. „Sobald man mobil war“, hieß es: Kühe und Gänse hüten, im Stall nachräumen, nach dem Dreschen die Ähren einsammeln. Dazwischen die Schule mit den obligaten Züchtigungseinheiten, der regelmäßige Kirchgang. Über Religion und Politik wurde nicht diskutiert. Ein Ereignis war einmal im Jahr die Fahrt in der „Chaisen“ zur Verwandtschaft nach Unterschneitbach.

Die Schülerinnen Maria Gamperl und Jasmin Thurn aus der 9. Klasse des Deutschherren-Gymnasiums fungierten als Interwierinnen, die mit Franz Friedl ins Gespräch kamen. Friedl selbst hatte die Diskussion mit Ingrid Wirnseer und Karl Moser geführt. Museumsleiter Christoph Lang hatte eingangs die Gäste begrüßt und lud abschließend zum Rundgang der Fotoausstellung. Die zeigt Bilder aus der Nachkriegszeit, die vor allem Einblick in die Lage von Kindern zwischen 1945 und 1955 gibt.

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