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Schiltberg

05.05.2020

Kriegsende in Schiltberg: Für ein Ei zahlten die Amerikaner eine Zigarette

Einen Tag nach Einnahme der Stadt Aichach wurde am 29. April 1945 dieser M-7 Howitzer-Panzer der 7. US-Armee vor dem Unteren Tor fotografiert.
Bild: Michael Schmidberger (Repro)

Plus Joseph und Anna Schmidberger berichten vom Kriegsende 1945 in Schiltberg und der Zeit danach. 325 amerikanische Soldaten waren im Ort stationiert.

Vor 75 Jahren bewirtschafteten Joseph und Anna Schmidberger im Kriegsjahr 1945 gemeinsam mit dem Sohn Josef und der Tochter Magdalena den rund 65 Tagwerk großen Bauernhof „zum Schrall“ in Schiltberg. Aus ihrem Nachlass hat sich das „Kontobuch“ des Zeitraums 1941 bis 1946 erhalten. Darin sind – in deutscher Schrift – nicht nur die Einnahmen von und Ausgaben für die Landwirtschaft verzeichnet, sondern auch einige familiäre Ereignisse und mehrere Nachrichten zum Kriegsverlauf. In die regulären Eintragungen haben Joseph und Anna Schmidberger mitten im August 1945 zwei fortlaufende Seiten über das Kriegsende und die ersten Nachkriegsmonate geschrieben. Soweit bekannt, ist dies der einzige schriftliche Augenzeugenbericht aus Schiltberg, der außerdem so zeitnah aufgezeichnet wurde. Hier der gesamte Wortlaut ihres Berichts:

„Am Samstag, den 28. April 1945, mittags 1 Uhr zog der Feind von Amerika in Schiltberg ein. Er kam über Donauwörth, Pöttmes, Radersdorf, Kühbach und Rapperzell. Beim Lepold drüben [Erklärung: „Lepold“ ist der Hausname des Anwesens Kellerer an der Einmündung der heutigen Raiffeisenstraße in die Untere Ortsstraße] hielt der erste Panzer, ein Kolloß, so was wir noch nie gesehen hatten, sah nach rechts und links und schon krachte der erste Schuß. Es folgten dann drei nacheinander. Wir gingen alle in den Keller, den wir mit starken Läden gebolzt hatten. Wir hatten alle Betten und viel andere Sachen wie Lebensmittel u.s.w. im Keller untergebracht.

Kriegsende in Schiltberg: "Um 1 Uhr war der Amerikaner schon da"

Die ganze deutsche Front hatte der Feind zurück, zu uns hergetrieben. Wir hatten schon 8 Tag vorher immer Einquartierung, jeden Tag gingen sie und jeden Tag kamen wieder frische Truppen. In der Nacht von Freitag auf Samstag ging der Transport ohne Unterbrechung, alles von Schrobenhausen her, nach München. Unsere Einquartierten kamen grad noch alle zum Dorf hinaus um 12 Uhr mittags, und um 1 Uhr war der Amerikaner schon da.

Auf diesem Familienfoto von Anfang der 1940er Jahre sitzen Joseph und Anna Schmidberger, die Verfasser des Augenzeugenberichtes, in der ersten Reihe.
Bild: Michael Schmidberger (Repro)

Da wo noch SS-Soldaten waren, von deutscher Seite, und dem Feind Widerstand leisteten, da schoss der Feind alles in Brand. In Rapperzell brannte das Anwesen zum „Lang Haus 34“ ganz ab und noch andere zwei Holzschuppen. In Allenberg brannte der Schmidbaur, der Zimmer Nießl, beim Robert die Holzhütte und beim Haberl die Hütte. Schiltberg leistete keinen Widerstand und blieb von Brand verschont, nur die Friedhofsmauer beim Eingang wurde etwas beschädigt und das Elektrische abgeschossen.

Viele Soldaten von deutscher Seite flüchteten quer über Felder und wurden vom Feind erschossen. Am 1. Mai wurden bei uns 8 Soldaten ohne Sarg in ein Grab gebettet. Unsere Soldaten flüchteten alle in die Wälder, es ging 5 bis 6 Tage her, bis sie alle in Gefangenschaft sich ergaben, sie wurden alle nach Weilach [Nachbarort in drei Kilometer Entfernung] verbracht, wo der Feind ein Gefangenenlager errichtete. Ach unsere armen Soldaten, 5 bis 6 Jahre warens im Krieg und jetzt alle in Gefangenschaft, und die anderen tot. In unserer Pfarrei sind 37 gefallen und viele sind vermißt, von denen man bis jetzt gar nichts weiß.

Der Augenzeugenbericht zum 28. April 1945 ist mit Tinte und in deutscher Schrift geschrieben. Der ganze Text ist 54 Zeilen lang.
Bild: Michael Schmidberger (Repro)

Als [am 28. April] der Feind da war, gingen sie von Haus zu Haus um Eier. Das Bier hatten sie von den Wirten überall mitgenommen. Zwei Stunden hatten sie in Schiltberg Aufenthalt, dann fuhren sie nach allen Richtungen, München zu. Im Dorfe blieben nur einige Posten da. Keine Post, kein Radio, kein Telefon, alles war stillgelegt. Die Leute mussten in den Häusern verbleiben, abends 7 Uhr durfte niemand mehr auf der Straße sein.

Vom 15. September an ging wieder die erste Post. Vom 15. Mai bis 1. September hatten wir 325 amerikanische Soldaten als Besatzung da, dann kamen sie weg nach Friedberg. Waren ganz ordentlich, kamen bloß immer um Eier, die sie mit Zigaretten bezahlten, für ein Ei eine Zigarette.“

Der zweite Sohn wird Bürgermeister in Schiltberg

An anderen Stellen im „Kontobuch für Joseph Schmidberger“ beklagen die Eltern den Verlust ihres Sohnes Ludwig („Am 6. Januar 1943 hat uns Ludwig zum letzten Mal geschrieben, von Stalingrad aus. Seitdem ist er vermißt.“) und den Verlust ihres Enkels Rupert („Heute, den 1. Mai 1944, morgens 5 Uhr, starb der kleine Rupert, das Söhnchen von unserem Ludwig, 4 Jahr und 4 Tag alt, an Blutvergiftung.“). Der älteste Sohn Johann hatte schon vor Kriegsbeginn nach Aumühle bei Pöttmes geheiratet.

Der Schiltberger Bürgermeisterausweis von Josef Schmidberger der amerikanischen Militärverwaltung in deutscher Sprache.
Bild: Michael Schmidberger (Repro)

Der zweite Sohn Josef wurde, da sein jüngerer Bruder Ludwig ebenfalls einberufen war, am 1. November 1940 nach einem letzten „Einsatz im Operationsgebiet der Westfront“ übergeführt in die Reserve II und für die Mitarbeit auf dem elterlichen Hof freigestellt. Von Mai 1945 bis Mai 1948 war Josef Schmidberger dann Erster Bürgermeister der Gemeinde Schiltberg.

Lesen Sie dazu auch: Aichacherin erzählt vom Kriegsende: Hinter dem Haus versteckten sich SS-Soldaten

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