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Charity

01.07.2018

Marius fährt mit dem Cat-Car zum Frisör

Familie Eichler aus Wundersdorf bei Schiltberg freut sich auf der Benefiz-Aktion, die die Familie Schmidberger aus Pöttmes zugunsten ihres mit Down Syndrom geborenen Sohnes Mitte Juli ausrichtet (von links) Mario Eichler mit Marline, Marius und Mutter Nadine sowie die Töchter Maya und Naja.
Bild: Vicky Jeanty

Marius aus Wundersdorf kam vor 13 Jahren mit Trisomie 21 zur Welt. Sein größter Wunsch: Ein eigenes Zimmer.

Marius rangiert das Cat-Car auf dem Vorhof des Wohnhauses der Familie Eichler in Wundersdorf. Den flotten Doppelsitzer hat er vor kurzem zu seinem 13. Geburtstag von den Großeltern geschenkt bekommen. Der Papa hat dem Gefährt eine neue, aerodynamische Front verpasst. Mit dem Cat-Car ist ein Herzenswunsch des 13-Jährigen in Erfüllung gegangen. Jetzt sind Eltern und Geschwister gefordert. Regelmäßig müssen sie Marius einsammeln, wenn er sich allein auf den Weg macht und die Dorfstraße bis zum Ortsrand abfährt. Die Wundersdorfer wundern sich nicht. So gut wie alle der knapp über 100 Einwohner bei Schiltberg kennen Marius. Gelegentlich wird die Familie per Telefon benachrichtigt, dass Marius unterwegs ist. Auch Evi ruft an. Sie ist Friseurin im Ort und bekommt regelmäßig Besuch von Marius. „Nur Evi darf ihm die Haare schneiden“, sagt Mutter Nadine Eichler. Marius‘ jüngste Schwester, die dreijährige Marline, darf schon mal hinter Marius im Cat-Car Platz nehmen. Wenn dann auch noch die neunjährige Maja und die fünfjährige Naja mit Rad oder Roller mit von der Partie sind, dann sei was los, meint die Mutter.

Was so alltäglich klingt, ist für die Eichlers seit Marius’ Geburt eine Herausforderung. Er kam einen Monat vor Geburtstermin zur Welt, mit der Diagnose freie Trisomie 21. Im Verlauf seiner Entwicklung zeigte er autistische Verhaltensmuster und leidet seit einiger Zeit an der Weißfleckenkrankheit (siehe Kasten). Im Leben von Mario und Nadine Eichler, die aus der Cottbuser Gegend (Sachsen) nach Wundersdorf gezogen waren, galten ab diesem Zeitpunkt andere Prioritäten, als es sich die jungen Eltern vorgestellt hatten.

Das Baby wurde einige Zeit im Krankenhaus versorgt, da es Probleme mit der Atmung gab. Bis zu seinem zweiten Lebensjahr war Marius an einen Monitor angeschlossen, weil er nachts immer wieder Atemaussetzer hatte.

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Beruflich mussten die Eltern sich zeitlich abstimmen: Mario Eichler arbeitet bei der MAN in München, Nadine Eichler war als Krankenschwester in der gynäkologischen und Geburtshilfeabteilung im Krankenhaus Pfaffenhofen an der Ilm tätig. Mit dem Besuch der Elisabeth-Schule in Aichach begann für den knapp Zweijährigen und die Eltern eine Zeit des Aufschwungs. „Der Lebenshilfe verdanken wir sehr viel“, sagen die Eltern.

Eine eingeschworene Gemeinschaft

Marius hat sich dank der vielfältigen Förderungsangebote toll entwickelt. „Er macht alles gern“, bestätigen die Eltern. Mit drei Jahren beherrschte er das gesamte ABC, hatte eine Rolle in einem Musical, seit vier Jahren lernt er Klavier und spielt sämtliche Melodien auswendig. Seine Gedächtnisleistungen überraschen immer wieder. Hört er im Auto einen Schlager, kann er alle Titel sofort angeben. Nachrichten und Wettervorhersagen im Radio gibt er verlässlich an die Familie weiter.

Die vierköpfige Geschwisterbande ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Marius hat aufgrund seiner Erkrankung zwar eine besondere Stellung, muss sich aber wie seine Geschwister an Regeln halten. Nein heißt Nein, Bitte und Danke sagen ist angebracht. Wenn es Marius zu viel wird, zieht er sich zurück. Während des Gesprächs macht er sich an der Wäscheleine zu schaffen. Er nimmt die noch nasse Wäsche ab, die Maja gerade aufgehängt hatte, und will sie auf seine Art neu anordnen. Aufgeregt berichtet die älteste Schwester, dass er gelegentlich alle Bücher aus dem Regal holt und sie ganz ordentlich auf dem Boden ausbreitet. Marius zeigt immer wieder typisch autistische Verhaltensmuster, die die Familie mit großem Verständnis hinnimmt.

Der Junge macht es allen leicht. Er fordert Aufmerksamkeit ein und gleicht das durch sein freundliches Wesen aus. Die neunjährige Maja wurde zum ersten Mal im Kindergarten auf ihren behinderten Bruder angesprochen. Im Gegensatz zu ihren kleinen Schwestern, ist sie sich bewusst, dass ihr Bruder anders ist. Die Eltern achten darauf, dass sie und die Kleinen nicht zu kurz kommen.

Der Bunte Kreis in Augsburg, dessen Angebote Maja als sogenanntes Schattenkind regelmäßig wahrnimmt, hat den Eichlers viel geholfen. Ihr quirliges Temperament kommt der redegewandten Maja zugute: Sie schwimmt und reitet gerne, sie hilft im Haushalt und dem Papa beim Kochen. Ihre kleinen Geschwister sind in der Kita, zuhause ist Puppenspielen, Sandkasten und Planschen im selbst gebauten Swimmingpool angesagt.

Nadine Eichler ist nach fünf Jahren wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt und arbeitet an zwei Tagen im Krankenhaus. Familie, Haushalt, Beruf, Marius und seine drei Schwestern: „Positiver Stress, das ist nicht so schlimm“, fasst sie zusammen. Sie, ihr Mann und die Kinder fühlen sich in Wundersdorf wohl. „Wir sind hier gut aufgenommen worden, haben tolle Nachbarn und hilfsbereite Freunde“.

Dass gerade ihre Familie unter Mitwirkung der Schulleitung der Elisabeth-Schule für die Benefizaktion der Schmidbergers aus Pöttmes ausgesucht wurde, habe sie alle erst mal sprachlos gemacht, meint Nadine Eichler. Beim ersten Besuch am Galgenfeld im Betrieb von Silvia und Franz Schmidberger waren sich beide Familien auf Anhieb sympathisch.

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