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31.07.2010

Menschenwürde war immer oberstes Gebot

Eurasburg Es ist ein Abschied mit Wehmut für den scheidenden Eurasburger Grundschulrektor Matthias Kramer. Doch der Pädagoge freut sich nach über 40 Berufsjahren auch auf mehr Freizeit und weniger Verantwortung. "Die Schule hat sich immer mehr verengt auf die Kernaufgaben", hat Kramer beobachtet. Früher habe man mehr ganzheitlich mit den Kindern arbeiten können. Dass das heute nicht mehr geht, liege an dem knapperen Stundenbudget für Kleinschulen. Waren es früher noch durchschnittlich sechs bis sieben AGs, die zusammenkamen, können heute oft nur noch zwei oder drei gestemmt werden.

Musische Erziehung und lernen in der Natur kommen dabei oft zu kurz. "Das ist schade, weil der Mensch nicht nur aus Lesen und Mathe besteht. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Kinder haben und keine Produktionsmasse", sagt der gebürtige Dresdner, der in Augsburg aufgewachsen ist.

Über Entwicklungen nicht betrübt

Betrübt ist der 64-Jährige über die aktuellen Entwicklungen trotzdem nicht. Denn positives Denken ist ein Teil der Schulphilosophie, die mit Kramer Einzug hielt in Eurasburg.

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Zu Beginn der 1990er Jahre wurden die Freiarbeit eingeführt, offene Unterrichtsformen erprobt und der Stundentakt durch den Schulgong abgeschafft. "Ich bin angetreten, eine humane Schule zu leiten. Eine Schule, von der ich mir vorstellen könnte, dass meine Kinder auch gerne hingehen würden", erklärt der vierfache Vater und Großvater rückblickend. Die kleine Schule - mit 98 Schülern im kommenden Schuljahr - habe die Gelegenheit gegeben, im Team zu arbeiten. Oberster Grundsatz aller Überlegungen: die Menschenwürde der Kinder, der Lehrer und auch der Eltern. "Freiheit ist Tätigkeit" lautet das Motto der Schule, ein Spruch von Maria Montessori. "Nicht im Sinne von Freiheit wovon, sondern Freiheit wozu", sei dies gemeint, macht Kramer deutlich. Ein Leben ohne Zwänge und Pflichten sei nicht möglich, aber jeder Mensch habe die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln.

Wichtig war für Kramer stets ganz besonders, die Erziehungsberechtigten in möglichst viele Projekte mit einzubeziehen. Die sogenannten Schulcool-Nachmittage, die es seit 2006 gibt, sind ein Beispiel dafür. Zweimal pro Schuljahr, im Herbst und Frühjahr, werden Arbeitsgemeinschaften angeboten, die von Eltern und zu einem geringen Teil auch von Lehrkräften geleitet werden. Der Vorteil sei, dass die Eltern einen besseren Einblick in die Arbeit der Lehrer und in die Schule allgemein bekämen, betont Kramer. Im Gegenzug könne die Schule von den Fähigkeiten der Eltern profitieren.

Viele seiner Ziele habe er erreichen können. Dabei half auch das Umfeld. "Die Gemeinde hat hier etwas geschaffen, was uns ermöglicht, pädagogisch zu arbeiten", hebt der Lehrer hervor. Auch die ländliche Region begünstige die gute Arbeitsatmosphäre. Gewalt an der Schule sei kein Problem, die Kinder seien im Verhalten nicht schlechter als früher.

Große Hoffnungen setzt der 64-Jährige künftig auf die Ganztagsschule. Die Befreiung vom Zeitdruck schaffe neue Möglichkeiten, die Kinder optimal zu fördern. Das gelte besonders für Schüler, die von zu Hause wenig Förderung bekämen. Kramers Wunsch war es immer, die Schule auch als Lebensraum bei den Kindern zu etablieren. Sie sollte ein Ort sein, an dem sie sich gerne aufhalten. Da sie ihre Umgebung selbst mitgestaltet haben, gebe es auch keinen Vandalismus.

Ehrungen konnte die Schule unter Kramers Leitung einige einheimsen. Unter anderem war sie zweimal Preisträger des "Goldenen Floh" mit den Projektwochen zur Sozialerziehung "Wir sitzen alle im gleichen Boot" und "Unsere beliebtesten Spiele und Spielzeuge", zweiter Sieger bei "Natur im Schulumfeld" sowie zweiter Landessieger beim Schulinnovationspreis (i.s.I.).

Künftig mehr Sport treiben

In Zukunft will sich der Pensionär wieder der Verlagsarbeit widmen. Er verfasste bereits Bücher für Lehrer zum Thema Mathematikunterricht und Schülerbücher für den Heimat- und Sachkundeunterricht. Außerdem ist er Autor eines Lehrerhandbuchs für Umweltschutz im Schulgelände. Im Juni erschien nun seine Lernkartei für Mathematik, die für Eltern gedacht ist, die ihre Kinder bei den Hausaufgaben betreuen und unterstützen wollen. Kramer will außerdem künftig mehr Sport treiben und auch seine Kinder öfters besuchen.

Der Beruf bringe mit sich, dass man automatisch jünger bleibe, freut sich der 64-Jährige. Nun wünscht er sich, gesund zu bleiben und in einem neuen Lebensabschnitt Erfahrungen zu sammeln.

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