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Landwirtschaft

28.10.2014

Milliarden Hühner und Schweine werden verspeist

In dem vollen Saal entspann sich eine lange, spannende Diskussion.
Bild: Martin Golling

Fleischatlas 2014 berichtet, wie sich der hohe Konsum global auswirkt, und stellt Forderungen auf – auch an die Verbraucher.

Christine Chemniz stand das Wort „Wow“ förmlich ins Gesicht geschrieben: Der Saal, vor dem die Berlinerin im Dasinger Bauernmarkt sprach, war voll. Eingeladen hatten die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), das Bündnis für gentechnikfreies Augsburg und die Kreisgruppe Aichach-Friedberg des Bund Naturschutz. Chemniz ist Mitautorin des Fleischatlas’ 2014, den die Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat.

Allein die nackten Zahlen daraus wirken monströs: 58 Milliarden Hühner, 2,8 Milliarden Enten, 1,4 Milliarden Schweine und nahezu 300 Millionen Rinder verschlingt die Menschheit unter anderem derzeit jährlich. „Hinter diesen Zahlen können keine bäuerlichen landwirtschaftlichen Betriebe stehen“, hielt Chemniz fest. Beängstigend sei, dass mit den BRICS-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) gewaltige Menschenmassen ihren Anspruch auf mehr Fleischkonsum anmeldeten. Vor allem der Verzehr von Schweinen und Geflügel werde rasant zunehmen, prognostizieren die Charts der Böll-Stiftung.

Dabei wanderten bereits heute 40 Prozent der Getreideernten in die Futtertröge, so Chemniz. Ein Drittel aller weltweit verfügbaren Ackerfläche werde heute schon zur Erzeugung von Tierfutter genutzt. Um in Europa billiges Fleisch erzeugen zu können, importiere die Europäische Union (EU) Soja von einer Fläche von 12,8 Millionen Hektar allein aus Südamerika. Chemniz sprach hier von „virtuellen Landimporten“. Soja von dort sei nahezu zu 100 Prozent gentechnisch verändert. „Das wollen zwar 80 Prozent der Bevölkerung in der EU nicht, doch beim Fleisch bleibt nur der Griff zum Bioprodukt, um sich nicht doch mit gentechnisch veränderten Produkten zu ernähren“, betont Chemniz.

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Reste landen in Afrika und zerstören dort die Infrastruktur

Die Reste der paneuropäischen Fleischmahlzeiten landeten tiefgefroren und zu kaum unterbietbaren Preisen auf Märkten in Afrika und zerstörten dort nachhaltig die Infrastruktur, so die Referentin. „In Ghana hat die Regierung das Abkommen mit der EU zwar wieder geschasst, doch kamen die Kleinhändler nie mehr zurück“, berichtete die Berlinerin von den Forschungsergebnissen der Böll-Stiftung.

Deren Mitarbeiter besahen sich auch die Gentech-Sojafelder in Südamerika: „Da ist nichts mit Biodiversität, kein Käfer, kein Schmetterling. Da ist nur Soja“, sagte Christine Chemniz und folgerte: „Wir zerstören dort die Umwelt, vertreiben die Bevölkerung, belasten massiv deren Gesundheit durch Pestizide und zu Hause wissen wir nicht mehr, wohin mit der Gülle.“

Auch über Auswege hat die Böll-Stiftung nachgedacht und einen Forderungskatalog aufgestellt. Keine Investitionshilfen mehr für industrielle Fleischproduktion, heißt es da. Oder: Keine prophylaktische Anwendung von Antibiotika, kein Gentech-Soja und die Futtermittel sollen zu 50 Prozent mindestens aus eigener Produktion kommen.

Die Kernforderungen der Böll-Stiftung treffen aber den Verbraucher: Weniger Fleisch soll er essen, dafür aus biologischer Produktion. Außerdem verlangt die Stiftung wieder mehr „Bildung zu gutem Essen“. Christine Chemniz: „Es ist unsere Verantwortung, eine globale, gerechte Landwirtschaft voranzutreiben.“

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