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27.06.2009

Neun Schülerinnen drücken Schulbank hinter Gittern

Aichach Es ist vier Uhr dreißig in der Früh. Bäckermeister Leonhard Hundseder setzt den ersten Teig an und lässt ihn gehen. Noch ist er alleine an seinem Arbeitsplatz, der kein gewöhnlicher ist. Seit 25 Jahren ist Hundseder mit Leib und Seele Bäckerei-Chef in der JVA Aichach. Zehn Frauen, darunter fünf Auszubildende, arbeiten in der hauseigenen Backstube. Arbeitsbeginn für sie ist um halb sechs. Von Semmeln, Brezen und Brot über Kuchen, Gebäck und zur Weihnachtszeit auch Stollen und Plätzchen werden hier Backwaren aller Art produziert.

VON KLAUS F. LINSCHEID

Außer für den Eigenbedarf backen die Aichacher Damen auch für die JVA Augsburg. Ein Teil geht darüber hinaus in den freien Verkauf im hauseigenen Laden. An manchen Tagen werden bis zu einer Tonne Teig verarbeitet und 7000 Scheiben Brot geschnitten und verteilt. Acht Scheiben pro Person. Besonders stolz ist der Bäckermeister und Konditor (nicht nur den Aichachern auch bekannt als Nikolaus vom Rathaus-Adventskalender) auf das selbst entwickelte Vollkornbrot. Es enthält keine Backmittel, dafür aber gesundes Roggenschrot, Sonnenblumenkerne, Haferflocken und Sesam.

Das Bäckerhandwerk ist der beliebteste Lehrberuf in der JVA

Neun Schülerinnen drücken Schulbank hinter Gittern

Mit seinen fünf Azubi-"Mädels" ist Hundseder nicht nur beliebter Hahn im Korb, zu ihm kommen regelmäßig mit Abstand die meisten Auszubildenden. Die Bäckerei bildet neben der Schneiderei, der Küche und dem Frisör Lehrlinge hinter Aichacher Gittern aus. Insgesamt sind es neun weibliche jugendliche Gefangene, die derzeit einen Beruf erlernen. Nur neun von etwa 14 Ausbildungsplätzen sind allerdings belegt. Das liegt unter anderem auch daran, dass fast zwei Drittel aller jugendlichen Gefangenen bei Haftbeginn nicht über eine abgeschlossene Schulausbildung verfügen. 2006 waren beispielsweise von 35 weiblichen Gefangenen 21 ohne Schulabschluss, fünf hatten einen QA (Qualifizierenden Hauptschulabschluss) und acht wurden mit einfachem Hauptschulabschluss eingeliefert. Ein Schulabschluss ist jedoch Voraussetzung für eine Berufsausbildung.

Drei Lehrerinnen sorgen in Aichach dafür, dass die Jugendlichen (hierzu zählen in diesem Fall auch junge Erwachsene bis zum 27. Lebensjahr) entweder einen Hauptschulabschluss oder den "Quali" erwerben können. Innerhalb von neun Monaten werden sie in einem Crashkurs auf die Prüfung vorbereitet. Zwei Drittel schaffen diese Strapazen, meist mit überdurchschnittlich guten Ergebnissen. Kerstin H. (27) beispielsweise erreichte 2007 einen "sensationellen" Notendurchschnitt von 1,1. Die Prüfungen werden extern abgelegt, entweder in der Hauptschule Hollenbach oder in Kühbach. Nichts deutet also auf den Sonderstatus der Schüler hin. Das Gleiche gilt für die Auszubildenden, die ebenfalls außerhalb der JVA geprüft werden.

Die Arbeitsbetriebe der JVA gehören zu den tragenden Säulen des Strafvollzugs. Bereits vor hundert Jahren gab es Arbeit für die Gefangenen, damals allerdings nur in der Selbstversorgung. Gefangene sind nach dem Bayerischen Strafvollzugsgesetz grundsätzlich zur Arbeit verpflichtet. In Artikel 39 heißt es dazu: "Arbeit, arbeitstherapeutische Beschäftigung, Ausbildung und Weiterbildung dienen insbesondere dem Ziel, Fähigkeiten für eine Erwerbstätigkeit nach der Entlassung zu vermitteln, zu erhalten oder zu fördern." Allerdings gibt es nicht einmal für jede zweite Gefangene einen Arbeitsplatz, bei Männern ist die Quote in Aichach derzeit etwas höher. Zieht man all diejenigen ab, die wegen unterschiedlichster Gründe nicht arbeiten müssen oder können, bleibt immer noch eine Arbeitslosenquote von über zehn Prozent.

Viele Gefangene haben noch nie gelernt zu arbeiten

In den 1970er-Jahren war das noch anders. Die Probleme am Arbeitsmarkt gehen auch an den Justizvollzugsanstalten nicht spurlos vorbei. Günter Rieger arbeitet seit 35 Jahren in der JVA und leitet jetzt das Arbeitswesen. Er weiß davon ein Lied zu singen: "Es ist wie in der freien Wirtschaft", sagt er. "Wir sind zum Beispiel angewiesen auf die Zulieferer in der Automobilindustrie. Dort wird augenblicklich kurzgearbeitet, wodurch die Aufträge weitgehend zurückgefahren sind." Erschwerend kommt hinzu, dass viele Gefangene noch nicht gearbeitet haben oder das Arbeiten noch nicht gelernt haben. Rieger: "Dann ist es erst einmal wichtig, die Gefangenen an einen regelmäßigen Tagesablauf zu gewöhnen, zu dem auch die Arbeit gehört."

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Ein neues Video mit Einblicken zu den Arbeitsbetrieben und alle Beiträge und Videos zur Serie "100 Jahre JVA Aichach" finde Sie im Internet

aichacher-nachrichten.de/jva

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