Nachruf

07.03.2015

„Pfiat di Gott“

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Otto „Josef“ Steuerl bei der Hochmesse der KBJP: Beim Parteitag trug der Weltvorsitzende, Mundartdichter und Humorist seine Josefigedichte vor.

Zum Tode des Weltvorsitzenden der Josefspartei, Otto „Josef“ Steuerl. Was aus seiner Idee am Josefitag vor 30 Jahren geworden ist, das hätte er wohl selbst nicht für möglich gehalten

Den 30. Geburtstag der von ihm gegründeten Josefspartei durfte er nicht mehr erleben. Der Weltvorsitzende der Seppen, Otto „Josef“ Steuerl, hat sie am 19. März 1985 im Turm der Damischen Ritter („Dari-Turm“) in Aichach aus der Taufe gehoben. Am Donnerstag ist der „Grantlhuber“ im Alter von 91 Jahren, wie gestern berichtet, für immer von uns gegangen. Das einzige Ziel seiner Partei, die Wiedereinführung des gesetzlichen Feiertages, 1968 von der Staatsregierung abgeschafft, ist bis heute ein bayerischer Traum geblieben. Und dennoch hätte vor drei Jahrzehnten wohl niemand – und auch er selbst nicht – für möglich gehalten, was aus der Idee von Otto Steuerl aus einer Bierlaune heraus geworden ist.

Über viele Jahre war schon vor der Parteigründung stets am 19. März, dem Josefitag, ein „illustrer“ Kreis Aichacher Bürger (nur Männer – Frauen waren nicht zugelassen) im alten Wehrturm der Familie Specht zusammengekommen und hat sich unter der Leitung des damaligen Sparkassenrats Sepp Sandmeier den Beinamen „die damischen Ritter“ gegeben.

In gemütlicher Runde wurde Starkbier aus weiß-blauen Porzellankrügen getrunken, deftig gespeist und allen schwäbischen wie preußischen Einflüssen vehement abgeschworen. Nach dem Tod Sandmeiers wurde Otto Steuerl neuer Turmhauptmann und am Josefitag 1985 die Königlich Bayerische Josefspartei (KBJP) ins Leben gerufen. Binnen kurzer Zeit schlossen sich Hunderte Seppen, und jene, die es werden wollten, der neuen „Partei“ an. Der erste Parteitag fand ein Jahr später, 1986 also, beim Zieglerwirt statt. Als ersten Festredner begrüßte Otto „Josef“ Steuerl den damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl.

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Die Begeisterung um die nicht immer ganz ernst zu nehmende Josefspartei schlug hohe Wellen – vor Ort, im Wittelsbacher Land, in Bayern und Deutschland und sogar rund um die Welt. In fernen Städten und Ländern wurden Ortsgruppen der Josefspartei gegründet, Steuerl mutierte vom Bundesvorsitzenden zum Weltvorsitzenden, und bei den alljährlich wiederkehrenden Parteitagen, später in der TSV-Halle und lange Jahre im Aichacher Volksfestzelt, gab sich nicht nur die Politprominenz die Klinke in die Hand. Bundes- und Landesminister, Adelige und Ministerpräsidenten und auch solche, die es einmal werden möchten oder könnten – von Goppel über Faltlhauser, bis zu Söder und Seehofer ehrten den Josef und sprachen vor einem vollen Saal oder Bierzelt.

Die Parteiveranstaltungen alljährlich im März zogen immer mehr Menschen und prominente Festredner an. Unter ihnen der Münchner Turmschreiber Kurt Wilhelm oder der Mundartdichter Helmut Zöpfl. In den Anfangsjahren war auch der Königstreue Helmut Lohmeier in Aichach zu Gast. 1997 zählte die Josefspartei bereits rund 4000 Mitglieder und zwar „weltweit“, heute sind es 6500 Mitglieder. Und sage keiner, die KBJP gehe nicht mit der Zeit: Der Jahresbeitrag beträgt mittlerweile einen Euro statt einer Mark. Die Mitgliedschaft berechtigt, den Namen Josef, heute auch Josefine (so viel in Sachen Gleichberechtigung), als zusätzlichen Vornamen zu tragen.

1988 erteilte der Stadtrat die Genehmigung, eine kleine Pflasterfläche vor dem Oberen Tor auf den Namen Josefsplatz zu taufen. Im März 1989 wurde durch Bischofsvikar Martin „Josef“ Achter aus Aichach-Walchshofen das Josefsdenkmal eingeweiht.

Ein gefundenes Fressen für viele Fernsehsender

Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz war der frühere Bürgermeister der Partnergemeinde Schifferstadt, Josef Sold. Der in Brasilien lebende Bruder des ehemaligen Aichacher Stadtoberhaupts, Schorsch Hutzler, wurde Landesvorsitzender der Josefspartei in Brasilien. Viel umjubelt war 1998 der Auftritt von König Cephas Josef Bansah aus Ghana, dem Kontinentalvorsitzenden der Josefspartei in Afrika. Im Ziegenfellkostüm, mit Krone, Federschmuck und Kettenzepter war er natürlich ein begehrtes Fotomotiv. Selbstverständlich hat er auch die weiß-blaue bayerische Fahne bei sich zu Hause in Ghana hängen. Für Fernsehsender und andere Medien waren die Parteitage ein gefundenes Fressen, um bajuwarische Traditionen und Originale einzufangen. Bärte, Lederhosen, Dirndl, weiß-blaue Krawatten und die Rautenfahne gehörten beim Josefsparteitag ebenso dazu, wie bayerisches Bier und Sprücheklopfen.

Unter dem verstorbenen Aichacher Altbürgermeister Alfred „Josef“ Riepl wurde gar laut – aber nicht ernsthaft – über die Kandidatur der Josefspartei zur Bundestagswahl nachgedacht. Wenn Otto „Josef“ Steuerl den Maßkrug nach oben stemmte und rund 2000 Seppen und Josefinen („Finnis“) aufforderte, „Lasst uns den heiligen Josef ehr’n“ lagen ihm die Mitglieder der Josefspartei im Festzelt zu Füßen. Zuletzt konnte er noch 2002 selbst das Zepter schwingen.

Als der Weltvorsitzende nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt war, hatten Johann „Josef“) Reithmeier, der Vorsitzende der Krieger- und Soldatenkameradschaft, und der damalige Parteisekretär Fritz „Josef“ Beintner (Schwiegerwohn des Bauunternehmers Hans Amon) die Regie übernommen. Bayerischer Defiliermarsch und Bayernhymne sollten später nicht mehr in Aichach, sondern beim Kühbacher Brauereifest erklingen.

„Lasst uns den Heiligen Josef ehr’n“ wird sicher noch lange an den gestorbenen Gründer der Josefspartei, Otto „Josef“ Steuerl, alias langjähriger Zeitungskolumnist „Grantlhuber“, erinnern. Wahrscheinlich konnte er es zusammen mit dem Glaswinkler Paulus trotz ihres damaligen Protestmarsches nach München nie verwinden, dass das stets altbayerische Aichach seit der Gebietsreform schwäbisch werden musste. "Bayern

Pfiat di Gott Grantlhuber – mach’s guad. Jetzt schaust halt von einer weiß-blauen Wolk’n auf dein geliebtes Oacha oba ...

Die Beisetzung von Otto „Josef“ Steuerl findet im engsten Familienkreis statt.

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