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Aichach

09.10.2014

Raphael Müller: Ein Buchautor im störrischen Körper

Raphael Müller wirkt noch immer, als würde er von all den Gesprächen um ihn herum nichts mitbekommen. Er sitzt im Rollstuhl, den Blick auf einen Punkt in der Luft gerichtet.
Bild: Jakob Stadler

Raphael Müller ist Autist. Der 15-Jährige sitzt im Rollstuhl und spricht kein Wort – doch er schreibt. Nun präsentiert er seine Autobiografie auf der Frankfurter Buchmesse.

Ein 15 Jahre alter Junge, der seine Autobiografie veröffentlicht – das ist so ungewöhnlich wie Raphael Müllers Leben.

Raphael spricht nicht. Bereits vor seiner Geburt erlitt er einen Schlaganfall und ist daher auf einen Rollstuhl angewiesen. Lange glaubte niemand, dass der stumme Junge zum klaren Denken fähig war. Doch seitdem er sieben ist, hat sich sein Leben erheblich verändert. Durch sogenanntes „gestütztes Schreiben“ kann er seitdem mit seiner Umwelt kommunizieren. Und beweist, dass er seine Umgebung besser versteht als die meisten Sprechenden. Raphael ist Autist.

Ein Tablet-PC erlaubt Raphael zu kommunizieren

Von außen wirkt er noch immer, als würde er von all den Gesprächen um ihn herum nichts mitbekommen. Er sitzt in seinem Rollstuhl, den Blick auf einen Punkt in der Luft gerichtet. Raphael zeigt zuerst keine Rektionen auf eine direkte Ansprache. Doch dann bewegt er seinen Arm in Richtung des Tablet-Computers vor ihm. Seine Mutter, Ulrike Müller, stützt sein Handgelenk. Mit Ein-Finger-System tippt er Buchstaben, Worte, einen ganzen Satz. „Soll ich ein Buch signieren?“, fragt er.

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„Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ lautet der Titel seiner Autobiografie. Raphael beschreibt erstaunlich genau, wie es sich anfühlte, seine Umgebung zu verstehen, das aber niemanden mitteilen zu können. „Es gibt ein Davor und ein Danach in meinem Leben“, schreibt Raphael in seinem Buch. Die Zeit vor den ersten Versuchen des „gestützte Schreibens“ und die Zeit danach. Am Donnerstag und Freitag ist der junge Autor auf Frankfurts Buchmesse und präsentiert dort seine Autobiografie. Die Fahrt zur Messe hat er sich zum Geburtstag gewünscht.

Mit elf die erste Kurzgeschichte verfasst

Sein Buch ist nicht der erste längere Text, den Raphael geschrieben hat. Schon mit elf Jahren nahm er mit der 28-seitigen sozialkritischen Kurzgeschichte „Jonas wird ausgeschlossen“ am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teil. Er wurde als einer der elf bayerischen Landessieger ausgezeichnet – obwohl er erst drei Wochen vor dem Abgabetermin zu schreiben begonnen hatte. Das Thema „Skandale in der Geschichte“ war bereits sechs Monate vorher bekannt gegeben worden. Raphael scheint beinahe froh darüber zu sein, nicht auch noch einen der Bundespreise gewonnen zu haben. Ein Bundessieg „wäre auch unfair gewesen gegenüber allen, die sich tatsächlich ein halbes Jahr lang geplagt haben“.

Sein Text soll, wie auch seine Autobiografie, die Leser zum Nachdenken bringen. Zum Nachdenken über Inklusion, für Raphael ein Herzensthema. „Ich will nicht in einem Ghetto leben“, formuliert er. Der Kontakt mit gesunden Gleichaltrigen ist ihm sehr wichtig. Deshalb besucht er auch das Deutschherren-Gymnasium in Aichach. Er freut sich, am Unterricht teilnehmen zu können. Heute ist außerdem ein Freund aus der Schule zu Besuch.

Raphael liest und schreibt neuerdings auch auf Englisch

Raphael schreibt nicht nur gerne, sondern liest auch eine Menge Bücher. Und das nicht nur auf Deutsch. Englisch und Italienisch kennt er aus der Schule. Und seit er eine türkische Begleitperson hatte, liest und schreibt er auch Türkisch.

Der Kontakt zum Verlag, der Raphaels Autobiografie veröffentlicht hat, kam eigentlich wegen einer ganz anderen Geschichte zustande: Seit der fünften Klasse schreibt Raphael „Zwergengeschichten“. Unter diesem Namen hat er zwei Bücher fertiggestellt, das dritte ist in Arbeit. Die Rahmenhandlung für diese Fantasygeschichten entstand in einer Deutschschulaufgabe. Doch bisher hat sich niemand gefunden, der die Bücher veröffentlichen will. Doch ein Verlag schlug vor, ein Buch über Raphaels Leben zu publizieren. Nach weniger als drei Monaten war die Rohfassung fertig: Nach 228 390 Tippbewegungen, fast 150 Seiten.

Ein Kopfmensch im störrischen Körper

Ob er auch später beruflich schreiben will? Mama Ulrike fasst Raphaels Handgelenk, er beginnt auf dem Touch-Screen zu tippen: „Auf alle Fälle! Ich möchte meinen Kopf anstrengen. Ich bin eben ein Kopfmensch im störrischen Körper.“

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