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Aichach-Friedberg

25.02.2019

"Rettet die Bienen": Das Geschäft mit der Blumenwiese boomt

Es soll blühen und Summen auf den Wiesen, die Landwirte für Bürger gegen eine Pacht anlegen wollen.
Bild: Sandra Baumberger

Plus Die Gegenreaktion von Landwirten zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“ weitet sich aus. Patenflächen für die Artenvielfalt finden reges Interesse. Die Preisspanne ist enorm.

Was als demonstrative Gegenreaktion zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“ startete, hat sich zur landesweiten Geschäftsidee entwickelt. Vom Watzmann im Berchtesgadener Land bis zur Wasserkuppe in der Rhön bieten bayerische Landwirte in diesen Tagen Insekten- und Naturschützern an, gegen eine Pacht Blumenwiesen anzusäen und sich damit nicht nur mit einer Unterschrift, sondern aktiv für die Artenvielfalt einzusetzen. Auch einige Bauern aus dem Wittelsbacher Land sind dabei.

Die erste Bilanz von Andreas und Barbara Karl ist positiv. Wie berichtet, legen die Kühbacher auf einem Teil ihrer 80-Hektar-Fläche eine Bienenweide an. 40 heimische Kräuter und Wildblumen sollen dort abwechselnd das ganze Jahr über blühen. Laut Barbara Karl gibt es derzeit zwischen 70 und 100 feste Interessenten. Sie geht von zwei Hektar Blumenwiese (entspricht 20.000 Quadratmeter oder drei Fußballfelder) aus, es könnte natürlich noch mehr werden.

Wer die Wiesen-Ursprungsidee hatte, ist umstritten, das nehmen nämlich mittlerweile mehre Landwirte für sich in Anspruch. Und die Modelle sind vielfältig: In Mammendorf (Kreis Fürstenfeldbruck) bieten 15 Landwirte zusammen rund 15 Hektar entlang von Gewässern und an Feldrändern, bei Bedarf auch mehr, für Patenschaften an – aber nur für Bürger aus der eigenen Gemeinde.

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Artenschutz: Die Bauern hier verlangen die geringste Pacht

Auch die Preise, um sich sein ökologisches Gewissen zu erleichtern, sind höchst unterschiedlich. Auch hier gelten die Gesetze der freien Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage. Landwirte aus den Nachbarlandkreisen Neuburg-Schrobenhausen und Pfaffenhofen verlangen zum Beispiel 50 Euro im Jahr für 100 Quadratmeter mit Blumen. Auch im Augsburger Land wurde das Anfang Februar aufgerufen. Das war sozusagen der landesweite Vergleichspreis. Es gibt aber auch Anbieter im Internet, die langen gleich mit 50 Euro für 50 Quadratmeter hin. Im nördlichen Teil des Landkreises Aichach-Friedberg bekommt der Naturschützer aus Stadt und Land derzeit für das gleiche Geld vier mal so viel Blumen – also 200 Quadratmeter für 50 Euro. Übrigens argumentieren bei der Kostenfrage fast alle Landwirte gleich – nur der Preis ist bis zu vier mal so hoch: Das Angebot sei eine Win-win-Situation für Bauer, Natur und Bürger. Die 200 (100, 50) Euro würden dem entsprechen, was auf den 200 Quadratmetern sonst bei konventioneller Bewirtschaftung und dem Anbau von Mais oder Kartoffeln erwirtschaftet werde.

Blumenwiese: Isidor Held bietet Fläche bei Aindling an

50 für 200 oder ein Euro für vier Quadratmeter – das ist auch das Angebot von Isidor Held Junior. Der junge Landwirt aus Aindling hat das eindeutige Ergebnis des Volksbegehrens (fast 21 Prozent im Landkreis) so angenommen wie es eben ist und geht wie manche seiner Berufskollegen nun in die Offensive. Er und seine Freundin Sylva Seitz haben einen 1,1 Hektar großen Acker, den sie nun in eine Blühfläche umwandeln wollen. Sollten sich mehr Menschen melden, als aus den 11000 Quadratmetern 200-Quadratmeter-Fenster auszugliedern sind, würden sich weitere Flächen finden. Der Acker, ein nach Südwesten geneigter Hang, liegt zwischen dem Ortsteil Arnhofen und Aindling. „Wir wollen was gegen das Artensterben machen, aber es muss auch klar sein, dass das finanzierbar sein muss“, sind sich Isidor und Sylva einig. „Das mit dem Insektensterben ist ähnlich wie mit der Klimaveränderung: Wir sind die erste Generation, die das spürt und wahrscheinlich zugleich die letzte, die etwas dagegen unternehmen kann“, klagt Sylva. Sie hat eine Internetseite aufgebaut, die über die Patenschaft für die Blühflächen Auskunft erteilt.

Grundsätzlich ist beim Oberbauernhof manches anders als auf anderen Höfen, die das große Sterben ihrer Artgenossen überlebt haben. „Wir bewirtschaften rund 60 Hektar Ackerfläche, halten 60 Milchkühe und nutzen die anfallende Gülle in einer kleinen Biogasanlage. Es ist gewiss nicht unser Ziel, ständig weiter zu wachsen, nur um nicht weichen zu müssen“, erklärt Held die wirtschaftliche Grundlage seines Betriebes. „Wir setzen schon lange auf Humusaufbau auf unseren Äckern, arbeiten mit Zwischenfrucht. Ich kann nur für mich sprechen und für mich ist klar: der Bauer ist derjenige, der den Boden schützen will“.

Anfragen aus München, Augsburg und Mering

Bei Familie Karl in Kühbach ist Barbara Karl derzeit durch die Blühwiesen-Aktion „ziemlich beschäftigt“: Anrufe und E-Mails beantworten, Verträge und Bienenzertifikate zusenden, Organisation, etc. Die meisten Interessenten kommen aus dem Städtedreieck München-Augsburg-Ingolstadt, es gebe aber auch Anfragen aus dem Umkreis und gleich mehrere aus Mering, sagt Barbara Karl. Das Landwirtspaar hat überregional inseriert und ihre Blühwiese hat sich zur Öko-Geschenkidee entwickelt. Männer schenken sie ihren Frauen zum Hochzeitstag, Paare überraschen sich zum Valentinstag, erzählt die Landwirtin. Am besten findet aber die Kühbacherin die Uroma, die Blumen für ihre Urenkel säen lässt. (mit mgw)

Lesen sie dazu den Kommentar von Christian Lichtenstern: Blühflächen dürfen kein ökologisches Feigenblatt sein

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