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Interview

23.02.2018

Schulleiter Detlef Kraze: „Man braucht ein dickes Fell“

Detlef Kraze war fast 14 Jahre lang Schulleiter der Wittelsbacher Realschule in Aichach. Nun geht er in den Ruhestand. Im Rahmen einer festlichen Veranstaltung in der Schule wurde er, wie berichtet, bereits offiziell verabschiedet.
Bild: Vicky Jeanty

Nach fast 14 Jahren als Schulleiter der Wittelsbacher Realschule geht Detlef Kraze in den Ruhestand. Wehmut empfindet er nicht.

Herr Kraze, Sie blicken auf 45 Dienstjahre zurück, davon fast 14 Jahre als Schulleiter der Wittelsbacher Realschule in Aichach. Welches Fazit Ihrer langjährigen Lehrer- und Schulleiterkarriere ziehen Sie?

Detlef Kraze: Rückblickend kann ich sagen, dass ich mich von Anfang an für das Richtige entschieden habe. Die Fächerkombination Mathematik und Physik war ebenfalls klar. Das Unterrichten hat mir immer Spaß gemacht, auch während meiner Zeit als Schulleiter. Die Leitung der Wittelsbacher Realschule in Aichach habe ich gerne übernommen, die Arbeit war abwechslungsreich und interessant, die Aufgaben waren vielfältig. Wenn alles gut läuft, ist das angenehm.

Hat sich im Lauf der Jahre das Berufsbild des Lehrers und auch das des Schulleiters gewandelt?

Kraze: Der Lehrerjob mit 24 Wochenstunden ist brutal anstrengend. Bei diesem Berufsbild braucht man ein dickes Fell. Man muss viel Energie mitbringen, zumal die Schule nebenbei auch einen Großteil der Erziehung leistet. Andererseits, wenn man tagtäglich drinsteckt, besteht auch die Gefahr, dass man, mit Blick auf früher, vieles glorifiziert. Ich bin besonders froh darüber, dass wir seit dem Schuljahr 2014/2015 über eine erweiterte Schulleitung verfügen. Das ist eine große Entlastung, da wir ein Team von insgesamt sechs Leuten sind, in dem jeder einen eigenen Aufgabenbereich übernimmt.

Hat sich die Schülerschaft verändert?

Kraze: Früher gab es mehr Miteinander zwischen Elternhaus und Schule. Bei schlechten Noten wurden die Kinder in der Regel zu Hause zur Rede gestellt. Heute wird die Schuld oft beim Lehrer gesucht. In Aichach sind wir in der glücklichen Lage, dass aufgrund der ländlichen Gegend die Strukturen noch intakter sind als in der Großstadt. Viele unserer Referendare wollen gar nicht mehr weg, das Kollegium und die Schüler sind hier doch noch mal anders. Tatsache ist – und das sagen die Kollegen –, dass die Konzentrationsfähigkeit der Schüler im Vergleich zu früher nachgelassen hat. Bei 30 Minuten wird das schon schwierig. Geklagt wird auch über die nachlassenden Fähigkeiten in den Grundtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen.

Woran liegt das?

Kraze: Ein Grund mag in den ständig sich wandelnden Unterrichtsmethoden und -konzepten in den Grundschulen liegen. Hinzu kommt die Rolle der Medien, die im Schüleralltag nicht wegzudiskutieren ist. Wir leben damit. Mit Vorträgen seitens der Polizei und auch schulintern werden die Schüler auf den Medienmissbrauch aufmerksam gemacht. Aber auch auf diesem Gebiet kann die Schule nicht alles leisten. Die Eltern sind ebenso gefordert. Ein Fernseher hat zum Beispiel in einem Kinderzimmer nichts verloren.

Sehen Sie noch andere Gründe?

Kraze: Ein hoher Prozentsatz der Schüler ist nicht auf der optimalen Schule. Das betrifft alle Schularten. Ich halte nichts davon, dass jeder Abitur machen soll. Es werden so viele Facharbeiter oder Handwerker benötigt, da muss nicht jeder einen höheren Schulabschluss machen. Viele Schüler wären zufriedener, wenn sie eine ihren Fähigkeiten angemessene Schule besuchen würden.

Wie hoch ist der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund? Gibt es diesbezüglich Probleme?

Kraze: Lediglich sieben Prozent unserer Schüler haben ausländische Wurzeln (bei einer Gesamtschülerzahl von aktuell 877. Anm. der Redaktion). Das geht ohne größere Probleme. Wir sind eine friedliebende Schule.

Gibt es generell Probleme an der Schule, zum Beispiel mit Mobbing?

Kraze: Natürlich gibt es gelegentlich Mobbing oder auch mal Schlägereien. Im Notfall ergreifen wir eigene Maßnahmen, auch die Schulpsychologin wird eingeschaltet, oder die Eltern. Bisher gab es keine gravierenden Vorkommnisse.

Detlef Kraze setzt auf eine weltoffene Schule

Was halten Sie von der fortschreitenden Digitalisierung im Klassenzimmer?

Kraze: Die Digitalisierung wird sich nicht vermeiden lassen. Hier ändert sich vieles. Seit diesem Schuljahr haben wir eine iPad-Klasse, die sehr gut angenommen wird. Die betroffene 7. Klasse ist im Versuchsstadium. Die Eltern haben die Geräte gekauft, was an Apps gebraucht wird, besorgt die Schule. Alle Schüler haben die gleichen Sachen drauf. Daneben haben sie noch ganz normale Hefte und Bücher. Der zweite Konrektor Wilhelm Karl leitet die Klasse, weitere interessierte Kollegen wollen ebenfalls die erforderliche Fortbildung absolvieren.

Die Realschule Aichach ist eine international vernetzte Schule. Das ist mit Ihr Verdienst.

Kraze: Ich bin ein totaler Fan von Europa. Ich kann die nationalistischen Tendenzen nicht verstehen. Grenzen überwinden, das geht nur zusammen. Viele Jahre pflegte unsere Schule eine Schulpartnerschaft, die leider eingeschlafen ist. Wir beteiligten uns am Comenius-Projekt, das mittlerweile Erasmus-Programm heißt. Wir waren mit Schülern unter anderem in der Türkei, in Portugal und in Bulgarien. Mehrere Lehrer beteiligten sich an den entsprechenden Fortbildungen. Über den direkten Kontakt mit Schülern und Kollegen aus den Partnerländern bekommt man Einblicke, die man so nicht bekommen würde, man lernt unterschiedliche Mentalitäten kennen.

Herr Kraze, gehen Sie mit Wehmut?

Kraze: Nein, es reicht, es ist nicht mehr wichtig. Das will nicht heißen, dass ich meine Arbeit bis zum Schluss nicht gerne gemacht habe.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger, Hans Friedrich Stock? Haben Sie eine Vision?

Kraze: Ich habe den Kollegen bereits mehrmals getroffen und wir haben uns ausgetauscht. Ich bin mir sicher, dass die Schule bei ihm in guten Händen ist. Er wird sich den Betrieb sicher erst mal anschauen. Das Schulklima ist gut, die erweiterte Schulleitung funktioniert, der Neubau wird – hoffentlich – saniert. Eine Vision im eigentlichen Sinne habe ich nicht.

Welche Pläne haben Sie für Ihren Ruhestand?

Kraze: Ostern werde ich mit meiner Frau eine Reise nach Marokko machen. Im April fahre ich für zehn Tage mit dem Motorrad nach Kroatien. Allein, denn meine Frau muss arbeiten. Sie ist Lehrerin und hat noch eineinhalb Jahre vor sich.

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