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30.09.2018

So hilft eine Pöttmeserin nach schweren Unglücken

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2 Bilder
Angela Hammerl aus Pöttmes, die aktive Pöttmeser Feuerwehrfrau und Fachberaterin in der psychosialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte der Feuerwehr, ist immer dann im Einsatz, wenn es um besonders belastende Einsätze geht. Auf dem Bild der im Rahmen einer Übung simulierte Flugzeugabsturz in Pöttmes.
Bild: Kristina Billhardt

Angela Hammerl ist Fachberaterin in der psychosozialen Notfallversorgung für Feuerwehren im Landkreis. Geholfen hat sie auch nach dem Zugunglück in Aichach.

„Manchmal sehen und erleben die Kameraden Dinge, die andere ihr ganzes Leben lang nicht sehen“, sagt Angela Hammerl aus Pöttmes. „Dinge“, die mit Naturkatastrophen zu tun haben, mit Unfällen, die Menschen aus der Bahn werfen, mit Ereignissen, die belastend für die Betroffenen und die Helfer sind. Hier beginnt die ehrenamtliche Arbeit der Diplom-Pädagogin und Fachberaterin in der psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte der Feuerwehren (PSNV-E) im Landkreis Aichach-Friedberg. Das Aichacher Zugunglück im Mai, bei dem zwei Menschen starben und 15 Menschen verletzt wurden, war so ein Ereignis.

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Auch damals war Angela Hammerl im Einsatz. In ihrer Funktion als PSNV-E hatte sie zunächst die Aufgabe, sich einen Überblick über das furchtbare Geschehen zu verschaffen. Es galt festzustellen, mit welchen Eindrücken die Kameraden konfrontiert und welchen Einflüssen sie ausgesetzt waren. Hammerls Aufgabengebiet geht aber weit über die Einsätze hinaus. Sie leitet Fortbildungen, betreut und bildet die sogenannten Peers aus. Die präventive Maßnahme der Schulung aller Kameraden gehört im Rahmen der Modularen Truppausbildung (MTA) zur Pflichtausbildung sämtlicher Aktiven.

Manche versuchen alles wegzustecken, andere verstummen

Angela Hammerl begrüßt diese Regelung. Zwar nimmt ihrer Meinung nach die Zahl der schweren Unfälle nicht extrem zu. Die schnelle Verbreitung durch die Medien samt dramatischer Fotos trage aber dazu bei, dass in der Öffentlichkeit ein gegenteiliger Eindruck entstehe. Was laut ihrer Erfahrung zunimmt, ist die Nachfrage der Kameraden nach Angeboten nach einem Einsatz. Erfreulicherweise gehe das einher mit einer größeren Bereitschaft der Helfer, über das belastende Erlebnis zu sprechen, die persönliche Befindlichkeit zu artikulieren. Hammerl kennt die Reaktionsmuster: Die einen versuchen, alles wegzustecken, andere reagieren genervt oder verstummen aus Scham oder Angst, Schwäche zu zeigen. Wichtig sei ihr, dass die Helfer lernten, mit ihren Eindrücken umzugehen, ohne ihre Regungen verdrängen zu müssen. Unbekannte Reaktionen des Körpers treten oft erst Stunden nach dem Einsatz auf. Die gelte es, als „normale Reaktionen auf unnormale Situationen“ richtig einzuordnen, sodass eine erfolgreiche Verarbeitung gefördert werde, sagt sie.

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Die psychosozialen Hilfsangebote gab es früher auch. „Früher saß man nach dem Einsatz im Gerätehaus, hat ein Bier getrunken und über den Einsatz gesprochen“, sagt Kristina Billhardt aus Haunswies (Affing). Sie hat sich als aktive Feuerwehrfrau zum Peer ausbilden lassen (siehe Infokasten).

„Das ist heute auch noch so“, der Unterschied sei aber, dass man heute das Erlebte anders bespricht. „Vor allem wissen wir, wie man mit der Belastung besser umgeht“, sagt Billhardt. Für sie sei das eine gewisse „Qualitätssicherung“, vermittelt durch geschulte, professionelle Fachkräfte.

Man braucht ein „Helfer-Gen“

Hammerl betont, dass die Verarbeitung schlimmer Erlebnisse laut Forschung leichter gehe, und Traumafolgestörungen seien geringer, wenn die Einsatzkräfte zuvor die nötigen Erkenntnisse erworben hätten. Primärprävention nennt sich das. Die Informationen sind breit gestreut: Was kommt potenziell auf den Helfer zu? Welche Reaktionsmuster sind „normal“? Welche körperlichen und seelischen Auswirkungen sind zu erwarten? Welche Gegenmaßnahmen, Verhaltensmuster, Schutzmechanismen sind angebracht? Ein solches Vorwissen soll belastungsbedingte Störungen vermindern oder bestenfalls völlig verhindern. Die einsatzvorbereitenden Maßnahmen werden als Primärprävention in Schulungen vermittelt. In einem zweiten Aufgabenbereich geht es um den direkten Einsatz während des Geschehens wie beim Aichacher Zugunglück. Der werde so gering wie möglich gehalten, um das Rettungsteam nicht zu behindern, so Hammerl.

„Das Nachsorgeteam steht dann in der zweiten Reihe“, sagt die Fachfrau. Die dritte Schiene zielt auf die Nachsorge, die meist in Form von Gruppen- oder Einzelgesprächen stattfindet. In den seltensten Fällen muss das Nachsorgeteam eine längerfristige Unterstützung vermitteln. Diese wird durch Beratungsstellen, Ärzte oder Psychotherapeuten durchgeführt.

Hammerl kann sich bei ihren Arbeitseinsätzen auf die Peers verlassen (siehe Kasten). Als „Gleiche unter Gleichen“ leisteten die Peers als erfahrene Einsatzkräfte zusätzlich wertvolle Arbeit im Bereich der Nachsorge, so Hammerl. Deren Ausbildung findet in der Regel in der Feuerwehrschule in Geretsried bei München statt, Hammerl ist für die Weiter- und Fortbildung der Multiplikatoren zuständig und betreut die Peers in allen wichtigen Belangen. 15 von ihnen, darunter mehrere Frauen, sind im Kreis tätig. Sie sollten psychisch stabil und empathisch sein und eine gewisse Lebenserfahrung haben. Peerfrau Kristina Billhardt spricht ergänzend von einem „Helfer-Gen“. Angela Hammerl sagt dazu lakonisch: „Da muss man so ein Typ sein.“

Als solcher „Typ“ rekapitulierte sie nach dem Zugunglück mit Kameraden und dem Kommandanten der Aichacher Feuerwehr, Michael Sieber, das Geschehen noch einmal. Es gab Aktive, die ihr Angebot zu einem Nachsorgegespräch in Anspruch genommen haben. Hammerl dazu: „Ich kann sie nur unterstützen. Die Kameraden müssen viel selber leisten. Sie können ganz viel selber.“

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