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Landwirtschaft

23.05.2018

So können Bauern Unkraut ohne Chemie loswerden

Wie befreit man den Ackerboden (großes Bild oben) ohne Chemie von Unkraut? In Wilpersberg wurden verschiedene Methoden und Maschinen vorgestellt. Beim Treffler-Striegel (unten links) ist der Druck der Zinken auf den Boden und somit die Arbeitstiefe individuell per Feder- und Seilzug einstellbar. Eine smarte Hacke hat Biobauer Dieter Leibing entwickelt (unten rechts).
Bild: Martin Golling

Ackerbauern informieren sich in Wilpersberg bei Praxisnachmittag des Bund Naturschutz über alternative Methoden – von der smarten Hacke bis zum Roboter.

Bis zu 90 Prozent der Insektenmasse sind laut einer Studie seit 1990 verschwunden. Die krabbelnde und summende Zunft steht ziemlich am Anfang der Nahrungskette. „Ohne Insekten keine Vögel“, spann Marion Ruppaner, Landwirtschaftsreferentin des Bund Naturschutz (BN), in Wilpersberg (Stadt Aichach) den Faden fort. Konkret heißt dies: Zwischen 1980 und 2010 ist die Hälfte so mancher Vogelart verloren gegangen. In Zahlen sind dies bei Arten wie Rebhuhn, Grau- und Goldammer oder der Feldlerche 300 Millionen Vögel. Grund genug, etwas dagegen zu tun. Statt der angekündigten 50 Berufskollegen konnte Stephan Kreppold 200 Landwirte zu einem Praxisnachmittag auf seinem Biohof in Wilpersberg begrüßen. Sie alle wollten sehen, wie Unkrautvernichtung ohne Chemie funktionieren könnte. Eingeladen zur Veranstaltung hatte der BN.

Kreppold brach gleich zu Anfang eine Lanze für die Bauern: „Das Insektensterben kann nicht allein der Landwirtschaft angelastet werden.“ Er nannte „Steine statt Buchs in den Vorgärten“ und „die Zunahme im Handyfunkverkehr“ als weitere potenzielle Insektenmassen-Vernichter. Für Kreppold gilt aber auch der Satz: „Wer Artenvielfalt will, muss auf Agrarchemie verzichten.“ Für den Biobauern ist die Glyphosat-Diskussion eine Stellvertreterdebatte, die zeige, dass „viele Menschen diese Art Pflanzenschutz nicht wollen.“

Alexander Kögel ist Biolandberater. „Mit der Hand muss heute keiner mehr durchgehen, wenn er vernünftige Hacktechnik anwendet“, sagt er gleich zu Beginn seines Vortrags. Grundlage für nachhaltigen Erfolg in der präventiven Beikrautregulierung seien neben dem Kleegrasmanagement die optimale Wahl der Zwischenfrucht und die Nutzung der Konkurrenzkraft der Saat. Die von ihm vorgestellten „ewigen Anbauregeln“ fordern fundiertes Wissen über die Fruchtfolge, Kenntnisse darüber, aufgrund welcher Fehler sich Beikräuter wie Ampfer, Distel oder Schachtelhalm hartnäckig halten und wie sich welcher Maschineneinsatz wann am positivsten auswirkt. Beispiel: „Willst du den Ackerfuchsschwanz zurückdrängen, musst du wissen, dass seine stärksten Wachstumsphasen im Frühjahr und im Herbst sind.“ Hier eine ziemlich aktuelle Erkenntnis: „Einen durchschlagenden Einfluss auf den Erfolg bei mechanischer Beikrautbekämpfung hat die Arbeitsgeschwindigkeit.“

So können Bauern Unkraut ohne Chemie loswerden

Maschinen haben sich rasant entwickelt

Die Palette der zur Verfügung stehenden Maschinen hat sich erstaunlich entwickelt. Torsionshacke, Flachhäufler für Reihensaaten, Rollstriegel, die Fingerhacke zur Unkrautentfernung direkt am Halm der Nutzpflanze, Rollhacke (sie wird meist mit 10 bis 15 Kilometern pro Stunde über den Acker gezogen), der Hakenpflug und die aus unserer Region stammende Treffler-Hacke (aus dem Pöttmeser Ortsteil Echsheim) sind nur einige Beispiele, die auch gerne miteinander an Front- und Heckhydraulik kombiniert werden.

Erstaunlich viele der anwesenden Landwirte sagten bei der anschließenden Diskussion, dass sie selber teilweise mit eigenen Konstruktionen über ihre Äcker fahren. Sowohl die große als auch die kleine Politik spricht derzeit viel von „Digitalisierung“ und von „Industrie 4.0“. Die Landwirte stecken hier bereits mitten im Thema, und das nicht nur in Form von PS-starken, computergestützten und GPS-vernetzten Traktoren. Helmut Süß, Redakteur beim Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt, führte vor, was sich im Hightech-Bereich tut. Da wuselt im Video ein Roboter durch die Maisreihen und hält sie frei von Beikräutern. Die Firmen Bosch, Witzenhausen und Majo haben solche Mini-Pflanzenpfleger beispielsweise bereits in ihrem Portfolio. Im anderen Video fährt ein Striegel über den Acker. Erst bei der Verlangsamung der Bilder erkennt der Betrachter, dass die Maschine kamerageführt einen Zinken um jedes individuelle Zuckerrübenpflänzchen dreht und es freihackt.

Früher waren solche Veranstaltungen reine Männersache. Ulrike Bickel, Lea Rückel und Katrin Felgengut sind nicht die einzigen weiblichen Interessentinnen bei der Veranstaltung in Wilpersberg. „Wir sind zwar keine Bäuerinnen, haben nur indirekt mit Landwirtschaft zu tun, aber wir Frauen haben sehr wohl Interesse daran, dass herbizidfrei gearbeitet wird, weil uns die gesundheitlichen Folgen, die Erhaltung der Artenvielfalt und die Konsequenzen für unser Trinkwasser sehr wohl was angehen“, spricht Marion Ruppaner für alle Frauen.

Wetterbedingt musste der geplante Praxistest der Anbaugeräte auf den Ackerflächen bei der Familie Breitsameter in Hohleneich (Gemeinde Dasing) ausfallen. „Die Böden sind zu nass“, befand nicht allein Marion Ruppaner. Doch auf dem Kreppold-Hof stand genug Gerät mit den entsprechenden Experten bereit, um genauer begutachtet zu werden.

Peter Schmid aus Walchshofen (Stadt Aichach) beispielsweise hat das alte Zwischenachs-Anbaugerät seines Fendt-Geräteträgers, Baujahr 1969, mit neuen Hack-Parallelogrammen der Firma Schmotzer nachgerüstet. „Das läuft gut. Du kannst mit denen superflach fahren“, bestätigt er den ringsum stehenden Berufskollegen und verweist auf den am Heck montierten Treffler-Striegel. Landwirt Anton Knauer aus dem Petersdorfer Ortsteil Appertshausen bemerkt nüchtern: „Eigentlich waren wir vor 50 Jahren schon so weit, nur ist auf dieser Schiene halt bis vor Kurzem kaum etwas weiterentwickelt worden.“

Welch große Kreise solch ein relativ kleines, informatives Treffen unter Berufskollegen zieht, sieht man an Dieter Leibing. Der Biobauer aus Ballendorf (zwischen Ulm und Heidenheim) ist zugleich Maschinenbauer und stellte in Wilpersberg seine smarte Unkrauthacke mit sechs Metern Arbeitsbreite vor. Da passt der Spruch von Helmut Süß: „Gegen Stahl ist noch kein Kraut gewachsen“, hatte der Agraringenieur und Journalist in seinem Vortrag kokettiert und noch einen coolen Spruch draufgesetzt: „Stahl ist ohne Resistenzen.“

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