02.06.2009

Steuerromantik

Unsere Jugend sehnt sich nach Romantik. Das hat eine neue Studie herausgefunden. Nun wissen wir: An den Arbeitsplätzen der Republik ist noch viel zu tun. Denn an Schreibtischen und Fließbändern hat sich leider viel zu viel Sachlichkeit breitgemacht. Das ist Gift für romantische Seelen. Gefragt ist jetzt der Romantic Manager, der erstens die Mitglieder der Firmenleitung und zweitens die Belegschaft mit Romantik versorgt. Warum sollen Lautsprecher zur Verschrottung von Abwrackautos nicht Schuberts "Lindenbaum" erklingen lassen?

Warum hat man es bisher versäumt, den sinnlosen Konferenzen betrieblicher Führungskräfte mit dem Abspielen eines Eichendorff-Hörbuchs einen tieferen Sinn zu geben? Gelegentlich soll es ja schon vorgekommen sein, dass ein einfühlsamer Chef eine jugendliche Mitarbeiterin auf einer blühenden Wiese mit Romantik versorgt hat. Besonders überzeugend setzen sich aber unsere Politiker für die Ausbreitung des romantischen Lebensgefühls ein. Wenn sie den Absturz staatlicher Steuereinnahmen verkünden und uns im nächsten Satz Steuersenkungen versprechen, ist das meisterhafte Romantik.

So haben wir trotz anhaltender betrieblicher Kälte allen Grund, an ein Wort des Dichters Georg Herwegh zu glauben, der schon im Jahr 1860 erkannt hat: "Deutschland ist ein romantischer Staat."

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