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Extremsport

24.04.2019

Totale Erschöpfung: So quält sich ein Oberbernbacher durch die Sahara

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Nur selten hatte Viktor Reger Zeit für ein Foto während eines sechstägigen laufes durch die Sahara. Im Gegenteil: Der 37-Jährige hatte schon an Tag zwei mit großen Problemen zu kämpfen und hätte beinahe aufgeben müssen. Doch der zweifache Vater kämpfte sich durch, auch dank seiner Familie.
Bild: Viktor Reger

Viktor Reger läuft 230 Kilometer durch die Sahara. Der 37-Jährige erlebt ein Wechselbad der Gefühle. Warum der selbstständige Schreiner beinahe aufgeben muss.

Plötzlich bekommt Viktor Reger Krämpfe in der Magengegend. Er versucht, weiterzulaufen, doch der 37-Jährige muss eine Pause einlegen. Auf einen gemütlichen Stuhl kann der Oberbernbacher aber nicht hoffen. Er ist mitten in der Wüste – genauer gesagt in der Sahara in Marokko. Der selbstständige Schreiner ist einer der Teilnehmer beim weltberühmten „marathon des sables“, dem "Sand-Marathon". Sechs Tage lang geht es insgesamt 230 Kilometer über Stock und Stein – und vor allem Sand.

35 Grad Außentemperatur. Reger trinkt ein bisschen Wasser und versucht, etwas zu essen – doch es hilft alles nichts, er muss sich hinlegen. Ein Arzt ist mit dem Jeep schnell bei ihm. Der Puls ist zu hoch – so lässt der Mediziner Reger nicht weiterlaufen. „Ich weiß nicht genau, wie lange ich dort gelegen bin, aber ich wollte schnell weiter“, so Reger. Bereits am zweiten Tag drohte der Traum des Oberbernbachers zu platzen. „Wer das Zeitlimit nicht schafft, ist raus.“ Eigentlich wollte der 37-Jährige die sechs Etappen in unter 50 Stunden absolvieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nur noch ein Ziel: „Ankommen, egal wie. An Laufen war nicht mehr zu denken, also musste ich gehen.“ Mit letzter Kraft kämpfte er sich ins Ziel, nur knapp unter dem Zeitlimit. „Ich war am Ende meiner Kräfte. So etwas habe ich noch nicht erlebt – eine absolute Grenzerfahrung.“ Noch schlimmer als die Erschöpfung war allerdings die Gewissheit, dass noch einige Kilometer vor dem Oberbernbacher liegen würden. Kopfzerbrechen machte sich Reger vor allem über die Nachtetappe über die doppelte Distanz von 76 Kilometern. „Das schaffe ich ja nie, wenn ich schon auf 32 Kilometer fast zusammenbreche, dachte ich.“

Viktor Reger aus Oberbernbach lief sechs Tage durch die sahara und legte dabei 230 Kilometer zurück. so kämpft sich der 37-Jährige durch den Sand in Marokko.
Video: Viktor Reger

Was Viktor Reger in der Sahara besonders zu schaffen macht

Zu den Magenproblemen kamen die Blasen an den Füßen hinzu. „Der Sand ist überall. Trotz bester Ausrüstung musste ich stündlich meine Schuhe ausleeren. Ich habe jetzt noch Sand in den Ohren, weil es auch sehr windig war. Für die Füße war der feine Sand Gift“, so Reger, der in der Nacht von Montag auf Dienstag aus Marokko zurückkehrte. Der Oberbernbacher war nicht der Einzige, der mit Blasen zu kämpfen hatte. „Vor dem Sanitätszelt waren ganze Schlangen. Man musste lange anstehen, um behandelt zu werden.“ Immerhin hatte seine Beinahe-Aufgabe auch etwas Gutes. „Ich konnte endlich schlafen.“ Denn in den Nächten zuvor ging Reger nachts in der Wüste auf und ab. „Das war auch schon im Hotel so. Nach der zweiten Etappe war das kein Problem mehr bis zum Schluss.“ Doch bevor Reger das Ziel erreichen sollte, stand ihm noch die größte Herausforderung, der Nachtlauf bevor. Um 9 Uhr machte er sich auf den Weg, 27 Stunden später – also gegen 12 Uhr am Mittag des nächsten Tages – hatte er sein Soll erfüllt. „Das kam mir ewig vor. Zum Glück gab es alle zehn Kilometer einen Checkpoint – das hat es leichter gemacht.“ Reger versuchte, sich von der Wüsten-Einöde abzulenken: „Ich habe mich gequält und konnte den Lauf eigentlich nicht so genießen, wie ich es gerne gemacht hätte. Von der Landschaft habe ich auch gar nicht so viel mitbekommen. Besonders auf der langen Etappe habe ich viel an meine Familie gedacht, einfach an schöne Momente, um meinen Fokus von den Qualen zu nehmen.“

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Die begannen bei Reger eigentlich schon mit der ersten Etappe, denn das ungewohnte Terrain und der zehn Kilo schwere Rucksack forderten schnell ihren Tribut: „Das ging überhaupt. Ich hatte schon während der ersten Kilometer Rückenschmerzen.“ Insgesamt 14000 Kalorien an Nahrung hatte Reger dabei. Viel zu viel, wie er erzählt: „Ich hatte auf nichts Appetit. Das meiste habe ich verschenkt oder gegen Riegel eingetauscht.“ Einzig die mitgebrachten Gummibärchen schmeckten: „Da habe ich für einen Moment die ganzen Strapazen vergessen können.“ Als der 37-Jährige am Samstag ins Ziel kam, fiel eine entsprechend große Last von ihm ab. „Ich war vollkommen erleichtert. Alles war erst einmal vergessen.“ Das lag auch am Empfang im Zielbereich: „Für jeden gab es eine Cola. Normalerweise trinke ich so etwas nicht, aber in dem Moment war es wie der Himmel auf Erden. Ich konnte einfach kein Wasser mehr sehen.“

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In Bildern: Das erlebt Viktor Reger in der Sahara
Bild: Viktor Reger

Extremsport: Famielie treibt den Oberbernbacher an

Insgesamt benötigte der 37-Jährige mehr als 55 Stunden. Beim Sieger waren es 18. „Es ist frustrierend, wenn man so weit hinterherhinkt“, so Reger, der selbstkritisch ist: „Der Wettbewerb war eine Nummer zu groß für mich. Ich habe mich zu wenig darauf vorbereitet und schnell gemerkt, dass es nicht so laufen wird, wie gehofft.“ Stolz ist seine Familie trotzdem. Ehefrau Tatjana hat zusammen mit den beiden Söhnen täglich die Schritte im Internet verfolgt, die ein GPS-Tracker aufgezeichnet hat. Außerdem kam jeden Abend Post per Mail: „Die Nachrichten wurden ausgedruckt. Das waren zwischen fünf und acht Mails pro Tag. Das hat mich unheimlich motiviert.“ Speziell eine Nachricht von Sohn Kai (sechs Jahre): „Papa, du darfst bloß nicht letzter werden“, lautete die Forderung. Ziel erfüllt, denn mehr als 100 der 900 Starter ließ der Oberbernbacher hinter sich.

Noch rund anderthalb Wochen muss und wird Reger die Laufschuhe stehen lassen, dann geht es wieder auf die Strecke: „Ich muss für die Halbmarathon-Saison trainieren.“ In der Sahara wird der Schreiner übrigens 2020 nicht am Start sein. Nicht wegen der Anstrengungen: „Den habe ich abgehakt. Ich brauche neue Herausforderungen.“ Auf der „To-do-Liste“ stehen Wettbewerbe am Nordpol und in Sibirien. „Immerhin gibt es dort keinen Sand“, weiß Reger.

Lesen Sie dazu den Artikel: So bereitet sich Viktor Reger auf den Wüstenlauf vor

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