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70 Jahre Kriegsende

24.04.2015

US-Panzer vertreiben Waffen-SS

Kampfpanzer Howitzer M-7 der amerikanischen 20. Panzerdivision, fotografiert am 29. April 1945 vor dem Unteren Tor in Aichach.
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Kampfpanzer Howitzer M-7 der amerikanischen 20. Panzerdivision, fotografiert am 29. April 1945 vor dem Unteren Tor in Aichach.
Bild: Repro: Michael Schmidberger

Am 28. April 1945 marschieren die Amerikaner in Schiltberg ein. Dort versteckt sich eine Einheit der Waffen-SS - gegenüber dem Haus einer Familie. Eine Zeitzeugin erinnert sich.

Vor sieben Jahrzehnten ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Am 28. April 1945 marschierten die Amerikaner in Schiltberg ein. Dieser Tag hat sich tief in das Gedächtnis von Lucie Lachner eingegraben. Die damals 18-Jährige und ihre Familie schwebten damals in großer Gefahr. Ein schwerer US-Panzer feuerte auf die Friedhofsmauer, die Kirche, den Pfarrhof und das benachbarte Haus der Lachners. Die heute 88-Jährige erzählt: „Bei uns gingen durch Schüsse einige Fenster zu Bruch.“

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges hatte sie zuvor bereits in München erlebt. 1941 hatte sie mit 14 Jahren in München eine Lehre bei Juwelier Peter Rath an der Theatinerstraße begonnen. In dieser Zeit wohnte sie bei einer Tante. Das Wochenende verbrachte sie regelmäßig zu Hause in Schiltberg.

Ab 1942 wurde die „Hauptstadt der Bewegung“ immer häufiger von Bombenangriffen erschüttert. Im selben Jahr zog Lucie Lachner in das Schülerwohnheim an der Königinstraße, das von Ordensschwestern geleitet wurde. Eine Sprengbombe traf das Heim in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1943. Lachner: „Wir Schülerinnen entkamen nur knapp dem Tode.“

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Lachner musste Nitroglycerin abwiegen

Als das NS-Regime mit Joseph Goebbels im Februar 1943 den „totalen Krieg“ forderte und die Luftangriffe immer mehr Schäden anrichteten, wurde das Juweliergeschäft geschlossen. Es war laut staatlicher Einstufung „nicht kriegswichtig“.

Am 16. Juni 1943 wechselte Lucie Lachner als Angestellte in die Bayerische Staatsschuldenverwaltung an der Königinstraße. Je zwei Personen mussten nachts Brandwache halten. Den Bombentreffer, der das Verwaltungsgebäude im Sommer in Brand setzte, konnte freilich keine Feuerwache verhindern.

Ab 1. November 1944 wurde Lucie Lachner zum Reichsarbeitsdienst (RAD) abgeordnet – zunächst nach Plattling, dann zum Frauen-RAD in Künzing. Dort halfen die Maiden auf Bauernhöfen aus. Nächster Einsatzort war die Muna (Munitionsfabrik) in Hohenbrunn bei München. Lachner hatte dort eine gefährliche Aufgabe: Sie musste Nitroglycerin für Gewehrmunition und Wurfgranaten abwiegen.

Es dürfte der Abend des 20. April 1945 gewesen sein, an dem sich die damals 18-Jährige und weitere Maiden heimlich absetzten. Züge fuhren nicht mehr. Ein Lastwagen der Wehrmacht nahm die Mädchen nach München mit. Lucie Lachner und ihre Schwester Zenzi setzten am nächsten Tag ihre Flucht fort. Auf einem Militärlastwagen gelangten sie schließlich nach Aichach. Die letzten zehn Kilometer gingen sie zu Fuß nach Schiltberg, wo die Eltern sie sorgenvoll erwarteten.

In die Steilhänge der Weilachleite am Ostrand Schiltbergs waren während des Krieges vier Schutzbunker im Privatwald und im Staatsforst gegraben worden. Der nächste Bunker für die Familie Lachner lag 250 Meter entfernt im „Hickerberg“. Ein Hangrutsch verschüttete das Loch in den 1950er-Jahren.

Gefahr ging von einer Einheit der Waffen-SS aus

Als sich am 28. April 1945 die Front von Aichach über Rapperzell und Allenberg Schiltberg näherte, trafen auch die Lachners Vorbereitungen, um die Notunterkunft im Hickerberg aufzusuchen. Matthias Lachner blieb allein im Haus zurück. Versprengte Soldatengruppen der Wehrmacht waren Lucie Lachner zufolge rechtzeitig mit primitiven Fahrzeugen, gezogen von Ochsen und Pferden, aus Schiltberg abgerückt. Sie versteckten sich an der Straße nach Tandern bei Buxberg im Wald. „Die Bauersfrau Jung von Buxberg versorgte sie mit Essen“, erinnert sich Lachner.

Gefahr ging aber noch von einer Einheit der Waffen-SS aus. Sie war im Hof der Gastwirtschaft Kaupp stationiert – mitten im Ort und dem Lachner-Wohnhaus genau gegenüber. Wegen ihr habe im Dorf niemand den Mut gehabt, weiße Tücher als Zeichen der Übergabe aus den Fenstern zu hängen. Doch dann ging es schnell. Lachner: „Erst im letzten Augenblick fuhr die SS beim Kaupp weg, Richtung Süden.“ Nur wenige Minuten darauf bog der erste schwere amerikanische Panzer aus der Rapperzellerstraße in die Schiltberger Dorfstraße ein. Es waren Minuten der Angst für alle Bewohner der umliegenden Häuser. Für die Amerikaner schien die Ruhe trügerisch, hatten sie doch kurz vorher in den Nachbarorten Rapperzell und Allenberg noch den Angriff letzter SS-Soldaten abwehren müssen. Zur Einschüchterung gaben sie Warnschüsse ab. Diese trafen eben auch die Friedhofsmauer, die Kirchenfenster und den Pfarrhof.

Nachdenklich sagt die Zeitzeugin: „Insgesamt kam Schiltberg mit dem Schrecken davon. Aber in Allenberg und in Rapperzell wurden von den US-Panzern Gebäude in Brand geschossen und neun fliehende Wehrmachtssoldaten verloren auf Schiltberger Flur ihr Leben.“

An diesem 28. April 1945 endete für Schiltberg der Krieg. Die Bewohner atmeten auf. Lachner: „Endlich waren wir auch befreit vom Verdunklungszwang.“ Am 8. Mai erfolgte die bedingungslose Kapitulation des NS-Regimes. Es begann die Besatzungszeit.

Der Gasthof Kaupp wurde zu einer Herberge für GIs

In Schiltberg wurden am 25. Mai amerikanische Truppen einquartiert. Der Gasthof Kaupp wurde zu einer Herberge für GIs. Ihr Hauptquartier richtete die US-Army im Schulhaus ein. Dort war auch die Essensausgabe. Ferner waren die Lehrerwohnung, das Doktorhaus, Forsthaus, Gendarmeriegebäude und die Gastwirtschaft Gschoßmann (später Reisberger) vollständig belegt. Die Lachners sollten nach einem ersten Befehl ihr Haus ebenfalls räumen, durften dann aber bleiben, weil der Vater sehr krank war.

Die Besatzungssoldaten mussten vormittags auf der Dorfstraße zwischen dem Gasthof Kaupp und dem Haus der Lachners exerzieren. Zur selben Zeit schickte Mutter Lachner ihre Tochter zum Semmelholen. „Good morning, Lucy“, riefen ihr ein paar Amerikaner zu. So viel Aufmerksamkeit aber war dem streng erzogenen Mädchen unangenehm.

Bereits bevor die Amerikaner eintrafen, waren Flüchtlinge aus dem Rheinland im Gasthof Kaupp einquartiert worden. Flüchtlings- und Dorfkinder erhielten von den auf der Eingangstreppe sitzenden Amis Schokolade und Kaugummi. Vorher mussten sie aber zum Amüsement der GIs den Spruch aufsagen: „Händchen falten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken.“ Eines Tages wurde die Kompanie verlegt, andere Besatzungssoldaten kamen nach Schiltberg.

Im zweiten Halbjahr 1945 nahm in München die Bayerische Staatsschuldenverwaltung ihren Betrieb wieder auf. Lucie Lachner meldete sich zurück zum Dienst. Ab 1960 wurde die Hypotheken-Gewinnabgabe, Lachners Arbeitsplatz, beim Finanzamt V an der Herzogspitalstraße verwaltet. Am 30. Juni 1986 beendete Lachner ihr Arbeitsverhältnis. Ihre Wohnung am Frauenplatz behielt sie nur noch kurze Zeit. Seither wohnt sie ausschließlich in Schiltberg. Zu Verwandtenbesuchen aber fährt sie trotz ihrer bald 89 Jahre immer noch regelmäßig mit dem Auto in die Landeshauptstadt.

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