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Aichach-Friedberg

30.12.2020

Unkonventionell und bayerisch: Direktor Walter Hell verlässt das Amtsgericht

Amtsrichter Walter Hell war fünf Jahre lang Leiter des Amtsgerichts Aichach. Ende des Jahres geht er in den Unruhestand.
Bild: Gerlinde Drexler

Plus Aichachs Amtsgerichtsdirektor Walter Hell geht in Pension. Der sportliche Jurist bringt seinen Mitarbeitern Selbstverteidigung bei. Auch sonst gilt er als unkonventionell.

Sein oft unkonventionelles Auftreten ist fast schon ein Markenzeichen von Walter Hell, Direktor des Amtsgerichts Aichach. Der 65-Jährige leitete fünf Jahre lang das Gericht am Schlossplatz. Wenn er ab dem neuen Jahr in Rente ist, wird das kein Ruhestand werden. Der gebürtige Ingolstädter möchte seine vielen Interessen pflegen und sich dafür nun mehr Zeit nehmen. Ein neues Familienmitglied wird ihn außerdem fordern.

Amtsgerichtsdirektor macht täglich eine Stunde Sport

Auch im Berufsleben gehört eine Stunde Sport täglich für Hell zum Alltag. Sein Favorit: Karatetraining. Bewegung war und ist für den Juristen wichtig. Deshalb begann er auch schon kurz nach seinem Amtsantritt in Aichach, Selbstverteidigungskurse für die Mitarbeiter des Amtsgerichts anzubieten. "Die Abläufe muss man verinnerlicht haben", ist sein Credo. Bis zum Beginn der Corona-Pandemie fanden die Kurse regelmäßig statt.

In Hells Amtszeit fallen auch architektonische Veränderungen. So wurde der Parkplatz hinter dem Amtsgericht erweitert, ein eigenes Bienenvolk angeschafft und eine Blumenwiese angelegt. Die Decken im Amtsgericht sind renoviert, und der Brandschutz ist neu. Regelmäßig waren in Ausstellungen Kunstwerke von Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aichach zu sehen.

Aktuell wird das Flachdach des Amtsgerichts saniert. Eine notwendige Vorarbeit für die Photovoltaikanlage, die auf das Dach kommen soll. Sie wird tagsüber so viel Strom erzeugen, dass das Gericht fast autark ist. Das Amtsgericht sei "sicherlich eine der ersten Behörden im Gai" mit einer solchen Anlage, sagt Hell nicht ohne Stolz, der auch im Gerichtssaal die bayerische Mundart pflegt. Voraussichtlich im kommenden Jahr soll auch noch eine Tankstelle für E-Autos dazukommen.

In die Amtszeit von Walter Hell als Direktor des Amtsgerichts Aichach fiel auch dieser Anbau im Vordergrund.
Bild: Katja Röderer (Archivbild)

Seine fünf Jahre in Aichach seien eine schöne Zeit gewesen, sagt Hell. Zuvor hatte er große Teile seiner Laufbahn in Augsburg verbracht. Nach Stationen bei der Staatsanwaltschaft und am Amtsgericht als Zivil-, Betreuungs- und Strafrichter war er seit 2009 als Aufsicht führender Richter am Amtsgericht tätig. Dort leitete er als Abteilungsleiter das Betreuungsgericht, Grundbuchamt und Registergericht, 2014 übernahm er die Leitung der allgemeinen Strafabteilung. Zudem fungierte Hell jahrelang als Pressesprecher.

Der Aufstieg vom Abteilungsleiter zum Direktor des Amtsgerichts bedeutete für ihn auch, dass er weniger mit dem Juristischen, dafür aber mehr mit Menschenführung zu tun hatte. Seine Erfahrung: "Man muss immer dranbleiben, hellhörig sein und reagieren, bevor es knirscht."

Strafsachen verhandelt Walter Hell am liebsten

Am Amtsgericht Aichach war Hell für Strafsachen zuständig. "Das ist das Referat, das mir am meisten taugt", sagt er. Von Angeklagten und Zeugen habe er sich nie genervt gefühlt. Von manchen Verteidigern dagegen schon. Was er gar nicht gerne verhandelte, waren Ausländerverstöße, bei denen es zum Beispiel darum ging, dass Asylbewerber sich ihren Pass nicht beschaffen. Der Richter findet: "Wir muten ihnen hier viel zu." Sie verstünden kein Deutsch, müssten aber die Briefe der Behörden verstehen.

Walter Hell hat am liebsten Strafsachen verhandelt.
Bild: Arne Dedert, dpa (Symbolbild)

Auch wenn ein Richter grundsätzlich froh ist über geständige Angeklagte, so fand Hell es auch schön, dass "hier und da" Angeklagte genau das nicht waren. "Der Kitzel, es ihm nachzuweisen", reizte ihn. Ob er mit seinem Urteil immer richtig lag, "weiß nur der Betroffene".

Im Sitzungssaal war Hell der Chef, "daheim nicht mehr"

Der neue Lebensabschnitt bedeutet für den 65-Jährigen eine Umstellung. "Im Sitzungssaal war ich der Chef, daheim nicht mehr", witzelt der Ehemann, Vater dreier Kinder und Großvater von zwei Enkeln. Dafür will er sich verstärkt seinen Hobbys Musik und Tanzen widmen. Bewegung wird bei ihm auch weiterhin nicht zu kurz kommen. Außerdem will er auch in Zukunft Vorträge halten. Ab Februar wird ihn außerdem ein altdeutscher Schäferhund auf Trab halten. Der sechs Wochen alte Welpe ist der neueste Familienzuwachs.

Wer Hells Nachfolger als Leiter des Amtsgerichts wird, steht noch nicht fest. Es gibt mehrere Bewerber. Übergangsweise ist der stellvertretende Leiter, Johannes Jahrbeck, Chef am Amtsgericht.

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