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70 Jahre KriegsendeJahre KriegsendeI

09.05.2015

Viele Sudetendeutsche brachten heimlich Hab und Gut über Grenze

Eine Gedenktafel in tschechischer Sprache an diesem Mahnmal zeigt das genaue Datum, an dem sich die amerikanischen und russischen Truppen trafen.
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Eine Gedenktafel in tschechischer Sprache an diesem Mahnmal zeigt das genaue Datum, an dem sich die amerikanischen und russischen Truppen trafen.

Als der Zweite Weltkrieg endete, trafen auch südlich von Budweis Amis und Sowjets aufeinander. Ein Mahnmal erinnert daran – auch wenn es heute ungepflegt ist

Das Jahr 2015 gibt Anlass zu einem umfassenden Gedenken. Die vergangenen Tage haben eindrücklich die Gräueltaten der NS-Schergen vor Augen geführt. Vor wenigen Tagen gedachten Überlebende, Angehörige und US-Veteranen der Befreiung der Häftlinge im Konzentrationslager (KZ) Dachau vor 70 Jahren. Auch andere Konzentrationslager erfuhren die Befreiung 1945. In diesen Tagen wird daran erinnert, dass Deutschland nach diesem schrecklichen Zweiten Weltkrieg kapitulierte.

Allerdings erfolgte die Kapitulation in mehreren Etappen: Am 25. April 1945 reichten sich in Torgau an der Elbe amerikanische und russische Truppen die Hände. Am gleichen Tag wurde Berlin eingeschlossen. Am 30. April beging Adolf Hitler in der Reichskanzlei Selbstmord. Am 2. Mai 1945 kapitulierte Berlin. Mit der Unterzeichnung der bedingungslosen Gesamtkapitulation im Hauptquartier General Eisenhowers in Reims am 7. Mai und in der Wiederholung am 8./9. Mai 1945 im sowjetischen Hauptquartier in Berlin, ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Und trotzdem wurde vor allem von der SS in Prag noch nach der Kapitulation auf grausame Weise mit der dortigen Bevölkerung brutal umgegangen. Die Tschechen rächten sich daraufhin wenige Tage später auf fürchterliche Weise an den Sudetendeutschen.

Der Igenhausener Rupert Reitberger hat schon weitestgehend die in seinem Heimatort angesiedelten Vertriebenen erforscht. Vor wenigen Tagen war er wieder in der alten Heimat dieser früheren Bewohner. Dabei machte Reitberger eine interessante Entdeckung. Zusammen mit seinem besten Informanten, Willi Sitter, einem ehemaligen Winterberger und Böhmerwäldler, der nach der Vertreibung im Bayerischen Wald eine neue Heimat fand, tourte er durch das heutige Tschechien.

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Dabei führte ihn Willi Sitter an eine Straßenkreuzung südlich von Budweis (Ceské Budejovice), wo sich am Ende des Krieges die amerikanischen und sowjetischen Truppen trafen. An dieser Stelle wurde ein beeindruckendes, heute aber sehr ungepflegtes Mahnmal mit großen Hinweistafeln über das Zusammentreffen der beiden Siegermächte errichtet. Der dort eingemeißelte Text lautet in der Übersetzung: „Dieser Punkt markiert die Stelle wo sich die Soldaten der 100. Gewehr-Division der sowjetischen Armee, kommandiert von Major-General A. E. Makarenko, mit der US-Armee der 5. Infantrie-Division, angeführt von Major-General A. E. Brown getroffen haben an den ruhmreichen Tagen im Mai 1945. Die ihr Blut im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus vergossen haben, soll ewige Warnung sein um eine Wiederholung der Schrecken des Krieges zu verhindern.“

Eine genauere Zeitangabe hinterlässt die daneben angebrachte Gedenktafel in tschechischer Sprache. In der Übersetzung heißt es:

„Die Wahrheit siegt! Diese Gedenktafel soll uns auf ewige Zeiten daran erinnern, dass an dieser Kreuzung am Ende des Krieges der Jahre 1939 bis 1945 sich die Soldaten von 5 Armeen trafen. Die siegreiche amerikanische Armee stand hier am 9. Mai 1945 um 5 Uhr nachmittags und nahm die deutsche und ungarische Armee in Gefangenschaft. Tschechoslowakische Soldaten bewachten hier die internierten neuzeitlichen Barbaren bis zum 13. Mai 1945, an welchem Tag abends das ganze Lager die siegreiche Rote Armee übernahm. Hier reichten sich die russisch-amerikanischen Helden die Hände. Das tschechoslowakische Volk wird seine Befreier nie vergessen.“

Unabhängig von der deutschen Kapitulation in Berlin, gab es im Sudetenland und in der Tschechoslowakei vereinzelt noch Kampfhandlungen, die jedoch das Kriegsende nicht mehr beeinflussten.

In seinen Forschungen stellte Rupert Reitberger aber fest, dass viele Sudetendeutsche große Hoffnungen in die amerikanischen Besatzer hatten. Sie hofften, von der angekündigten Vertreibung verschont zu bleiben.

Realistischer richteten sich vor allem diejenigen ein, die über ein batteriebetriebenes Transistorradio verfügten und Nachrichten hören konnten. Grenznahe Bewohner brachten nächtens oft auf abenteuerliche Weise mit Pferdeschlitten oder zu Fuß im Rucksack wertvolle Gebrauchsgegenstände zu Bekannten in das nahe Oberösterreich oder in den Bayerischen Wald. Nach der Vertreibung holten sie das jeweils deponierte Hab und Gut dort ab, doch nicht immer gelang das. Oft erfuhren sie, dass diese Sachen nicht mehr da waren.

Die Amerikaner zogen Ende September 1945 ab und übergaben die gesamte Hoheit an die Tschechen. Die deutsche Bevölkerung wurde nun entschädigungslos enteignet. Viele mussten auf ihren eigenen Höfen als Knechte und Mägde für die neuen „Besitzer“ bis zur Vertreibung arbeiten. (rs)

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