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Aichach

05.03.2018

Volkstheater bringt Nibelungen auf die Bühne

Ein Heiratsantrag der – fast – klassischen Art: auf den Knien und mit einem Blumenstrauß aus der Hosentasche! Kriemhild (Teresa Neumaier) ist trotzdem hin und weg von ihrem Siegi (Markus Schneider).
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Ein Heiratsantrag der – fast – klassischen Art: auf den Knien und mit einem Blumenstrauß aus der Hosentasche! Kriemhild (Teresa Neumaier) ist trotzdem hin und weg von ihrem Siegi (Markus Schneider).
Bild: Vicky Jeanty

Das Volkstheater Aichach wählt eine amüsante Variante des Heldenepos und macht in der TSV-Turnhalle aus den Nibelungen ein sehenswertes Spektakel.

Wenn Frauen sich Männern gegenüber wie Männer gebären, kann es passieren, dass sie deren Gehabe noch übertreffen. Das macht sie nicht sympathischer. Sind sie gar getrieben von Rache und Eifersucht, Habgier und Missgunst, gehen sie im wahrsten Sinne des Wortes „über Leichen“. Welch fatale Allianz weibliche Fantasien und mörderische Dynamik eingehen können, bekamen die Nibelungen-Helden auf der Volkstheater-Bühne am Samstag zu spüren. Am Ende verenden sie am tödlichen Cocktail, den ihnen Kriemhild und Brünhild gereicht haben. Dass auch der Knabe Ortwin dran glauben muss, nehmen die Furien billigend in Kauf.

Kein Wunder, dass Kriemhilds und Brünhilds ungeborene Söhne Sigi und Ruodi das Geschehen mit Skepsis und Entsetzen beobachten und auch noch kommentieren müssen. Sie werden Zeugen, wie ihre Erzeuger sich entweder blind ineinander verlieben – Kriemhild und Siegfried (Teresa Neumaier und Markus Schneider) – oder wie Brünhild und Gunther (Sabine Schneider und Stefan Dauber) von vorneherein in eine fatale Mesalliance schlittern. Am Ende sind zehn Tote zu beklagen, inklusive der Selbstmörderin Ute, Kriemhilds und Gunthers Mutter (Elisabeth Drescher), und des von Siegfried erlegten „Hunde-Drachens“ Fafnir alias Elmo. Bleiben acht Personen, die eines unnatürlichen Todes sterben. Lebenssiegerinnen sind Kriemhild und Brünhild und, erstaunlicherweise, der leicht derangierte Wormser Kardinal (Robert Predasch).

Diese nicht leicht verdauliche Nibelungen-Theaterkost meistern die Aichacher Volkstheatermimen mit Witz, Ironie, Spielfreude und tollen Tricks. Getragen von der flotten Fassung des Autors Thomas Birkmeir, gestaltet sich die historisch verwobene Sage als kurzweiliges Spektakel. Die Brutalität wird abgefedert durch aktualisierte Dialogtexte, durch Heldinnen und Helden, die den Geschlechterkampf lautstark mit jeweils spezifischen „Waffen“ austragen. Das empfiehlt sich, zumal die so unterschiedlich geerdeten Powerfrauen Kriemhild und Brünhild individuelle Befindlichkeiten haben. Paraderollen für die beiden Protagonistinnen: Hier knallen selbstbewusste Verliebtheit und knallharte Emanzipationstriebe aufeinander – wenn Kriemhild ihren Traumprinzen umfängt und eifersüchtig hegt, haut Brünhild auf den Sandsack drauf und hält sich den Mann mit einem deutlichen „Fass mich nicht an“ vom Leib. Beide haben leichtes Spiel mit den Partnern. Diese „Männer“ sind lieb, naiv, minnefreudig (Siegfried) oder feig, berechnend, manipulierbar (Gunther). Der Hunnenkönig und notorische Frauensammler Etzel (Robert Predasch) dürfte Kriemhild als reine Liebestrophäe gesehen haben, nicht ahnend, dass auch er Opfer ihrer Rache wird.

Am Ende liegen ihnen die Mannen – tot – zu Füßen. Letztendlich lässt beider Schwangerschaft den deftigen Zickenkrieg vergessen. Unisono verkünden beide, dass sie in Zukunft alles besser machen wollen. Was angezweifelt werden darf, denn Hagen von Tronje hat sich bis zum letzten Atemzug geweigert, ihnen das Versteck des berüchtigten Nibelungenschatzes preiszugeben. „Im Rhein versunken“, röchelt er.

Dieser Hagen zieht die Drähte, an denen sowohl Siegfried als auch König Gunther immer wieder zappeln. Gunther ist ein leichtes Opfer, dessen Herz am ehesten im Saunaaufguss aufdampft. Stefan Dauber spielt sich mühelos in diese Rundum-Tumbheit und Tollpatschigkeit hinein, die so gar nicht zu einem König passt. Zweisprachig – auf Bayerisch und, wenn’s sein muss, Hochdeutsch – mimt Markus Schneider den Xantenprinzen Siegfried. Er ist der sympathische Liebling der Frauen. Seine gelegentlichen eigenen Missetaten – etwa an Mime, dem Schmied (Kurt Rauscher), und den Besitzern des Nibelungenschatzes Schilbung und Nibelung (Lorenzo Collin, Paul Schneider) – werden flugs als „Notwehr“ verbrämt.

Es tut dem Spielduktus gut, dass der Autor die Recken ironisch persifliert und sie als Charaktere auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Die Kombination einer gewissen Modernität – Namensverniedlichungen, Filmsequenzen, wiedererkennbare Anspielungen auf Beziehungskrisen – mit gesetzten Traditionen verleiht der Aufführung den speziellen Reiz, zu dem die Mimen ganz wesentlich beitragen. Dazu passt hervorragend die Livemusik von Gert Peters an der Klarinette.

Der Regiearbeit von Dagmar Franz-Abbott wurde begeistert applaudiert. Die Spielleiterin Claudia Flassig-Prommersberger war vor allem erleichtert, dass die Premiere im zweiten Anlauf geklappt hat, nachdem, wie berichtet, der erste Termin abgesagt werden musste. Enttäuscht war sie, dass am Samstag nur wenig mehr als 150 Zuschauer kamen: „Bei der geplanten Premiere im November vergangenen Jahres waren wir restlos ausverkauft. Warum die Leute heute nicht gekommen sind, ist mir ein Rätsel.“

Termine Weitere Aufführungen sind Freitag bis Sonntag, 9. bis 11. März, 16. bis 18. März, sowie Freitag und Samstag, 23. und 24. März. Beginn ist am Freitag und Samstag jeweils um 19.30 Uhr, am Sonntag um 16 Uhr in der TSV-Halle in Aichach. Karten gibt es hier.

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