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Eröffnung

30.08.2017

Vom Aderlass bis zum Zahnbrecher

Weihrauch verwendete Hildegard von Bingen als Medizin. Half einem Erkrankten keine Arznei, rief er die Heiligen um Hilfe an.
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Weihrauch verwendete Hildegard von Bingen als Medizin. Half einem Erkrankten keine Arznei, rief er die Heiligen um Hilfe an.
Bild: Erich Echter

Wittelsbacher Museum in Aichach widmet Ausstellung der Heilkunst im Mittelalter. Sie zeigt, wie Ärzte, Kräuterfrauen und Scharlatane damals arbeiteten.

Das Mittelalter lässt viele Menschen in der heutigen Zeit schwärmen. Wer damals allerdings eine Narkose gebraucht hat, dürfte das anders sehen: Gängiges Betäubungsmittel war damals der Holzhammer. Diese und andere medizinische Methoden zeigt das Wittelsbacher Museum im Unteren Tor in Aichach seine neue Sonderausstellung „Ärzte – Kräuterfrauen – Scharlatane: Heilkunst im Mittelalter. Sie gibt Einblick in Heilberufe, medizinische Institutionen, unterschiedlichste Diagnosen und die spektakuläreren Behandlungsmethoden aus grauer Vorzeit. Zur Verfügung gestellt hat sie die Kunsthistorikerin Alice Selinger aus Dreieich.

Bürgermeister Klaus Habermann wertete die Sonderausstellung bei der Eröffnung am Montagabend als ein echtes Schmankerl. Für ihn ist die Ausstellung eine kleine Einstimmung auf die Mittelalterlichen Markttage im kommenden Jahr 2018. „Und es ist eine Ausstellung, die auch deutlich macht, dass die sogenannte ,gute alte Zeit‘ halt wirklich nicht so ,gut‘ war“, stellte er fest.

Museumsleiterin Theresia Sulzer zeigte bei der Eröffnung der Ausstellung auf, dass mit dem Heiliggeist-Spital in Aichach eine wichtige Institution der Bürgerwohlfahrt aus dem Mittelalter erhalten geblieben sei. Mit der Krankenfürsorge verband man im gesamten Mittelalter immer die christliche Nächstenliebe. In der Aichacher Stifterurkunde von 1354 ist zu lesen, dass „ein Hospital für Kranke, Alte und Pilger in der Stadt Aichach erbaut werden soll, in welchem Werke der Frömmigkeit und der Barmherzigkeit ausgeübt werden sollen“.

Hygiene und Ratten waren ein großes Problem

Die Museumsleiterin erläuterte eindringlich die hygienischen Zustände der damaligen Zeit, die enorme gesundheitliche Risiken barg. Der anfallende Abfall wurde über die Wasserläufe entsorgt. Gerade in ländlich geprägten Orten lagen die Misthaufen vor den Häusern und Latrinen waren oft in der Nähe der Trinkwasserbrunnen angesiedelt. Besonders groß sei damals auch die Rattenplage und sonstiges Ungeziefer gewesen, sagte Theresia Sulzer. Deutlich wird bei der Ausstellung auch, dass die Menschen damals nichts von Krankheitserregern wussten und ihre Leiden als von Gott gesandte Strafe oder als Prüfung ihres Glaubens interpretierten. Im Volk weit verbreitet war auch der Schadenszauber, auch bekannt als Hexerei.

Thema sind unter anderem die Lehren von Hildegard von Bingen

Wer im dunklen Mittelalter von einer Krankheit heimgesucht wurde, suchte Hilfe bei verschiedenen Heilkundigen wie studierten Ärzten, Mönchen, Hebammen und Kräuterfrauen bis hin Quacksalbern und Scharlatanen. Themen der Ausstellung sind die Viersäftelehre, die Klostermedizin, Apotheken im Mittelalter, die Lehren von Hildegard von Bingen, die studierten Ärzte und der Wundarzt, der zur Betäubung seiner Patienten auch mal den Holzhammer einsetzte. Die ärmeren Bevölkerungsschichten wurden von den Badern, Barbieren und Scherern – lange ein Begriff für Sanitäter – behandelt. Die niederen Heilberufen waren die Bruch- und Steinschneider, Starstecher und Zahnbrecher, die hauptsächlich auf Jahrmärkte arbeiteten.

Vorgestellt wird auch als eine der häufigsten Heilverfahren neben dem Aderlass, das sogenannte Schröpfen, wo mit Unterdruck Blut aus dem Körper gezogen wird. Wenn dem Kranken keine Arznei mehr half, rief er die Heiligen zur Hilfe. Jeder Heilige war speziell für bestimmte Krankheiten zuständig. Der heilige Dionysius war zum Beispiel für Kopfkrankheiten zuständig, weil er geköpft wurde.

Die schrecklichsten Krankheiten des Mittelalters waren Pest, Lepra und das Antoniusfeuer. Beim Antoniusfeuer, auch „heiliges Feuer“ genannt, handelte es sich um eine Vergiftung mit Mutterkorn – ein Pilz, der vor allem den Roggen befällt. Informationen gibt die Ausstellung auch über die Wundermittel, wie „Theriak“ und „Biber geil“.

Für Theresia Sulzer hat die Ausstellung zwei Ziele. Einmal soll der Besucher eine realistische Vorstellung von den Krankheiten, die im Mittelalter vorkamen, bekommen. Zum anderen sollen sich dem Besucher nicht nur die offensichtlichen Unterschiede zwischen der mittelalterlichen Krankenversorgung und dem modernen Gesundheitswesen erschließen, sondern auch die Gesamtheit.

Laufzeit und Öffnungszeiten Die Ausstellung im Wittelsbacher Museum (Im Unteren Stadttor, Stadtplatz 2) in Aichach ist bis Sonntag, 3. Dezember, jeweils Dienstag bis Sonntag von 14 Uhr bis 16 Uhr zu sehen.

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