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27.06.2009

Von einem, der auszog, ein Ritter zu werden

Friedberg Zu Vorträgen nimmt Wolfgang Bockhold gerne eine Weltkarte mit, wie sie in China verwendet wird. Im Zentrum erstreckt sich vom Pazifik bis zum Indus, an die 4200 Kilometer breit, die Volksrepublik. Und ganz am linken Rand der Karte, quasi als Anhängsel einer riesigen Landmasse, liegt Europa: klein und weit weg. "Es gibt andere Möglichkeiten des Denkens. Darauf muss man sich einstellen", sagt der Friedberger, der lange im fernen Osten als Diplomat tätig war und jetzt in seine Heimat zurückgekehrt ist.

Diese Möglichkeiten des Denkens selbst zu verstehen und anderen zu erklären, darin sah Bockhold seine Aufgabe während der Jahre im Auswärtigen Dienst - und er kommt diesem Auftrag auch heute noch als Ruheständler nach. Der Ostasienwissenschaftler gehört verschiedenen Deutsch-Japanischen und Deutsch-Chinesischen Gesellschaften an und pflegt einen regen Austausch der Kulturen. In der kommenden Woche spricht er im Rahmen einer China-Reihe an der Uni Augsburg.

Offenheit des Geistes, Konsequenz des Handelns

Seinen eigenen Zugang zu dieser Welt fand Wolfgang Bockhold, als er nach dem Abitur am Augsburger Realgymnasium Mitte der 60er Jahre zur Bundeswehr ging. Als Fallschirmspringer und Einzelkämpfer suchte er nach einer geistigen Grundlage und entdeckte dabei das japanische Rittertum, an dem ihn die hohe Auftragsloyalität fasziniert; eine Offenheit des Geistes, gepaart mit einer extremen Konsequenz des Handelns und Denkens, die auch den Tod nicht scheut.

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Bockhold studierte Japanologie, Sinologie und Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und suchte über die geistige Auseinandersetzung hinaus auch die praktische Beschäftigung mit Teezeremonie, Kalligrafie und Keramik. Diese Künste würden heute meist von den Mädchen gepflegt, seien aber an sich Sache des Rittertums, berichtet Bockhold: "Und ich wollte fühlen wie ein Ritter."

Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes führte Bockhold 1976 an die Universität von Niigata nach Japan, nach einer Zeit als wissenschaftlicher Assistent und Promotion an der LMU setzte er seine Studien im chinesischen Nanjing fort. Mit seinem einheimischen Zimmerkameraden unternahm er damals eine Reise durch ganz China - nicht als Tourist, sondern in einfachsten Hotels und nicht selten mithilfe der familiären Kontakte seines Kommilitonen.

Und dieses tiefe Eintauchen war für ihn später auch unabdingbar für die Arbeit im Auswärtigen Dienst. Als Botschaftsrat für Politik war Bockhold für das Sammeln und Analysieren von Informationen zuständig. Dazu werden auch persönliche Netzwerke genutzt. Was nach lockerem Geplauder bei diplomatischen Empfängen aussieht, ist meist harte Arbeit. "Man muss mit klarem Verstand alles aufnehmen und verwerten."

Ziel ist, die Politik des Gastlandes vor dem Hintergrund aller relevanten Vorgänge für die eigene Regierung verständlich zu machen und eine Handlungsempfehlung zu geben. Das sind nicht selten auch unbequeme Ratschläge. Für Bockhold war zum Beispiel klar, dass die Regierung in Peking aus ihrer Sicht den von außen gesteuerten Aufstand der Tibeter im Keim ersticken musste, um die Grundstabilität des Vielvölkerstaats zu erhalten und die Dinge nicht - wie vor 20 Jahren beim Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens - eskalieren zu lassen.

Eine Einschätzung, die mit der öffentlichen Meinung in Deutschland kaum in Übereinstimmung zu bringen war und der auch die Bundeskanzlerin nicht folgen wollte. "Ich übernehme die chinesische Sicht nicht, aber ich sehe die chinesische Sicht mit Verständnis", sagt Bockhold, der zuletzt den Rang eines Botschaftsrats erster Klasse bekleidete. Für ihn geht es um die Frage: Welches sind die Realitäten, und was kann man ändern? Die europäischen Reaktionen auf Chinas Tibetpolitik beeindruckten die kommunistischen Machthaber bekanntlich wenig. Man verändere etwas nicht im Verharren, sondern im Fluss der Dinge, zitiert Bockhold den chinesischen General, Militärstrategen und Philosophen Sun Zi.

Dessen Werke finden sich ganz selbstverständlich in Bockholds Arbeitszimmer, das bis unter die Decke mit Schriften und Nachschlagewerken aus seinem ostasiatischen Wirkungskreis gefüllt ist. Wie im Übrigen das komplette Haus ein Stück Japan mitten in Friedberg-West darstellte. Bockholds Frau Mariko, die aus Japan stammt und er die während des Studiums in München kennenlernte, ist von Beruf Innenarchitektin; sie hat das deutsche Zuhause der Familie gründlich nipponisiert: von der Kellerbar nach dem Vorbild einer Kneipe in Niigata mit Sake-Flaschen im Regal über den Japangarten bis zu den privaten Wohnräumen im Obergeschoss, die man nur in Socken betreten darf.

Der höchste Orden für einen Ausländer

Passend dazu erklingt die Shakuhachi, die klassische japanische Bambusflöte, die Bockhold in Konzertreife beherrscht. Sein Bemühen um die Kultur des Gastlandes wurde vor dem Abschied aus dem Auswärtigen Dienst mit der höchsten Auszeichnung gewürdigt, die Japan an Ausländer vergibt: mit dem Orden der Aufgehenden Sonne.

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