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30.07.2018

Warum soll Mea in Aichach verkauft werden?

Auf dieser Aufnahme vor 15 Jahren waren die Mea-Lichtschächte noch in Aichach sichtbar. Heute stehen auf dem früheren Werksgelände im Gewerbepark Ecknach tausende Bierkästen. (Archivfoto)
Bild: Christina Bleier

Bekannt ist: Industrieholding will Bauzulieferer übernehmen. Das Familienunternehmen verdient Geld. Unbekannt ist: Wie lange bleibt der Investor an Bord? Wie geht es am Stammsitz Aichach für die Mitarbeiter weiter?

Das Aichacher Familienunternehmen Mea AG soll nach 132 Jahren an eine Industrieholding verkauft werden – an Adcuram aus München. Das ist seit Freitagabend bekannt. Viel mehr, als dass der Investor alle Anteile der Gesellschaft von der Eigentümerfamilie Meisinger übernehmen will – vorausgesetzt die Kartellbehörden stimmen zu –, stand aber auch nicht drin in der dürren Erklärung des Bauzulieferers. Aber was passiert mit dem Standort in Aichach und den rund 100 dort noch verbliebenen Arbeitsplätzen in Marketing und Verwaltung am Stammsitz in der Sudetenstraße? Bleibt Mea mit weltweit insgesamt 700 Mitarbeitern in drei Geschäftsbereichen erhalten? Bleibt es bei den zum Jahreswechsel vom Vorstand angekündigten Expansionsplänen durch Zukäufe und Umsatzsteigerungen? Wie lange will Adcuram Mea halten, und was ist das mittelfristige strategische Ziel der Übernahme? Dem Finanzinvestor gehören derzeit (ohne Mea) vier Unternehmen – die längste Beteiligung läuft seit zweieinhalb Jahren. Firmenkäufe und -verkäufe gehören zum Geschäftsmodell. Ende 2017 veräußerte die Holding nach vier Jahren ihre Fertighaus-Gruppe (Bien-Zenker, Hanse-Haus) an eine Private-Equity-Gesellschaft.

Antworten auf diese Fragen soll es aber erst Ende August geben. Das kündigt zumindest Investor Adcuram in einer Erklärung auf seiner Homepage an. Die Holding hat einen Vertrag über die vollständige Übernahme aller Anteile der Eigentümerfamilie geschlossen. Erst wenn die Wettbewerbsbehörden dem Verkauf zugestimmt haben, wollen Adcuram und Mea ihre weiteren Pläne für das mittelständische Bauzulieferunternehmen bekannt geben, heißt es. Des Weiteren die Standardformulierung für Übernahmen: „Die Erfolgsgeschichte der Mea-Gruppe soll mit operativem Know-how und Investitionen in Wachstum nachhaltig unterstützt und fortgeschrieben werden.“

Zu Jahresbeginn kündigte der Mea-Vorstand an, in den nächsten Jahren kräftig wachsen zu wollen. Die Rede war von zweistelligen Umsatzsteigerungen im Jahr und einem umfangreichen Investitionsprogramm. Dazu solle ein strategischer Partner ins Boot geholt werden, hieß es damals. Die Investitionen sollten durch zusätzliches Eigenkapital eines Investors, aber „aus eigener Kraft“ gestemmt werden, so die Unternehmensleitung. Von einer vollständigen Übernahme des Mittelständlers war nicht die Rede.

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Der Bauzulieferer steht gut da, das lässt sich den veröffentlichten Zahlen entnehmen. Mea profitiert in der Tat von der guten Konjunktur und besonders vom Bauboom. Die Eigenkapitalquote ist hoch, der Umsatz liegt bei rund 120 Millionen Euro. Seit Jahren werden in den Geschäftsberichten der AG siebenstellige Jahresüberschüsse ausgewiesen. Der Jahresüberschuss ist sozusagen der Gewinn der Gesellschaft nach Abzug aller Betriebsausgaben, Personalkosten und Steuern. 2013 blieben 1,2 Millionen Euro übrig, 2014 waren es zwei Millionen, 2015 2,8 Millionen und 2016 sogar 4,7 Millionen Euro. Der Geschäftsbericht für 2017 ist noch nicht veröffentlicht. Im Jahr 2016 kommt das Unternehmen im Vergleich zum eingesetzten Eigenkapital auf eine Eigenkapitalrendite von 13,4 Prozent. Ein Ergebnis, das deutlich über dem Durchschnitt der rund 5000 größten Familienunternehmen in Deutschland (rund 9 Prozent im Jahr 2015) liegt. Mea verdient Geld, warum wird das Unternehmen verkauft?

Seit rund 25 Jahren ist die Geschichte des einst größten Arbeitgebers am Stammstandort Aichach (damals noch über 1000 Mitarbeiter) eine Liste von Produktionsverlagerungen ins Ausland, Verkäufen von Gesellschaften und Beteiligungen und von Stellenabbau in der Kreisstadt. Produziert werden die bekannten Mea-Kellerlichtschächte, Roste und Rinnensysteme heute in Frankreich, Tschechien, Rumänien und China. Der Mea-Fachgroßhandel (ehemals 250 Mitarbeiter) fusionierte 1999 zum Fachgroßhandel MD (Meisinger und Darlapp) mit damals rund 450 Arbeitsplätzen in Aichach und Landshut. 2001 übernahm dann die Mühl AG den Handel. Die börsennotierte Gesellschaft ging 2002 in Insolvenz, was deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte, und der Standort in Aichach-Ecknach wurde geschlossen. 2005 verkaufte Mea den Obi-Baumarkt im Gewerbepark an die Obi AG. Seit 1988 war das Aichacher Unternehmen Franchisenehmer der Baumarktgruppe. 2009 trennte sich Mea von ihrer Geschäftseinheit Befestigungssysteme. Die bekannten Mea-Dübel produziert jetzt das Unternehmen Celo weiter im Werk in Ecknach. Das Unternehmen hat seinen Stammsitz in Barcelona. Vor vier Jahren machte mit der Verzinkerei in Ecknach die letzte in Aichach verbliebene Gewerbeeinheit dicht.

Was von Mea in der Paarstadt bleibt ist großer Immobilienbesitz vor allem im Gewerbepark und an der Sudetenstraße. In der vor einigen Jahren modernisierten Unternehmenszentrale arbeitet die Belegschaft in den oberen Stockwerken. Unten sind Geschäfte und Arztpraxen eingezogen. Wer will, kann das auch als Vorzeichen für eine neue Geschäftsstrategie einordnen. Daneben ist ein großer Wohnpark auf dem Gelände der früheren Mea-Werkhallen geplant (wir berichteten mehrmals). Mit dem jetzt verkauften Industrieunternehmen hat dieses Projekt aber nichts zu tun. Wo früher über Jahrzehnte hinweg viele Menschen Arbeit fanden, sollen künftig viele Menschen attraktiv wohnen können.

Eine Antwort zu den Hintergründen der Mea-Übernahme liefert Adcuram indirekt selber. Vorstandsmitglied Philipp Gusinde hat das Geschäftsmodell vor einem guten Jahr gegenüber der Süddeutschen Zeitung beschrieben. Nicht selten gebe es bei einer geplanten Nachfolge Probleme. Und das, obwohl Potenzial da sei, so Gusinde. Die Holding sehe das als gute Gelegenheit für Investitionen. Man übernehme Mehrheitsbeteiligungen und gebe dann mit seinem 40-köpfigen Expertenteam operative Unterstützung bei der Neuaufstellung. So helfe Adcuram Unternehmen zum Beispiel, Produkte, betriebliche Prozesse oder den Marktauftritt zu verbessern. Der Alteigentümer wiederum könne einen guten Verkaufspreis erzielen und mit dem Fortbestand seines Lebenswerks rechnen.

Für die in dritter Generation familiengeführte Vitrulan-Gruppe aus Marktschorgast war das offenbar eine attraktive Lösung. Adcuram hat sie Ende 2016 gekauft. In der Familie gab es keinen Nachfolger, und unter dem Dach eines Wettbewerbers sollte der Hersteller technischer Textilien aus Glasgewebe auch nicht verschwinden. „Angesichts des intensiven Wettbewerbs und des enormen technologischen Umbruchs wollen viele Unternehmer heute die nächste Wachstumsphase neuen Eigentümern anvertrauen“, glaubt Vorstand Gusinde.

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