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Aichach-Edenried

08.06.2018

Was tut sich auf der Streuobstwiese in Edenried?

Erst warfen die Mitglieder der BN-Ortsgruppe Lechrain einen Blick in den alten Obstgarten der Familie Naßl, bevor ihnen Konrad (rechts) und Brigitte (Bildmitte) eine ihrer neuen Streuobstwiesen zeigten.
Bild: Martin Golling

Für ihre 2,5 Hektar große Streuobstwiese ist Familie Naßl schon ausgezeichnet worden. Beendet ist das Experiment aber noch nicht. Der BN hat sich dort umgeschaut

Konrad Naßl aus dem Aichacher Ortsteil Edenried ist einer, der Spaß daran hat, richtig altbairisch daher zu reden. „Weißt du den Unterschied zwischen schloudoarad und bleïdschoarad?“ Solche Fragen zu beantworten, ist nichts für Zuagroaste. Und er kann nicht nur lustige Fragen stellen, sondern auch seltsame Wünsche äußern: „I wui amoi durch a Zwetschgen-Huizla wandern (Ich will einmal durch ein Wäldchen wandern, das aus Zwetschgenbäumen besteht).“ An diesen Wunsch von Konrad kann sich seine Frau Brigitte noch erinnern. Im Jahr 2000 zog es die beiden aus dem Allgäu zurück in die Heimat.

Sie bauten ein Haus in Edenried. Idyllisch leben sie seither mitten im alten Obstgarten, der seit eh und je den Zimmermou-Hof umgab. Freilich waren die Äcker ringsum längst verpachtet. „Ich habe das gesehen, wie die Maschinen immer größer wurden, die Kulturen immer reiner. Da hab’ ich die allermeisten Pachtflächen zurückgenommen.“ Im Jahr 2015 pflanzte er auf 2,5 Hektar Streuobstwiesen an, ließ schon ein Jahr zuvor seine Flächen als Biohof zertifizieren und verkauft seither Apfelsaft und im Druckfass vergorenen Apfelsecco, besser bekannt als Cidre, oder etwa Birnen- und Zwetschenmarmelade. Sein Obst findet sich auch in den Regalen der „Rollenden Gemüsekiste“ in Affing-Gebenhofen. Beim Informationsrundgang der Ortsgruppe Lechrain des Bund Naturschutz (BN) sind gerade die ersten Kirschen reif. Ein gutes Dutzend Jungstare ist lautstark dabei, die noch nicht ganz roten Früchte abzuernten. Schmunzelnd, mit angezogenen Schultern und nach oben gerichteten Handflächen kommentiert Brigitte Naßl das geräuschvolle Treiben: „Von dem Baum haben wir noch nie was ernten können.“

Die mehr als 200 neu gepflanzten Obstbäume hat Naßl nahezu alle selbst veredelt. So hat jeder Baum seine eigene Geschichte, erklärt der Edenrieder. Immer wieder kam er bei Fahrten durch die Dörfer der Umgebung an alte, gesunde Baumsorten, von denen er sich nach Rückfrage auch gleich einen Reiser abschnitt, um zuhause wilde Sprösslinge zu okulieren. Die Frau-Birne etwa wird zum Festtag Mariae Himmelfahrt, um den 15. August, reif. Die uralte, sehr schmackhafte, allerdings kaum lagerfähige Birnensorte hatte einst seine Großmutter mit in die Ehe gebracht. Oder der Korbiniansapfel. Ihn hat der katholische Priester Korbinian Aigner einst im Konzentrationslager Dachau gezüchtet. Seine im Geheimen getätigten Züchtungen erhielten allesamt fortlaufende Nummern wie KZ1, KZ2. Der Korbiniansapfel heißt eigentlich KZ3.

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Viele wertvolle Tipps hatte Konrad Naßl sich zum Beispiel vom über 90-jährigen Obstbau-Fachmann Xaver Failer aus Obergriesbach geholt. In Zusammenarbeit mit Willi Christoph von der BN-Ortsgruppe Lechrain entstand eine Fläche, auf der der gut mit Nährstoffen versorgte Oberboden abgekratzt wurde. Inzwischen konnte sich auf dem nun humusarmen Areal ein Magerrasen etablieren. Durch die Einbringung von Mähgut aus den vom BN gepflegten Flächen gedeihen hier bereits Raritäten wie der wilde Majoran, die Witwenblume, der Klebrige Lein, der Natternkopf oder die Wiesenflockenblume.

Am 14. Juni 2016 fanden all diese Bemühungen, der Artenvielfalt wieder Raum zu geben, hohe Anerkennung. Die Naßls wurden mit dem Umweltpreis des Landkreises Aichach-Friedberg ausgezeichnet. Das bunt blühende Experiment auf den Streuobstwiesen der Familie ist längst noch nicht zu Ende geträumt.

Noch sind die Bäumchen zu nieder, um in deren Schatten wandern zu können. Doch was wir hier schon jetzt beantworten können, ist das Ergebnis einer Diskussion nach der Führung durch die Obstgärten: Schloudoarad ist jemand mit abstehenden Ohren und bleïdschoarad ist jemand mit Riesenohren (a Rounabledschn ist ein Rübenblatt). A Bleïdschoarada hat also Ohren, groß wie Rübenblätter.

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