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Aichach-Friedberg

10.04.2020

Wegen Corona: Hospizhilfe und Seelsorge fast nur noch am Telefon

Die Hand des Patienten zu halten, ist in Corona-Zeiten nicht mehr möglich.
Bild: Patrick Seeger, dpa (Symbol)

Plus Corona-Beschränkungen erschweren es Hospizmitarbeitern und Geistlichen, kranke Menschen zu besuchen. So ist die Situation für Patienten und Helfer in Aichach-Friedberg:

Ambulante Hospizdienste gehen normalerweise da hin, wo sich Menschen ihre Betreuung wünschen. Das sind häufig auch Pflegeheime und Krankenhäuser. Genau zu solchen stationären Einrichtungen dürfen Hospizhelfer jetzt nicht mehr gehen, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.

Auch zu Patienten nach Hause dürfen die Helfer nur in begründbaren Ausnahmesituationen. Die können zum Beispiel vorliegen, wenn ein Angehöriger mit der Pflege allein ist. Auch in Altenheimen könnte laut dem Gesundheitsamt Aichach-Friedberg zukünftig unter Auflagen ein Besuch durch den Hospizdienst wieder erlaubt sein, wenn ein Kranker keine Angehörigen hat.

Corona: Vieles bricht in Aichach-Friedberg jetzt weg

Christine Neukäufer leitet das St. Afra Hospizteam im Caritas-Zentrum Aichach. Das Verbot sei für die Hospizbegleiter, wenn auch verständlich, natürlich erschreckend gewesen. „Wir begleiten Menschen am Lebensende“, sagt Neukäufer. Begleiten heiße nicht nur zu besuchen oder über den Tod zu reden, sondern auch einfach da zu sein. „Die Menschen nicht allein zu lassen.“ Teilweise sei das auch in aller Stille gewünscht. „All das trägt zur Linderung vom psychischen Schmerz bei.“ Der Sterbende wisse dann, dass jemand an seiner Seite ist. Aber das breche jetzt weg, nur noch telefonischer Kontakt ist möglich.

Auch für Angehörige da zu sein, gehört zur Aufgabe von Hospizdiensten. Sie zu beraten und bei der Trauerarbeit zu helfen. „Wir schauen immer ganz individuell. Was braucht diese Familie?“, sagt Neukäufer. Hospizarbeit funktioniere nicht nach Standards. Gespräche mit Angehörigen sind zwar weiterhin möglich, allerdings ebenfalls fast ausschließlich über das Telefon. Ohne die Situation zu sehen, sei es aber schwieriger zu helfen.

Jede Pflegekraft der Sozialstation Augsburg Hochzoll Friedberg und Umgebung fährt nur in der Schutzmontur zu den Klienten. Dazu gehören der Schutzanzug, der Mundschutz, die Schutzbrille wie auch die Schutzanschuhe. Pflegedienstleitung Ulrike Hopfes hat die Montur hier für das Foto angezogen.
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Bild: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner.

Eine Ausnahmesituation, wegen der die Hospizhelfer noch Hausbesuche machen, ist wenn Kinder im Haushalt des Patienten leben. „Es findet gerade kein Unterricht statt, es gibt keine Ablenkung“, sagt Neukäufer. Die Kinder bekämen dadurch mehr als sonst hautnah mit, wie ein Elternteil oder ein Großelternteil im Haus stirbt. Eigens dafür ausgebildete Hospizhelfer versuchen, den vortrauernden Kindern zu helfen. „So etwas muss man noch anbieten können“, sagt Neukäufer.

Allerdings sind solche Hausbesuche zu Corona-Zeiten mit Regeln verbunden. Abstände müssen eingehalten werden, physischen Kontakt gibt es nicht. Hospizhelfer sind ausgestattet mit Schutzmaske, mit Kittel, mit Handschuhen. „Die Schutzklamotten sorgen zusätzlich für eine Distanz“, sagt Neukäufer. Aber die Sicherheit gehe vor.

Hospizhelfer leiden selbst unter den Einschränkungen durch Corona

Die ehrenamtlichen Hospizhelfer selbst leiden auch unter den Einschränkungen. Sie dürfen nicht mehr zu Patienten, die sie schon zu begleiten begonnen hatten. Zum Teil durften sie sich laut Christine Neukäufer verabschieden, das sei schwer gewesen. „Und für die Bewohner war es auch schwer, sich von ihrem Begleiter, oft die einzige Bezugsperson neben den Pflegekräften, zu verabschieden.“ Oft sei der Hospizbegleiter der einzige, der für den Patienten Zeit habe.

 

„Mittlerweile sind auch einige Patienten verstorben“, sagt Neukäufer. Das habe zu sehr hohem Gesprächsbedarf bei den Ehrenamtlichen geführt. Sie konnten wegen der strengen Regelungen häufig auch nicht zu den Beerdigungen.

Hospizhelfer in Aichach-Friedberg telefonieren jetzt viel miteinander

Unter normalen Umständen tauschen sich Hospizbegleiter in Gruppenabenden darüber aus, was sie während ihrer Arbeit erleben. Diese Abende finden im Moment nicht statt. Stattdessen würden die Hospizhelfer viel miteinander telefonieren, sagt Neukäufer. Und auch sie werde häufig angerufen. „Der Beruf ist durchaus belastend, aber es passieren auch ganz wunderbare Dinge“, so Neukäufer. Oft würden Hospizhelfer besonders berührende Momente mit ihr teilen.

Geistlichen ist das Betreten von Altenheimen und Krankenhäusern unter Auflagen zwar erlaubt, es wird ihnen jedoch stark davon abgeraten. Der Aichacher Stadtpfarrer Herbert Gugler sagt, viel Seelsorge laufe momentan über das Telefon. „Ich versuche, den Patienten und ihren Angehörigen die Situation zu erklären.“

Corona: Auch Geistliche sollen öffentliche Einrichtungen meiden

Wenn jemand immer mit der Kirche und den Sakramenten gelebt habe, dann sei ein Druck da, sich an diese Regeln zu halten. „Ich versuche, diesen Druck zu nehmen“, sagt Gugler. Wenn die Krankensalbung oder Kommunion nicht möglich sei, habe das keine negativen Folgen für den Kranken. Schließlich habe der sein Möglichstes getan und werde nicht von Gott abgestraft. „Ich glaube ganz fest an die Barmherzigkeit Gottes“, sagt Gugler. Er bete stark für die, denen die Sakramente verwehrt bleiben. Und trotzdem: „Der Schmerz ist da, den kann ich auch nicht wegreden. Auf beiden Seiten.“ Es tue ihm schrecklich leid, nicht hingehen zu können. Aber er ist sich sicher, dass Gott helfen wird. „Tausendprozentig.“

 

Der evangelische Landeskirchenrat empfiehlt seelsorgerliches Handeln im Sterbefall im kleinsten familiären Rahmen unter Einhaltung von Sicherheitskriterien. Außerdem sollen sich die Geistlichen an örtliche Regelungen halten. Pfarrer Winfried Stahl von der evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde Aichach und Altomünster sagt, die Besuche von Geistlichen seien für viele Menschen wichtig. „Es geht darum, dass der Mensch noch einmal erlebt, dass er nicht nur Patient, sondern auch Sohn, Tochter, Vater, Gemeindemitglied ist.“ Durch die Regelungen auch für Beerdigungen sei es eine schlechte Zeit zu trauern, sagt Stahl. „Und eine schlechte Zeit zu sterben“.

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