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Prozess in Aichach

21.04.2015

Wegen Gerüchten: Als jemand mit seiner Schwester flirtet, rastet ein Mann aus

Als ein Gerücht die Runde machte, herrschte Aufregung auf der Feier.
Bild: Matthias Hiekel, dpa (Symbolbild)

Ein 21-Jähriger stand wegen gefährlicher Körperverletzung in Aichach vor Gericht. Er rastete aus, als ein Mann mit seiner Schwester flirtete. Der Grund: Er vermutete etwas anderes.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kamen die Faustschläge für einen 19-jährigen Aichacher. Eben noch hatte er auf einer Geburtstagsfeier mit einer 18-Jährigen geflirtet. Dann stürmte ohne Vorwarnung ihr Bruder heran und vermöbelte ihn. Er verpasste ihm Faustschläge und einen Tritt ins Gesicht, als der Aichacher bereits auf dem Boden lag. Wegen gefährlicher Körperverletzung stand der heute 21-jährige Bruder am Montag vor dem Aichacher Jugendgericht. Dabei stellte sich heraus, warum der Angeklagte aus dem nördlichen Landkreis so überreagiert hatte.

Es war eine feuchtfröhliche Stimmung, die auf der Party in einer Gemeinde im Landkreisnorden im Oktober vergangenen Jahres herrschte. Für etwas Aufregung sorgte jedoch am Anfang der Feier eine Mitteilung, wonach die Schwester des Angeklagten von einem Unbekannten belästigt worden sei. Gegen 2.30 Uhr morgens machte dann offenbar in Windeseile das Gerücht die Runde, dass ein Partygast versucht habe, die junge Frau zu vergewaltigen.

Auf der Party herrschte helle Aufregung

Helle Aufregung habe daraufhin geherrscht, sagte der Cousin der jungen Frau vor Gericht aus. Als er zum Ort des Geschehens eilte, lag seine Cousine reglos am Boden. Der Bruder der Frau hatte dem Aichacher gerade einige Faustschläge ins Gesicht verpasst, woraus der Cousin der Frau schloss, dass das der Angreifer sein müsse. Er habe ihn dann zu Boden gerungen und ihn dort fixiert, indem er sich auf ihn setzte, sagte er aus.

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Laut dem Aichacher gab ihm der Angeklagte dabei „noch mal einen mit dem Fuß ins Gesicht mit“ – in etwa mit dem Schwung, mit dem man einen Fußball kicken würde. Der Cousin wusste nichts von einem Fußtritt des 21-Jährigen. Auch der Angeklagte selbst versicherte, dass er nicht nachgetreten habe. „Ich wollte nur noch weg.“ Er habe den Aichacher, den er bis dahin noch nie gesehen hatte, nur geschlagen, während der noch stand. Von den Faustschlägen platzte diesem an den Schneidezähnen der Zahnschmelz ab und musste vom Zahnarzt wieder angeklebt werden. Außerdem zerrissen Teile seiner Kleidung.

Relativ schnell klärte sich dann auf, dass der Aichacher nichts anderes getan hatte, als mit der Schwester des Angeklagten zu flirten. Nachdem klar war, dass dieser den Aichacher völlig grundlos vermöbelt hatte, entschuldigte sich der 21-Jährige sofort bei ihm. Für den Schaden in Höhe von rund 2000 Euro kam er auf, auch 1000 Euro Schmerzensgeld bezahlte er.

Bei dem Angeklagten brannten die Sicherungen durch

Die Kombination aus hohem Alkoholkonsum, der engen familiären Bindung und der Situation habe dazu geführt, dass bei dem Angeklagten die Sicherungen durchgebrannt seien, sagte Staatsanwalt Matthias Ernst. Dennoch: „Es geht nicht, dass man das Recht in die eigenen Hände nehmen will.“ Er forderte zwei Freizeitarreste für den 21-Jährigen. Verteidiger Wolfgang Kunesch sprach sich für Hilfsdienste aus. Er unterstrich, dass bei der Statur des Angeklagten ein Fußtritt andere Verletzungen verursacht hätte.

Auch Jugendrichter Dieter Gockel ging davon aus, dass das Gerücht über eine angebliche Vergewaltigung der Schwester zu dem Zornausbruch des 21-Jährigen geführt hatte. „Sie waren in Rage, können aber keine Selbstjustiz üben“, betonte der Richter. Genau wie der Staatsanwalt hielt auch Gockel den Angeklagten nicht für einen Schläger. „Ohne diese Situation hätten Sie nie zugeschlagen“, war der Richter sicher. Als beispielhaft bezeichnete er die schnelle Wiedergutmachung des Angeklagten. Gockel verurteilte ihn wegen gefährlicher Körperverletzung zu 96 Stunden sozialen Hilfsdiensten. Unklar blieb, warum die junge Frau während der Feier bewusstlos am Boden gelegen hatte.

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