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Aichach/Aindling

23.07.2020

Wehmut an Aichachs Realschule: Musiklehrer wird verabschiedet

Hannes Degendorfer beim Musikwettbewerb im vergangenen Jahr.
Bild: Martin Golling

Plus Hannes Degendorfer war viele Jahre Musiklehrer an der Wittelsbacher Realschule in Aichach. Kollegen und Schüler erzählen, wie sehr er mitreißen konnte.

Das war ein Schuljahr! Nie im Leben werden Schüler diese schier unendlichen „Ferien“, aber auch die grausame Einsamkeit vergessen. Vieles, was zu gewohnten Ritualen an den Schulen gehörte, ist durch Corona über den Haufen geworfen. Nicht einmal das Sommerkonzert der Wittelsbacher Realschule in Aichach wird heuer stattfinden – bisher immer ein Muss für Lehrkräfte, ihre Schützlinge, die Absolventen und sogar für so manche ehemalige Schüler.

Manches wird auch nie mehr so sein, wie’s mal war. Hannes Degendorfer geht in Pension. Die Wittelsbacher Realschule wird also künftig ohne den Arrangeur, den begnadeten Gitarristen, den Motivator, den Boss der Schulband, den Organisator vor, auf und hinter der Bühne auskommen müssen. „Wir haben uns ein lebensgroßes Schattenbild von Hannes mit Gitarre ins Lehrerzimmer geklebt“, verrät Degendorfers Kollegin Angelika Prommersberger.

Als Abschiedsgeschenk von der Lehrerschaft gibt es ein Fotoalbum mit persönlichen Sprüchen. Da heißt es schon mal: „Du bist wie TNT“, oder „so schön wie Habermann“. Lehrerbands und Lehrerchöre leitete Degendorfer, als Personalrat war er aktiv, das hinterlässt Spuren. In besagtem Album blickt ein Kollege traurig zurück: „… weil Simon ohne Garfunkel nix is.“

Hannes Degendorfers Realschul-Band ist ein Begriff

Julia Riegl aus Aindling hatte mit der Abschlussklasse 2012 die Realschule verlassen, aber nie abgerissen ist die musikalische Zusammenarbeit mit Hannes Degendorfer. Sogar bei ihrer Gesangsexamen-Prüfung Anfang März hat der nun scheidende Musiklehrer seine ehemalige Schülerin auf der Gitarre begleitet. Julias Erinnerungen an die Schulband beginnen, als sie die dritte Grundschulklasse besuchte: „Ich begleitete meinen älteren Bruder zum Tag der offenen Tür an der Wittelsbacher Realschule, und dort spielte die Schulband. Ich wusste sofort: Ich will da mitmachen“, was ihr ab der sechsten Klasse gelang.

Legendär: Hannes Degendorfers Arrangement von „Somebody that I used to know“ - fünf Musiker an einer Gitarre.

Die Musik hat sie seither nicht mehr losgelassen, ebenso erging es Christian Straller. Der hatte 2002 seine Realschulzeit erfolgreich abgeschlossen und arbeitet als Elektroingenieur in der Automobilindustrie. In seiner Freizeit lässt er die alten Schulbandzeiten wieder aufleben und macht Tanzmusik – wie heuer etwa beim Ball der Liedertafel Aindling. „Ich war ein lausiger Schüler – außer in Musik“, erinnert sich Straller. Und erzählt eine Anekdote: „Nach einem berauschenden Auftritt mit sehr viel Beifall, fragte mich Herr Degendorfer, was besser sei: ein Dreier in Mathe oder dieses Hochgefühl. Ich kann sagen, dass ich das Hochgefühl noch heute in mir trage. Es hat mein Leben beeinflusst, dafür bin ich meinem ehemaligen Musiklehrer sehr dankbar.“

Ein ehemaliger Kollege schwärmt von Degendorfer

Degendorfers ehemaliger Kollege Sigurd Helmer schwärmt: „Er war ab seinem Eintritt an unserer Wittelsbacher Realschule 1987 der Hauptakteur in der Fachschaft Musik.“ Die Schule habe einen Wirtschafts-, einen sozialen und einen mathematischen Zweig. „Durch Degendorfers Fleiß, seinen Ehrgeiz, seine Durchsetzungskraft, seine Fähigkeit, Begeisterung zu entfachen, und seine multiplen Strategien für Problemlösungen haben wir quasi auch einen sehr öffentlichkeitswirksamen musikalischen Zweig dazu- gewonnen“, scherzt Helmer. Er kann sich auch noch an die Kassetten (MCs) und CDs aus Degendorf’scher Produktion erinnern: „Das waren MCs mit Klassik, Weihnachtsliedern und Volksmusik, CDs mit Rockmusik, Jump und Jump2 und die CD mit Hot-Beats and more.“

Darauf angesprochen winkt der baldige Musiklehrer a. D. ab: „Ich habe das alles selbst in Mehrspurtechnik und später auf Cubase aufgenommen. Wir haben jedes Mal auch an Wochenenden und in den Ferien gearbeitet. 200 Arbeitsstunden waren außerhalb der Schulzeit immer zu schultern bei solchen Projekten.“ In seiner Arbeit mit den Schülern steckte viel Herzblut. Selbst symphonische Konzerte arrangierte er so um, dass etwa Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 oder sein Klarinettenkonzert A-Dur spielbar wurden. Durch seine große Erfahrung mit elektrischen und elektronischen Instrumenten und mit Verstärkeranlagen konnte er fehlendes Klangvolumen ergänzen. Ein Markenzeichen Degendorfers.

Ein weiteres Novum für die Wittelsbacher Realschule waren die Bläserklassen – heuer endet der bereits 14. Jahrgang. Zusammen mit Kollegin Ines Rampf gründete Degendorfer den Musikförderverein. Nach seiner Lehrerlaufbahn will Degendorfer als Vorsitzender der bewährten Organisation für die Musik an „seiner Schule“ aktiv bleiben.

On Tour mit der Band der Wittelsbacher Realschule auf dem Aindlinger Weihnachtsmarkt.
Bild: Martin Golling

Julia Riegl studiert selbst Musikpädagogik. Für sie ist „Herr Degendorfer“ Vorbild als Mensch, aber auch didaktisch. „Wenn er etwas gemacht hat, waren stets alle dabei – mit Begeisterung.“ Zum Abschied wollten eigentlich alle Ehemaligen für Degendorfer noch einmal auf die Bühne. Die Hot-Beats, die Blackouts und wie sie alle hießen hätten sich für das jetzt geplante Konzert wiedergefunden und miteinander geprobt, berichtet Julia Riegl und sie sagt: „Alles hätten wir schon geplant gehabt – für das letzte Schulkonzert mit Hannes Degendorfer.“

Für ihn selbst wird es „ein lautloser Abschied“. Er hadert schwer mit diesem coronabedingten Los, wie er beteuert. „41 Jahre habe ich nun musikalisch mit Kindern gearbeitet. Es ist mir erst relativ spät bewusst geworden, dass ich dem einen oder anderen etwas fürs Leben mitgeben konnte.“

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