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Aichach-Friedberg

07.03.2020

Wenn Patienten wegen Corona keine Hilfe bekommen

Wartezimmer einer Arztpraxis: Im Landkreis gibt es schon Patienten, die von einer Arztpraxis abgelehnt werden. Das kritisiert das Gesundheitsamt Aichach-Friedberg.
Bild: Sina Schuldt/dpa (Symbol)

Nach dem ersten Corona-Fall im Landkreis macht Behörden zunehmende Hysterie Sorgen. Laut Gesundheitsamtsleiter beginnt die ärztliche Versorgung zu leiden.

Nach dem ersten Corona-Fall im Raum Aichach nehmen die Aufgeregtheiten zu. Die jüngsten Entwicklungen machen Dr. Friedrich Pürner Sorgen. Der Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg sprach am Freitagnachmittag in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz im Landratsamt in Aichach gar von Hysterie und sagte: „Durch Corona beginnt unsere ärztliche Versorgung zu leiden. Das kann nicht sein.“

In Pürners Behörde schlugen am Freitag an die 70 Anrufe auf. Ein Drittel bezog sich darauf, dass Schulleiter zum Teil Südtirol-Urlauber nach Hause schickten. Die Folgen waren gravierend für Kinderarztpraxen, denn manche Schulleiter verlangten Atteste. „Das belastet die Kinderarztpraxen brutal“, so Pürner. In der aktuellen Infektionszeit aber müssten sich die Kinderärzte um tatsächlich kranke Kinder kümmern und könnten nicht auch noch Gesunden Atteste ausstellen, kritisiert Pürner.

Es gibt Arztpraxen im Landkreis, die Patienten abweisen

Sorge macht ihm auch die Entwicklung in Hausarztpraxen. Einige seien nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt gut vorbereitet. Das sieht dann so aus: Ein Schild an der Praxistüre weist mögliche Corona-Patienten an, nur zu klingeln. Ein Arzt in Schutzkleidung holt sie dann ab und führt sie in einen separaten Raum. So professionell läuft das längst nicht überall ab. Pürner weiß von kranken Menschen, die keine ärztliche Hilfe bekommen. Das Problem: „Es wird grundsätzlich vorausgesetzt, dass einer Corona hat.“

Der Gesundheitsamtsleiter berichtet von einem verzweifelten Menschen am Telefon. Mit Fieber, Ohren- und Gliederschmerzen sowie Lungenrasseln war es ihm drei Tage nicht gelungen, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen. Die Praxis verbot ihm, zu kommen. Die Nummer der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) war ständig belegt. Kein Einzelfall laut Pürner. Der Fachmann, selbst Epidemiologe, spricht von einigen Fällen, die in seiner Behörde aufschlugen, und geht davon aus, dass es noch mehr gibt.

Gesundheitsamt: Es wird nicht gleich die Praxis geschlossen

Pürner findet es „fast schon unerträglich, wenn einer Hilfe braucht und kriegt sie nicht“. Er weiß, dass Ärzte fürchten, ihre Praxis könnte im „Corona-Fall“ geschlossen werden und versichert: „Das ist nicht so.“ Die Behörde ermittle intensiv die Kontaktpersonen. Das seien zum Beispiel nicht alle Menschen in einem Wartezimmer, sondern nur die in unmittelbarer Umgebung des Betroffenen. Sie würden in Quarantäne geschickt.

Praxen würden auch im Fall eines Corona-Patienten nicht einfach geschlossen. Zweites Problem: Viele Praxen haben keine Schutzausrüstung. Auch er könne keine herzaubern. Sie sei selbst in seiner Behörde Mangelware.

Kranke sollen weiterhin zum Arzt gehen können

Kranke mit verdächtigen Symptome wie Husten und Fieber, die sich aber nicht in einem Risikogebiet aufhielten und keinen Kontakt zu Erkrankten hatten, sollen weiterhin Arztpraxen aufsuchen können. Im anderen Fall wäre es besser, daheim zu bleiben und sich telefonisch Rat zu holen. Dann erwartet Pürner aber, dass der Arzt fragt, ob dieser ärztliche Hilfe brauche. Und was riet er dem verzweifelten Patienten? Er solle den Notarzt rufen, sagte ihm Pürner. Gleichwohl ist das keine Lösung, wie er betont. Dann seien bald die Notaufnahmen verstopft. Doch so weit soll es nicht kommen. Der Behördenleiter hofft auf vernünftige Reaktionen der Arztpraxen.

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