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Aichach-Friedberg

23.07.2020

Wie Chöre und Kapellen in Aichach-Friedberg mit Corona umgehen

Proben für Chöre und Kapellen sind wieder erlaubt. Aber ist das mit Hygienevorschriften eine Option?
Bild: Hendrik Schmidt, dpa

Plus Musikgruppen dürfen wieder proben und auftreten. Warum das für viele im Wittelsbacher Land aber keinen Sinn ergibt.

Chöre, Blaskapellen und Orchester dürfen seit Kurzem theoretisch wieder proben und auftreten, haben sich dabei aber an besonders strenge Richtlinien zu halten. Im Corona-Hygienekonzept der bayerischen Staatsregierung zu „Kulturellen Veranstaltungen und Proben“ heißt es: „Bei Einsatz von Blasinstrumenten sowie bei Gesang ist ein erweiterter Mindestabstand von 2,0 Metern einzuhalten.“ Wir haben exemplarisch bei Chören und Kapellen nachgefragt, wie sie es nun handhaben.

Die Stadtkapelle probt im Freien

Eduard Augsburger probt daher mit der Stadtkapelle Aichach ausschließlich im Freien. „Es ist etwas schwieriger“, sagt Augsburger, denn alle Gegenstände müssen nach der Probe desinfiziert werden, und vor- und nachher müssen die Hände gewaschen werden. „Kompliziert, aber besser als gar nicht proben können.“ Bei der zweiten Probe spielte Augsburger auch lieber selbst mit, anstatt zu dirigieren, so sehr fehlte ihm nach eigener Aussage das Musizieren.

Am Sonntag, 26. Juli, will eine kleine Gruppe von zwölf Musikern, die Aichacher Stadtmusikanten, am Schlossplatz endlich wieder auftreten. Ungewohnt sei das Spielen mit Abstand allemal, meint Augsburger: „Wir brauchen das Ellbogengefühl.“ Organisatorisch bedeutet der größere Abstand, dass zuallererst neue Notenblätter angeschafft werden mussten, da im Normalfall immer mehrere Musiker in ein Blatt schauen, was nun nicht mehr möglich ist. Während der Pandemiebeschränkungen probierte Augsburger mit einem Musikschüler auch eine Online-Probe per Videokonferenz, diese hatte aber seiner Meinung nach „null Wert“, denn man hört sein Gegenüber immer ein wenig zeitversetzt.

Alois Kammerl: Sinnvolles Proben ist gar nicht möglich

Noch nicht wieder mit den Proben angefangen hat der Organist und Chorleiter des Aichacher Kirchenchors, Alois Kammerl. Seiner Ansicht nach sei „sinnvolles Proben gar nicht möglich“. Laut Auflagen muss er nach 20 Minuten bereits die erste Pause zum Lüften machen. „Da bin ich gerade mit dem Einsingen fertig“, so Kammerl. Bei 30 Sängern mit entsprechendem Abstand zum Nebenmann sind Proben aus Platzgründen „praktisch nicht durchführbar“.

Proben im Freien hält Kammerl speziell beim Singen für „völligen Blödsinn“, denn „man hört ja nix, und die Sänger hören sich gegenseitig nicht“. Kammerl, der Aichach ab September Richtung Pfaffenhofen an der Ilm verlässt, sagt: „Für Chöre ist Corona eine Katastrophe.“ Beim Singen während eines Gottesdienstes müsse der Chor von der Gemeinde wegsingen und auf der Empore so weit wie möglich weg von der Brüstung, oder aber im Altarraum Richtung Hochaltar. Kammerl vermutet, dass ein annähernd normales Chorsingen erst wieder mit Impfstoff möglich sein werde. Aber: „Ob es jemals wieder so wird wie vorher, bezweifle ich mittlerweile.“

Sielenbacher Kirchenchor übt auch noch nicht

Auch der Sielenbacher Kirchenchor probt noch nicht wieder. Regina Albrecht singt seit 20 Jahren im Chor der Wallfahrtsgemeinde mit und sagt: „Mir fehlt das Singen wirklich total, ich merke auch, dass ich aus der Übung bin.“ Chorsingen mit Abstand hält auch Albrecht für unrealistisch: „Ich tu mir leichter beim Singen, wenn ich die anderen Stimmen höre.“

Lorenz Hader, Leiter der Altbairischen Musikanten aus Aindling, hat seit Corona nur mit kleinen Gruppen für Geburtstagsständchen oder auf Beerdigungen mit maximal zehn Mann gespielt. „Wir hoffen auf September und die Wintersaison, ob wir dann möglicherweise wieder näher zusammenrücken dürfen.“

Auch Martin Heitmeier von der Blaskapelle Sielenbach hat sich nach Durchsicht des Hygienekonzepts noch gegen das Proben in geschlossenen Räumen entschieden. Er müsste zum Beispiel die gewohnte Sitzordnung laut Hygienekonzept verändern, denn „Querflöten und Holzbläser mit tiefen Tönen sollen möglichst am Rand platziert werden, da hier von einer erhöhten Luftverwirbelung auszugehen ist“, steht im Hygienekonzept der Staatsregierung. Somit müssten beispielsweise die Klarinetten umgesetzt werden. Heitmeier könnte sich aber vorstellen, im Freien zu proben, möchte sich aber erst mit der Gemeinde über die Möglichkeiten hierzu in Verbindung setzen.

Abstand halten bei einem Chor mit 40 Frauen?

Der Landfrauenchor Aichach-Friedberg unter der Leitung von Rupert Reitberger (hier bei einem Auftritt Ende vergangenen Jahres) probt noch nicht wieder. Zu unrealistisch sind die Abstandsregeln bei so vielen Sängerinnen. (Archivfoto)
Bild: Alice Lauria

Auch Rupert Reitberger hat seinen Landfrauenchor seit Corona noch nicht wieder aktiviert. Zwei geplante Veranstaltungen in Herrgottsruh in Friedberg und Maria Birnbaum in Sielenbach wurden ebenfalls abgesagt. Aus dem einfachen Grund, dass der Abstand bei einem 30 bis 40 Frauen starken Chor unmöglich eingehalten werden kann. Für die Proben fehlt ein entsprechender Raum. Hinzu kommt, dass die Sängerinnen des Landfrauenchors zum Großteil der Corona-Risikogruppe zuzuordnen sind. „Der große Verlierer ist die Kultur bei dieser ganzen Geschichte“, so Reitberger, und „ich glaube, dass da in diesem Jahr nichts mehr los ist.“

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