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Aichach

10.01.2020

Wie die Bonpflicht Aichacher Händler verärgert

Seit ersten Januar dieses Jahres gilt in Deutschland die Bonpflicht. Aichacher Händler sehen sie kritisch und beklagen sich über viel Müll. Die meisten Kunden brauchen die Bons nicht, wie hier bei Bäcker Bauer in Aichach zu sehen ist. Eine Mitarbeiterin zeigt Bons, die sich ansammeln.
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Seit ersten Januar dieses Jahres gilt in Deutschland die Bonpflicht. Aichacher Händler sehen sie kritisch und beklagen sich über viel Müll. Die meisten Kunden brauchen die Bons nicht, wie hier bei Bäcker Bauer in Aichach zu sehen ist. Eine Mitarbeiterin zeigt Bons, die sich ansammeln.
Foto: Anna-Lena Bruggner

Plus Unsinn oder gerechtfertigte Vorsicht? Seit Jahresbeginn gilt die Bonpflicht. Händler im Wittelsbacher Land sind verärgert.

Wer in der Bäckerei Bauer in Aichach Semmeln und Brezen kauft, bekommt seit diesem Jahr einen Kassenbon. Geschäfte sind seit Neujahr dazu verpflichtet. Doch Inhaber Gerhard Bauer hat die Erfahrung gemacht, dass viele Kunden keinen Beleg möchten. Trotzdem müssen die Mitarbeiter die Bons beim Verkauf ausdrucken.

Aichach: Bonpflicht ist für alle verpflichtend, die Waren verkaufen

Denn seit Beginn des Jahres gilt in Deutschland die „Belegausgabepflicht“, umgangssprachlich „Bonpflicht“ genannt. Sie ist für alle Geschäfte verpflichtend, die Waren verkaufen. Die Regel geht auf das 2016 verabschiedete „Gesetz zum Schutz vor Manipulation an digitalen Grundaufzeichnungen“, „Kassengesetz“ genannt, zurück. Damit will die Bundesregierung vor allem Steuerhinterziehungen durch manipulierte Zahlen entgegenwirken. Durch höhere technische Sicherheitseinrichtungen in Kassen sollen Manipulationen verhindert werden. Für die Betriebe bedeutet dies aber vor allem höhere Kosten durch neue Systeme, sprich: Sie müssen modernere Kassen anschaffen und sie verbrauchen mehr Kassenrollen.

Die Angestellten in der Bäckerei Bauer müssen nun jedem Kunden einen Beleg ausdrucken, um die Waren in der Kasse zu speichern. Das ist nach Bauers Ansicht jedoch unnötig, da Waren in einer Bäckerei sowieso eingetippt und automatisch erfasst werden. Dadurch, dass die Bäckerei viele Bons druckt, sammelt sich viel Müll an, für dessen Entsorgung Bäckermeister Bauer vermutlich bald eine extra Restmülltonne braucht. Denn die Kassenzettel bestehen aus Thermopapier und können nicht einfach im Papiermüll entsorgt werden. Der Verbrauch an Kassenrollen hat sich in der Bäckerei enorm erhöht: Etwa zwei bis drei Rollen sind es nun mehr pro Tag. Eine Rolle hat eine Länge von 80 Metern, was etwa 200 Meter mehr an Belegen bedeutet – jeden Tag.

Zudem erzählt Bauer, dass neben der „Belegausgabepflicht“ das „Kassenmeldegesetz“ in Kraft tritt. Dabei speichert ein Fiskalspeicher alle Eingaben zehn Jahre lang. Ihn kann das Finanzamt online abrufen, um die Eingaben zu überprüfen. Deshalb ist die Bonpflicht nach Ansicht von Bauer ein großer Aufwand, der wenig Nutzen bringt. Er habe aber von einer „Ausnahme wegen Unzumutbarkeit“ gehört, die vor allem Bäckereien und Metzgereien von der „Bonpflicht“ befreien soll.

Aichach: Bedienungen müssen im Central doppelt laufen

Auch Markus Finkenzeller, 37, Inhaber des Central am Aichacher Stadtplatz, findet wenig Gefallen an dem neuen Gesetz. Er bekommt mit, wie wenig Interesse die meisten Kunden an einem Beleg haben. „Meistens lassen die Kunden nach Verlassen des Restaurants die Rechnung einfach liegen“, sagt Finkenzeller. Bedienungen müssten immer doppelt laufen, das Bezahlen mit Ausgabe einer Rechnung geht nicht so einfach am Tisch. Die kaum beachteten Zettel beliefen sich allein bei ihm insgesamt auf rund 13 Kilometer mehr pro Jahr und kosteten das Café rund 150 Euro mehr.

Vor allem aber sieht Finkenzeller wenig Nutzen in dem neuen System: Auch er speichere in einem Fiskalspeicher alle Eingaben ab, diese seien somit vom Finanzamt einsehbar. Er ist der Meinung, dass bereits durch das Dokumentieren aller Eingaben die Möglichkeiten, Zahlen zu manipulieren, verringert wurden. Denn nun können die Zahlen nicht mehr durch einen sogenannten „Trainingskellner“ beeinflusst werden, bei dem alle Eingaben nach Ausgabe einer Rechnung gelöscht werden. Außerdem sei das Restaurant sowieso immer der Kontrolle von Finanzbeamten unterstellt.

Rainer Scharold, Inhaber der Bäckerei Scharold, die Filialen unter anderem in Aichach, Adelzhausen, Hollenbach und Sielenbach hat, hat ähnliche Erfahrungen wie Bäckermeister Gerhard Bauer gemacht: Fast kein Kunde möchte einen Beleg. Durch die Bonpflicht hat Scharold viel mehr Müll. Nicht nur die Belege sind seit Jahresbeginn mehr geworden, auch die Drucker nutzen sich schneller ab. Auch Scharold erzählt, dass in seinen Kassen längst alle Eingaben boniert und im Fiskalspeicher abgespeichert werden. Laut Scharold werden Ausnahmen bei den Finanzämtern meist abgelehnt. Er hofft, dass die Ämter bald bemerken, wie wenig Nutzen die „Belegausgabepflicht“ habe.

Aindling: Eine Firma hat eine Variante entwickelt, damit Bons auch in den Papiermüll landen können

Hinzu kommt: Die Standardkassenzettel sind dadurch, dass sie aus chemischen Farbentwicklern wie etwa Phenolen bestehen, ungesund und nicht nachhaltig. Denn Phenole, wie Bisphenol A, sind von der Europäischen Union als „besonders besorgniserregend“ eingestuft worden. In größeren Mengen wirken sie auf den menschlichen Körper wie Hormone.

Deshalb hat die Firma Ökobon aus Aindling eine Variante entwickelt, die ohne diese Farbentwickler funktioniert. Stattdessen macht Hitze die auf dem Bon vorhandene Farbe sichtbar. Deshalb dürfen diese Bons auch im Papiermüll entsorgt werden.

Ökobon-Geschäftsführer und Unternehmensgründer Oliver Unseld, 50, sagt, dass er durch die Belegpflicht bereits seit mehreren Wochen eine verstärkte Nachfrage an dem Produkt verzeichne. Denn vor allem Läden wie Bäckereien müssten aufgrund ihrer vielen Kunden nun sehr viel mehr Bons als früher drucken. Seit der Einführung der Bonpflicht dächten immer mehr Händler über das Papier der Bons nach, so Unseld.

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