1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Wie ein Aindlinger in Südafrika Kinder betreut

Aindling/Aichach

01.11.2019

Wie ein Aindlinger in Südafrika Kinder betreut

Johannes Kost hat in Südafrika in einem Waisenhaus gearbeitet.
Bild: Johannes Kost

Johannes Kost, 19, hat ein Jahr lang in Südafrika in einem Waisenhaus gearbeitet. Warum solche Projekte trotz der Hilfe Freiwilliger umstritten sind.

Johannes Kost sitzt in einem Café in Aichach. Sein Kaffee dampft, Menschen schlendern vorbei. Er klappt seinen Laptop auf, scrollt durch Fotos aus seiner Zeit in Südafrika. Er hat dort ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in einem Waisenhaus gemacht. Von dem Leid, das die Kinder in jungem Alter erfahren mussten, ist auf den Fotos nichts zu sehen. „Manchmal hat sich einfach jemand mein Handy geschnappt und hunderte Bilder gemacht“, sagt Kost.

Der Aindlinger, 19, ist zurück im Wittelsbacher Land. Für das Auslandsjahr hatte er seinen Lebensmittelpunkt nach Bloemfontein verlagert, in die sechstgrößte Stadt Südafrikas mit 256000 Einwohnern südlich von Johannesburg gelegen. Gutes tun, Zeit und Energie in wertvolle Hilfe investieren und gleichzeitig in fremde Kulturen eintauchen: Freiwilligendienste sind vor allem für Schulabgänger wie Kost eine Möglichkeit, soziales Engagement und Reisen zu verbinden. Abiturient Kost wollte vor seinem Studium nicht nur ein Jahr lang in den Urlaub fahren – das empfand er als vergeudete Zeit.

Aindling: Kost wollte etwas Soziales machen und helfen

„Ich wollte etwas Soziales machen und irgendwo helfen“, sagt er. Bei seiner Suche vor zwei Jahren stieß er auf den Weltfreiwilligendienst des Bistums Augsburg. Dieser wird zu 75 Prozent vom Programm „Weltwärts“ des Bundesentwicklungsministeriums finanziert, die übrigen Kosten übernimmt das Bistum. Es bietet Menschen zwischen 18 und 28 Jahren acht Stellen, unter anderem in Chile, Peru und Südafrika, an.

Wie ein Aindlinger in Südafrika Kinder betreut

Afrika habe ihn immer schon fasziniert, sagt Kost. Seiner Bewerbung 2017 folgten im Winter ein Orientierungsseminar und Einzelgespräche, bei denen vor allem seine Motivation und sein Charakter im Mittelpunkt standen. Er schaffte es: Acht Bewerber wurden für die drei Projekte angenommen. Bei weiteren Seminaren lernte er, wie er einen möglichen Kulturschock übersteht, interkulturell kommuniziert und worauf es in seinem Gastland Südafrika ankommt.

Im August 2018 geht es für Johannes Kost los: Den ersten Unterschied zu Deutschland merkt Kost am Flughafen in Südafrika. Die erste Frage, die ihm gestellt wird: „Bist du katholisch?“ Das ist er, aber welche Auswirkungen seine Antwort auf die Einreise hat, erfährt er nicht. Doch dass der Glaube eine große Rolle im Leben der Südafrikaner spielt, ist ihm schnell klar. Kost arbeitet in dem Waisenhaus „Pelo ya Jesu ya Jewa“. Dort leben 24 Kinder im Alter von acht bis 22 Jahren, drei sind HIV-positiv. Sie kommen von der Straße oder aus von Alkohol und Krankheit zerrütteten Familien. Kost berichtet, dass sie teilweise schwere Misshandlungen ertragen mussten.

Auf einem seiner Bilder sind die Kinder mit der Leiterin und den Mitarbeitern des Waisenhauses zu sehen, alle drücken sich mit lächelnden Gesichtern aneinander und ziehen Grimassen. Obwohl sie sich über Freiwillige wie Kost freuen, sind Projekte mit Waisenhäusern umstritten. Mehrere Anbieter von Freiwilligenarbeit wie zum Beispiel „Praktikawelten“ oder „Wegweiser-Freiwilligenarbeit“ informieren über Risiken dieser Angebote. Die Kinder bauten in einem Jahr eine enge Beziehung zu den Ehrenamtlichen auf. Doch wenn sie in ihre Heimat zurückkehrten, litten sie unter dem Verlust. Das könne im schlimmsten Fall zu bleibenden Verhaltensstörungen bei den Kindern führen.

Dass sich viele, vor allem ältere Waisen nicht auf die Freiwilligen einlassen wollen, merkt Kost an ihrem Verhalten. Anders als jüngere Kinder halten sie Abstand. Dennoch: „Die Freiwilligen werden dringend gebraucht“, meint er. Neben der Leiterin gibt es drei Frauen, die abwechselnd in der Küche arbeiten, und zwei Fahrer, die die Kinder zur Schule bringen. Kost und eine andere Freiwillige betreuen mit der Leiterin die Kinder von morgens an, wecken sie und helfen nach dem Morgengebet beim Anziehen, Vorbereiten für die Schule und Frühstücken. Anschließend putzen sie gemeinsam das Haus. „Da muss man schon aufpassen, dass auch jeder hilft“, sagt Kost schmunzelnd. Um 7 Uhr geht es dann in die Schule. Bis die Schüler zurückkommen, erledigt Kost Einkäufe oder holt im Krankenhaus Medikamente.

Aichach: HIV-positive Kinder sind keine Seltenheit

HIV-positive Kinder sind in Südafrika keine Seltenheit, vor allem Mädchen sind betroffen. Laut einer südafrikanischen Statistik von 2013 waren zu dem Zeitpunkt ein Drittel aller Schulmädchen mit dem Virus infiziert sowie etwa vier Prozent der Jungen. Das gehe vor allem auf die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen zurück, die sich durch die oft älteren, HIV-positiven Männer anstecken, heißt es in der Studie.

Nachmittags gibt es für die Kinder in dem Waisenhaus erst mal eine Pause vom Lernen, sie sporteln, malen, tanzen. Kost redet dabei mit ihnen Englisch, was sich oft als schwierig erweist. Es ist zwar eine der Amtssprachen von Südafrika, doch im Alltag greifen die Kinder lieber auf Sesotho zurück, eine weitverbreitete Sprache in der Provinz Freistaat.

Während seines Auslandsjahrs erhält Kost tiefe Einblicke in die Kultur Südafrikas. „Dort leben die Menschen spontan, von einem Moment in den anderen“, sagt er. Die meisten Kinder seien ihm ohne Scheu und mit großer Freude begegnet. Sie seien regelrecht aufgedreht gewesen.

Zusammen mit seinen Eltern und Freunden, die ihn besucht haben, unternimmt Kost Ausflüge in Südafrika. Sie besichtigen die Garden Route, eine Region an der Südküste Südafrikas, und den zweithöchsten Wasserfall der Welt, die Tugela-Fälle im Südosten des Landes. Auch das nahe Bergkönigreich Lesotho in der Nähe von Bloemfontein bereist er. Aber genauso erlebt Johannes Kost auch die Schattenseiten des afrikanischen Landes. Es gebe große Armut, Kriminalität und Arbeitslosigkeit, unter den Kindern wenig Hoffnung für die Zukunft, sagt er. Viele lernten ungern, manche von ihnen hätten keine Vorstellung, was sie einmal werden wollen.

Noch lange im Gedächtnis bleiben werden dem Aindlinger aber die unbändige Freude der Kinder über die Auferstehung Jesu beim Osterfest, das Singen von Kirchenliedern und ihre Begeisterung über Cinderellas zauberhafte Verwandlung bei einem Fernsehabend. Er sagt: „Es war ein tolles Jahr.“ "Lies mich

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren