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Aichach

08.11.2019

Wie ein Kühbacher den Mauerfall verschlief

Aichach Mauerfall Hans-Joachim Wiener
3 Bilder
Hans-Joachim Wiener war überrascht, dass die Mauer gefallen ist. Am Tag danach besuchte er Freunde in West-Berlin. Er und seine Frau Elke wohnten im Osten der Stadt im Bezirk Köpenick, ehe sie 1992 nach Westdeutschland, nach Kühbach zogen. Hier sind sie beim Fußballverein BC Aichach zu sehen.
Bild: Philipp Schulte

Plus Der Stadionsprecher des Fußballvereins BC Aichach, Hans-Joachim Wiener, lebt lange in Ost-Berlin. Als die Mauer fällt, bekommt er das erst mal nicht mit.

Als Hans-Joachim Wiener das Fußball-Stadion des BC Aichach betritt, äußert er einen Wunsch: „Es wäre schön, wenn wir in die Bezirksliga aufsteigen würden.“ Wiener, 62, stammt aus Kühbach und ist Stadionsprecher des Klubs, der Tabellenführer in der Kreisliga Ost ist. Der BCA ist so etwas wie ein Versprechen für ihn, der 32 Jahre lang in der DDR, im Osten Berlins, lebte. In Aichach schoss Wiener Tore, fand Freunde. Wenn sich heute der Mauerfall zum 30. Mal jährt, erinnern sich Wiener und seine Frau Elke besonders daran. (siehe auch: Wir müssen aufhören uns Ossis und Wessis zu nennen)

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Die Berliner Mauer, 1961 gebaut, trennte mehr als 28 Jahre lang Familien und Freunde. Sie war das Symbol der Teilung Deutschlands in Ost und West. Der 9. November ist nicht nur deshalb ein geschichtsträchtiger Tag für die Deutschen, weil die DDR-Bürger an diesem Tag die Reisefreiheit erhielten. 1938 brannten Nationalsozialisten am neunten Tag des Monats Synagogen nieder und zerstörten jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe. Der 9. November war auch der Tag des Hitlerputsches 1923 sowie – neben weiteren Ereignissen – der Tag, an dem 1918 Philipp Scheidemann die deutsche Republik ausrief.

Aichach: Für Wiener war der 9. November ein ganz normaler Tag

Als die Grenzen in Berlin öffneten, schlief der ehemalige Ostdeutsche Hans-Joachim Wiener. Es sei für ihn ein ganz normaler Tag gewesen, sagt er. Abendessen mit seiner Tochter, einen Film schauen. Dass an diesem Tag etwas passieren könnte, war für ihn nicht abzusehen. Und das, obwohl in den Wochen zuvor hunderttausende Menschen in der DDR gegen das politische System protestiert hatten. Wiener ging ins Bett, am nächsten Tag musste er, der Lastwagenfahrer aus dem Bezirk Köpenick, arbeiten.

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Um halb eins, so erzählt er es, wurde er wach und schaltete den Fernseher ein. Er dachte sich: „Was ist das denn für ein Müll?“ Er sah Menschen, wie sie auf der Berliner Mauer saßen: „Spinner“, dachte er. Als Wiener am nächsten Morgen zur Arbeit ging, kamen ihm seine Kollegen entgegen und klärten ihn auf. An Arbeit war nicht mehr zu denken.

„Sie können sich nicht vorstellen, was da los war“, sagt Wiener heute. „Der Tag war brutal.“ Er wollte wie viele andere auch mal in den Westen rüber laufen und westdeutsche Freunde treffen. Sechs bis sieben Stunden stand er an einem Grenzübergang an. „Es war alles dermaßen überfüllt.“ Überall habe es Begrüßungsgeld gegeben und der Westen habe die Ostdeutschen mit Werbung für seine Produkte zugeschüttet. Wiener sagt, dass er Kopfschmerzen vom Autogucken hatte.

Doch sofort in den Westen umziehen? Das war für die Wieners kein Thema. Sie wohnten in einem Haus in einer schönen Siedlung in der Nähe des Müggelsees, unweit der Grenze zu Brandenburg. Hans-Joachim Wiener und seine Frau Elke, die in einem Tante-Emma-Laden arbeitete, verdienten gutes Geld und lebten für ostdeutsche Verhältnisse gut.

Aichach: Die Wieners kamen 1992 nach Westdeutschland

Es dauerte bis drei Jahre nach dem Mauerfall, ehe die Familie in den Westen, nach Kühbach, umzog. Tochter Nadine, damals elf Jahre alt, musste nach der Wiedervereinigung die Schule wechseln und hatte einen fünfmal so langen Weg dorthin wie zuvor. Über eine Stunde Bus, S-Bahn und wieder Bus fahren war „nicht akzeptabel“, wie Hans-Joachim Wiener sagt. Im Westen, in Augsburg, lebte seine Tante. Die Stadt am Lech wurde zum Ausgangspunkt für die Wieners. Sie kauften ein Haus in Kühbach.

Tochter Nadine ging in Aichach zur Schule, der Vater meldete sich im BC Aichach an. Er spielte zunächst in der dritten Mannschaft und wurde später mit der Alten-Herren-Mannschaft viermal bayerischer Meister. Wiener arbeitete sich hoch, wie er sagt, kümmerte sich um die Pressearbeit und wurde Stadionsprecher. Seine Vereinskameraden gaben ihm den Spitznamen „Icke“ – weil er statt „ich“ immer auf Berlinerisch „icke“ sagte.

Er sei gut aufgenommen worden, sagt Wiener. In den vergangenen 30 Jahren habe er sich an Bayern gewöhnt. Seine Frau liebt die Berge. Im Westen sei vieles moderner und die Infrastruktur besser als in der damaligen DDR. „Aber“, sagt Wiener, „der Zusammenhalt damals in Ostdeutschland war besser.“ Das habe nicht zuletzt an den politischen Repressionen gelegen. Auch seine Familie sei bespitzelt worden, als sie im Urlaub war.

Bis der Osten und Westen Deutschlands zusammenwachsen, fehlen aus seiner Sicht noch 20 Jahre. „Die Mentalität der Menschen ist komplett anders“, sagt Hans-Joachim Wiener. Die Menschen in Ostdeutschland hätten viel mehr Angst um ihre Existenz, dass sie ihre Arbeit verlieren. Ein Grund dafür sei auch der Zuzug von Migranten.

In Ost-Berlin haben Hans-Joachim Wiener und seine Frau noch viele Freunde und Familie. Sie haben die Kontakte in all den Jahren gepflegt, fuhren fünf, sechs Mal pro Jahr in die alte Heimat. „Das waren immer 1400 Kilometer“, sagt Hans-Joachim Wiener. Ob er mit seiner Frau wieder in Osten ziehen würde? „Vielleicht bald.“

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