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Aichach

25.01.2020

Wie eine Aichacherin ihren 100. Geburtstag in Australien feiert

Freut sich über die fröhliche Geburtstagspost ihrer Urenkel: Die 100jährige Annamarie Peters, die mit 63 Jahren von Aichach nach Melbourne in Australien ausgewandert ist.
Foto: Gerlinde Binning

Plus Annamarie Peters aus Aichach zog mit 63 Jahren mit ihrem Mann nach Australien. Warum viele Geburtstagsgäste kurzfristig absagen mussten.

Sie ist in Pommern aufgewachsen, hat die goldenen 20-er Jahre und die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt, wurde aus ihrer Heimat vertrieben, hat in Aichach eine neue gefunden und ist im Rentenalter noch nach Australien ausgewandert: Nun blickt Annamarie Peters, geborende Radke, die seit 2013 in einer Altenresidenz in Melbourne lebt, auf 100 Lebensjahre zurück.

Aichach: Viele ihrer Geburtstagsgäste konnten auf Grund der Waldbrände nicht anreisen

Ihren runden Geburtstag feierte die noch rüstige Seniorin jüngst bei Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte im Kreise einiger australischen Freunde und ihrer in Melbourne lebenden Tochter Gerlinde. Die Internationalität liegt wohl in der Familie. Denn die Familienmitglieder der Jubilarin sind nahezu über die ganze Welt verstreut. Über Bildschirm-Telefon gingen im Laufe des Geburtstages Glückwünsche aus Deutschland, Frankreich und den USA bei der Jubilarin ein – von ihrem Sohn Michael, den fünf Enkeln und sieben Urenkeln. Viele der Gratulanten wären gerne bei der Feier dabei gewesen. Sie hatten jedoch kurzfristig, wie auch ihre Aichacher Enkeltochter Sabine Peters, ihre geplanten Besuche angesichts der verheerenden australischen Waldbrände abgesagt. Sabine Peters ist froh, dass ihre Großmutter nicht zu Schaden gekommen ist. Die Brände seien zwar 200 Kilometer von Melbourne entfernt gewesen, „aber speziell den älteren Bewohnern wurde geraten, wegen des allgegenwärtigen ´Smoke´ in den Häusern zu bleiben“.

Enkeltochter Sabine Peters (links) mit ihrer 82jährigen Mutter Antonie Peters, die auf den alten Webstühlen ihrer Eltern noch bis vor kurzem die Aichacher Handweberei am Oberbernbacher Weg betrieben hat.
Foto: Gerlinde Binning

Nach ihrer Vertreibung aus Pommern fand sie in Aichach eine neue Heimat

Der Familienname Peters ist in Aichach seit den 1950-er Jahren mit der Herstellung von handgewebten Fleckerlteppichen verbunden. Die Jubilarin und ihr 1998 verstorbener Ehemann Wilhelm Peters hatten nach ihrer Vertreibung aus Ferdinandstein in Pommern (heutiges Polen), ab 1951 in Aichach eine neue Heimat gefunden. Nach schweren Anfangsjahren konnten die Peters am Oberbernbacher Weg an der Paar ein Grundstück erwerben. Sie bauten ein kleines Haus darauf. Von Schreiner Josef Grahammer aus Alberzell bei Tandern (Kreis Dachau) ließt sich der Textilfachmann und spätere Handwebmeister Wilhelm Peters damals vier Webstühle nach eigenen Plänen fertigen. Die Handweberei haben die Peters lange Zeit im Nebenerwerb betrieben. Enkelin Sabine weiß, dass ihr Großvater „eigentlich für die Farbauswahl der Teppiche ungeeignet“ gewesen sei. Sie lacht und erklärt: „Er war farbenblind. Deshalb musste dies immer meine Oma übernehmen, trotz ihres Handicaps. Denn Oma war schon mit sechs Jahren nach einem Unfall beim Spielen auf dem linken Auge erblindet.“

Im Alter von 63 Jahren ist Annamaria Peters schließlich mit ihrem Rheuma-kranken Ehemann Wilhelm Peters aus gesundheitlichen Gründen zu ihrer Tochter nach Melbourne ausgewandert. Dort kaufte sich das Ehepaar im Ortsteil Kew ein Häuschen. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1998 lebte Annamaria Peters noch 15 Jahre alleine in dem Haus. „Sie liebte Kartenspiele und ging damals auch öfter mal ins Casino“, erzählt ihre Enkeltochter. „Und sie liebte es, Vögel zu beobachten“, ergänzt sie. Dazu habe man in Australien eine Menge Gelegenheit, denn „die dortigen Papageien sind so häufig wie bei uns die Spatzen“. Zuletzt hat Sabine Peters ihre Großmutter im Jahr 2013 besucht.

Ihre ehemalige Heimat Pommern vermisst Annamarie immer noch

1995 war das ausgewanderte Ehepaar zum letzten Mal gemeinsam in Aichach. Ein schwerer Weg: Denn die beiden mussten ihren mit 54 Jahren verstorbenen Sohn Klaus zu Grabe tragen. Dieser hatte nach der Auswanderung seiner Eltern mit Ehefrau Antonie die Aichacher Handweberei übernommen. Annamarie Peters weilte im Jahr 2002 zuletzt zu Besuch bei ihrer Schwiegertochter und den Enkeln in Aichach. Ihre Webstühle in Aichach habe die Großmutter nie vermisst, weiß die Enkelin Peters. Die alte Heimat in Pommern hingegen schon. Von der habe sie immer wieder erzählt. Die Eltern der heute 100-Jährigen hatten in Ferdinandstein, einem kleinen Dorf nahe Stettin, einen großen Gutshof mit Pferden und Angestellten. Für damalige Verhältnisse war die Familie wohlhabend. „Meine Oma sagte mir oft, dass dies die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen sei“, erinnert sich Sabine Peters und ergänzt: „Ihre Eltern hatten Gemüse angebaut und die Ernte mit Booten auf der Oder nach Stettin gebracht.“ Der Verlust des Hofs und die Flucht in den Westen im Winter 1945 waren wohl die schlimmsten Erlebnisse für sie. „Vor vielen Jahren hat mir die Oma mal von den Gräueln erzählt, die sie erlebt hat“, so Peters. Darüber spricht die 100-Jährige heute nicht mehr. Sie ist mit ihrer Welt im Reinen. Und genießt es, auf der Terrasse ihres Seniorenheims die Papageien zu beobachten, weiß die Enkelin.

Die Webstühle der Familie stehen nicht auf Dauer still

Die Webstühle am Oberbernbacher Weg, die Wilhelm und Annamarie Peters in den 50-ern anfertigen ließen, sollen übrigens nicht auf Dauer still stehen. Bis vor kurzem betrieb sie noch die 82-jährige Schwiegertochter Antonie Peters als Hobby. Demnächst sollen von Enkelin und Handwebmeisterin Michaela nach deren Rückkehr aus Amerika wieder mit neuen Ideen zum Leben erweckt werden.

10 Jahre nach ihrer Auswanderung nach Melbourne: Annamarie Peters (Zweite von links) mit ihrer Tochter Gerlinde Binning, Enkeltochter Andrea Binning, Schwiegersohn John Binning und Ehemann Wilhelm Peters (von links).
Foto: Gerlinde Binning
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