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Aichach-Friedberg

12.06.2019

Wittelsbacher Land: Blauzungenkrankheit birgt Probleme

Eine von der Blauzungen-Krankheit betroffene Kuh im Stall eines Aachener Bauerhofs 2006.
Bild: Ralf Roeger, dpa

Vor zehn Jahren wurde im Landkreis heftig über den Impfzwang gegen Blauzungenkrankheit gestritten. Warum die Diskussion wieder aufkommt.  

Seit in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg im Februar 2019 die Blauzungenkrankheit ausbrach, wurde der Umkreis von 150 Kilometern zum Sperrgebiet erklärt. Dazu gehört das Wittelsbacher Land. So soll die Ausbreitung der Seuche, die durch Stechmücken übertragen wird, verhindert werden. Die Erreger sind nur für Wiederkäuer gefährlich, nicht aber für andere Tiere oder für Menschen.

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Für die Restriktionszone gelten strikte Vorschriften. Nur innerhalb dürfen Landwirte Kälber verkaufen – es sei denn diese sind geimpft oder stammen von geimpften Muttertieren ab. Doch so viel Impfstoff ist auf die Schnelle gar nicht verfügbar.

Bauern: Tiere müssen in den Ställen bleiben

Reinhard Herb, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, sagt: „Wer in der Sperrzone keinen Abnehmer findet, wird die Tiere nicht los.“ Sie müssten deshalb in den Ställen bleiben. Dem Bayerischen Bauernverband zufolge stehen im bayerischen Teil des Sperrgebiets pro Woche circa 4000 Kälber zur Vermarktung an. Herb sagt: „Wir haben den Platz und das Futter dafür gar nicht.“ Er sieht in der vor Jahren abgeschafften Impfpflicht eine Ursache des Problems.

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2008 und 2009 hatten im Streit um die damalige Impfpflicht die Wogen im Landkreis hoch geschlagen. Im Juli 2009 gab es eine Demo mit rund 200 Teilnehmern vor dem Landratsamt gegen den Impfzwang. Das Landratsamt sah sich in der Pflicht zu vollziehen, was Staat und Bundesrat beschlossen hatten. Doch drei Landwirte weigerten sich hartnäckig, ihre Tiere impfen zu lassen. Das Landratsamt verhängte erst Zwangs- und schließlich Bußgelder. Das Amtsgericht Aichach stellte später die Bußgeldverfahren ein. Nach einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht 2011 bekamen die Bauern die Zwangsgelder zurück.

Ab 2010 war der Impfzwang nach einer Entscheidung des Bundesrats vom Tisch. Auch Herb glaubte, die Impfung sei nun nicht mehr nötig. Inzwischen sieht er das anders: Auf freiwilliger Basis habe kaum ein Landwirt geimpft. „Ich muss jetzt auch erkennen, dass die Impfpflicht richtig ist.“ Seit ihrer Abschaffung stellten die Pharmakonzerne weniger Impfstoff bereit. Jetzt sei er nicht schnell genug verfügbar.

Herb selbst, der eine Rindermast hat, hat kein Problem. Er holt seine Tiere bei seinen Lieferanten in Gansbach (Aichach) und Zeitlbach (Altomünster) – also innerhalb der Sperrzone – ab. Ludwig Koller, Landwirt aus Eismannsberg (Ried), vermarktet jährlich etwa 30 Bullen im Alter von etwa sechs Wochen an Mastbetriebe in 20 Kilometern Umkreis. Er sagt: „Es ist eine rechtzeitige Anmeldung beim Viehhändler nötig, damit er sie im Sperrgebiet vermarktet.“ So könne verhindert werden, dass sie geimpft werden müssen. Gegen die Impfung sei er eh, denn er habe einen Bio-Betrieb.

Biolandwirt: Impfstoff war vor einigen Jahren ein Problem

Ähnlich steht Biolandwirt Stephan Kreppold aus Wilpersberg (Aichach) dazu. Er ist einer der drei Impfverweigerer von 2009 und bezeichnet noch heute die Impfungen als „Aktion, bei der man mit Kanonen auf Spatzen schießt“. Seiner Ansicht nach waren die Impfschäden 2009 um ein Vielfaches höher als die durch die Seuche. Amtstierarzt Dr. Peter Schweiger erinnert daran, dass seitdem viel Zeit vergangen sind: „Vor Jahren waren Nebenwirkungen ein Problem, als der Impfstoff noch nicht ausgereift war.“ Aber nach wie vor überträfen die Schäden durch die Blauzungenkrankheit die durch Impfungen.

Doch angesichts des knappen Impfstoffs, von dem der Freistaat Bayern kurzfristig zehntausende Dosen bereit stellte und eine weitere Million bei mehreren Herstellern ab Juni für Tierärzte reservierte, fordert der Bauernverband einen anderen Weg. Zunächst genügte für den Transport ungeimpfter Zucht- und Nutztiere bis Ende Juni eine negative virologische Blutuntersuchung. Das ist seit Mitte Mai zum Ärger des Bauernverbands nicht mehr so.

Amtstierarzt Schweiger erklärt, warum: Durch die Blutuntersuchung werde getestet, ob das Tier Antikörper gegen die Seuche entwickelt habe – also, ob es bereits erkrankt sei. Das sei besonders riskant, wenn sich die Krankheit gerade entwickle. „Am Anfang hat man beispielsweise keine Antikörper.“

Hohe Impfabdeckung notwendig

Um eine Ausbreitung der Blauzungenkrankheit zu verhindern, ist laut Schweiger eine möglichst große Impfabdeckung nötig. Derzeit sind nur rund sechs Prozent aller Rinder in Bayern geimpft, in Baden-Württemberg sind es 40 Prozent. Bei Viruserkrankungen wie der Blauzungenkrankheitstelle sich die Frage, wie pathogen, also wie krankmachend, der Stamm an Viren wird, der unterwegs ist, erläutert Schweiger: „Der Virus kann bei Weitervererbung mutieren und ‚krankmachender’ werden.“ Deshalb sei die große Restriktionszone so wichtig. „Die Viren können durch Wind und Verkehr so weit getragen werden.“

Biolandwirt Kreppold dagegen begrüßt dagegen bayernweite Bewegungen mit dem Ziel, die Sperrzonen aufzuheben: „Sie bringen so viele Nachteile wie Vorteile.“ Er ist von den Nachteilen nicht betroffen. Jährlich bekommt er 20 bis 25 neue Kälber. „Zu einer Hälfte haben wir eigenen Kälbernachwuchs.“ Die andere Hälfte stamme von einem Nachbarn, der ebenfalls Biolandwirt ist. Dieser wohnt also in der Restriktionszone, womit der Transport nicht unter die Auflagen fällt.

Auch Koller verkauft seine Kälber nur in der Sperrzone. Meist wiegen die sechs Monate alten Tiere dann etwa 85 Kilogramm. An jedem weiteren Tag, den sie im Stall bleiben müssen, nehmen sie etwa ein Kilo zu. „Die Ställe sind so gebaut, dass das bis zu einem Gewicht von 100 Kilogramm kein Problem ist.“

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12.06.2019

Impfen, impfen, impfen - solange und ausgiebig bis die Nadeln glühen bzw. die Pharmakonzerne damit die Geldsäckel bis zum Anschlag füllen. Es geht auch ohne, wie der Kommentar beweist. Nur im Zeitalter der Massentierhaltung und deren überwiegend überregionalen Vermarktung gibt es damit Probleme. Also würde man am liebsten wieder impfen, egal mit welchen Folgen für Tier und Verbraucher.

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