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Aichach

08.05.2020

Zweiter Weltkrieg: Aus dem Tagebuch eines Soldaten

Tagebücher von Soldaten sind wichtige Quellen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Bild zeigt eines davon aus dem Deutschen Tagebucharchiv im südbadischen Emmendingen.
Bild: Rolf Haid, dpa/lsw

Plus Der Onkel von Christine Schwarz aus dem Aichacher Ortsteil Unterwittelsbach hat seine Erlebnisse als Soldat im Tagebuch festgehalten. Einblicke in das Jahr 1945.

Seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg hielt Josef Strasser, der Onkel von Christine Schwarz aus dem Aichacher Ortsteil Unterwittelsbach, in einem Tagebuch fest. Der Landwirt aus Volkersdorf bei Jetzendorf (Landkreis Pfaffenhofen/Ilm) erlebte zehn Jahre lang Krieg und Gefangenschaft. Er starb 1995 mit 84 Jahren. „Unglaublich, dass er doch noch so alt wurde“, findet seine Nichte mit Blick auf Strassers Kriegserlebnisse.

Im Januar 1945 war Strasser als Vorgeschobener Beobachter (VB) im damals südlichen Ostpreußen stationiert, das nach dem Krieg zu Polen kam. Er schreibt in seinem Tagebuch darüber, wie die Ostpreußenfront ins Wanken kam: „Bei Schlüsselburg und Johannisburg waren die Russen durchgebrochen. Auch wir machten Stellungswechsel Richtung Allenstein. Flüchtlingstrecks säumten die Straßen, es war sehr kalt. Es kam vor, dass den Frauen, die wir auf unseren Fahrzeugen mitnahmen, ihre Kinder im Arm erfroren. Die Ostpreußen, die bis dahin vom Krieg fast verschont waren, mussten nun das Ärgste mitmachen. Sie nahmen auf ihren Wägen eine Menge von Habseligkeiten und Lebensmittel mit, mussten aber bald alles am Wege stehen lassen, da alle Straßen mit Militär verstopft waren.“

Kriegserlebnisse aus einem Tagebuch

Der Rückzug führte über Korschen nach Allenstein in die Nähe von Deutsch-Eilau und Braunberg. In dieser Zeit war Strasser VB auf einem Bahnhofsgebäude. Da passierte ihm Folgendes: „Ich beobachtete von einem Fenster aus den Milchhof. Wegen eines Funkspruches ging ich nach unten. Kaum war ich unten, krachte es, und der halbe Giebel stürzte durch einen Volltreffer ein.“

Einen Tag nach Einnahme der Stadt Aichach wurde am 29. April 1945 dieser M-7 Howitzer-Panzer der 7. US-Armee vor dem Unteren Tor fotografiert.
Bild: Michael Schmidberger (Repro)

Nach einem Stellungswechsel im März war der damals 35-jährige Strasser in der Nähe von Königsberg in Ostpreußen. Er schreibt: „Es taute schon, aber das Haff war noch zugefroren. Die Flüchtlinge gingen deshalb zu Fuß und mit Fahrzeugen über das Eis nach dem Hafen Pillau. Viele von ihnen kamen durch Beschuss um. Um diese Zeit wurde der Raum Heiligenbeil teilweise evakuiert. Viele kamen von dort an uns vorbei nach Königsberg. Jede Nacht fiel ein Stück Vieh in unsere Stellungsgräben, das wir herauszogen und schlachteten. Kurze Zeit später begann eine der größten Vernichtungsschlachten in Ostpreußen im Raum Heiligenbeil. Tag und Nacht tobte Gefechtslärm und zu Tausenden kamen Landser und Zivilisten ums Leben. Schiffsartillerie griff von Pillau aus in den Kampf ein. Hitler erklärte Königsberg zur Festung, die unter allen Umständen gehalten werden musste.“

Entscheidenden Kampf in Königsberg

Strasser schreibt vom entscheidenden Kampf. Er berichtet, wie schwere Artillerie ihre Stellung beschoss und der Munitionsstapel einen Volltreffer abbekam, Soldaten hauten ab, „die Verbindung zur B-Stelle war nicht mehr vorhanden“. Ein Major versuchte vergeblich, „mit einem Häuflein Infanterie durchzubrechen oder durch einen unterirdischen Kanal aus der Stadt zu entkommen“.

Am 9. April 1945 sprengten Strasser und seine Kameraden ihre Geschütze. „Die Russen drückten in unsere Straße.“ Er bekam Anweisung, die Batterie geschlossen zum Regiment zu bringen, das sich in einem Brauereikeller eingerichtet hatte. „Der Keller war vollgepfropft mit Soldaten und Zivilisten. Auch Ordensfrauen waren dabei. Diesen gaben wir die Adressen unserer Angehörigen. Der Kommandeur ließ am Gebäude die weiße Flagge aushängen. Am Morgen des 10. April forderten uns die Russen auf, herauszukommen. Waffen und Munition mussten auf einen Haufen geworfen werden. Der Krieg war zu Ende.“

Fast fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft

Die Gefangenschaft begann: „Zwei Tage und Nächte trieb man uns durch Königsberg, um den russischen Soldaten Gelegenheit zu geben, uns vollkommen auszuplündern.“ Strasser kam schließlich in ein Gefangenenlager zwischen Moskau und Leningrad. Er arbeitete dort 14 Monate in einem Sägewerk, beim Häuserbau und in einer Schiffswerft. Im September 1947 kam er ins Uranbergwerk bei Joachimstal in der Tschechoslowakei. „Nach mehreren Verlegungen in andere Bergwerke und einem Hungerstreik zu Neujahr 1950 wurden wir Anfang Februar über Frankfurt/Oder entlassen.“

Am 4. Februar 1950 kam Strasser wieder in der Heimat an. „Bevor ich nach Hause ging, ging ich in den Friedhof an das Elterngrab. Die Mutter war im Herbst vorher gestorben. Gern hätte ich sie nochmals gesehen.“

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