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Rückblick auf 2020

20.12.2020

"... dann war es leise": Wie eine Freundin den Unfall-Tod von Pater Hoyer erlebte

Susann-Mareen Theune-Vogelsang aus Gablingen mit dem Sterbebild von Wolfram Hoyer. Sie war dabei, als der Autobahnpfarrer von Adelsried bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam.
Bild: Max Kramer

Plus Ende Juli starb "Autobahn-Pater" Hoyer durch einen tragischen Unfall auf der A8. Bei ihm war Freundin Susann-Mareen Theune-Vogelsang. Wie sie das Drama erlebte und was sie tröstet.

Jeden Tag blickt Susann-Mareen Theune-Vogelsang auf eine Bleistift-Zeichnung. Zwei Figuren sitzen da am Straßenrand, eine Frau mit geflochtenem Zopf und ein Mann mit geschlossenen Augen. Er liegt ruhig in ihren Armen, sie lächelt traurig und sanft. Ein harmonisches, friedliches Bild, das Theune-Vogelsang selbst gezeichnet hat. Es ist die Szene, die ihr in den Sinn kommt, wenn sie an den 30. Juli denkt.

Eine Szene, die sie ihren Gedanken aufgezwungen hat, weil die anderen nicht mehr auszuhalten waren. Die Frau auf dem Bild, das ist sie. Der Mann in ihren Armen ist Pater Wolfram Hoyer. An jenem 30. Juli, irgendwann am frühen Nachmittag, fand er auf der A8 neben seiner langjährigen Freundin den Tod.

Wolfram Hoyer war enger Freund von Susann-Mareen Theune-Vogelsang

Ein Dezember-Vormittag in Gablingen. Schnee bedeckt die Felder ringsherum, eine bitterkalte Brise weht durch den nördlichen Landkreis Augsburg. Drinnen, im Warmen, hat Susann-Mareen Theune-Vogelsang am Esstisch Platz genommen. Es ist der Ort, an dem die Familie zusammenkommt, isst, Gäste empfängt. Auch Wolfram Hoyer saß hier regelmäßig, oft stundenlang, immer auf demselben Stuhl. Er hatten seinen festen Platz im Haus der Familie, und genauso in ihrem Leben. Als treuer Begleiter, geduldiger Ansprechpartner, Rat- und Mutgeber. Als "einer meiner besten Freunde", wie sie sagt. "Jetzt fehlt er."

Vor etwa sieben Jahren, glaubt Theune-Vogelsang, begann ihre außergewöhnliche Freundschaft mit dem Geistlichen. Sie habe damals regelmäßig die Autobahnkirche "Maria, Schutz der Reisenden" in Adelsried besucht, das Gotteshaus, das Hoyer seit 2006 als Priester betreute. Bis zu 50.000 Reisende kehren dort jedes Jahr ein, um für Schutz auf der Fahrt zu beten. Die Autobahnkirche, 1958 eingeweiht, ist die älteste in ganz Deutschland. Sie ist dadurch weit über die Region hinaus bekannt - und mit ihr auch Wolfram Hoyer, der das Gotteshaus als "Autobahnpater" über Jahre mit Leben füllte.

Pater Wolfram Hoyer vor seiner Autobahnkirche in Adelsried (Landkreis Augsburg).
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

"Wir sind uns dort immer wieder über den Weg gelaufen, haben uns öfter gesehen", erzählt Susann-Mareen Theune-Vogelsang. Eher aus Zufall wurde der Dominikaner ihr Beichtvater, blieb es aber nicht lange. Schnell lernten die beiden sich kennen und wertschätzen, als Freunde und gegenseitige Berater. "Wolfram war ein unglaublich vielseitiger Mensch", sagt sie und beginnt zu strahlen. "Er konnte sich auf jeden einlassen, hatte einen guten Draht zu meinen Kindern, wusste immer etwas zu erzählen, war hochintelligent und auch weltlich vielseitig interessiert", beschreibt sie Hoyer, der in Augsburg geboren wurde und im nahen Großaitingen aufwuchs. "Ein feiner, hoch korrekter, aber auch wahnsinnig sarkastischer und selbstironischer Mensch, der sich viele Gedanken machte und da war, wenn er gebraucht wurde."

Vor tödlichem Unfall auf der A8: "Wir waren bester Laune, zufrieden"

Auch am 30. Juli wurde er gebraucht. Ein naher Verwandter von Theune-Vogelsang lag im Sterben, also fuhren beide um 9 Uhr Richtung München. Hoyer, Prior des Augsburger Dominikanerkonvents, segnete den Sterbenden, nahm ihm im Gespräch die Angst vor dem Tod. "Es war ein harmonischer Vormittag", erinnert sich Theune-Vogelsang. "Wir waren bester Laune, zufrieden, haben trotz der Umstände Tränen gelacht und waren ausgelassen."

Um 14 Uhr wollte Hoyer, seit August 2019 beim Gehen stark beeinträchtigt, zurück in Augsburg sein, um eine neue Gehhilfe abzuholen. Die beiden machten sich wieder auf den Weg. "Wir haben uns auf der Fahrt gut unterhalten, den Vormittag reflektiert. Irgendwann hat dann der Motor begonnen zu stottern."

Mitten auf der A8 Richtung Westen, nahe Sulzemoos, beschleunigt Theune-Vogelsangs dunkelroter Viano nicht mehr. In einer langgezogenen Linkskurve schafft sie es gerade noch, das Fahrzeug auf dem Seitenstreifen ausrollen zu lassen. Hoyer bleibt sitzen, während sie aussteigt und das Warndreieck einige Meter vor dem stehenden Fahrzeug aufstellt.

Dann wollen sich beide in Sicherheit bringen. Sie stellen sich hinter das Fahrzeug auf den Grünstreifen, der neben der Autobahn verläuft. Nächster Schritt: Anruf beim Pannendienst. Dem ersten Versuch folgt der zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste. Der siebte hat Erfolg, Hilfe ist unterwegs. Seinen 14 Uhr-Termin sagt Wolfram Hoyer ab.

Anhänger erfasste Autobahn-Pfarrer Hoyer bei Sulzemoos

Auf der A8 sind an diesem Donnerstagnachmittag viele Lkw unterwegs. Der Seitenstreifen ist schmal, der Verkehr Richtung Augsburg rauscht nur wenige Zentimeter am Viano vorbei. Durch den Fahrtwind fällt das Warndreieck um. Hoyer will es wieder aufstellen, doch Theune-Vogelsang hält ihn zurück, der Weg sei wegen seiner Gehbehinderung zu gefährlich.

Stattdessen beschließt sie, die Warnwesten unter dem Beifahrersitz zu holen und anschließend das Warndreieck selbst wieder aufzustellen. Um die Hände frei zu haben, gibt sie Hoyer ihre Wertgegenstände. Dann bückt sie sich durch die Beifahrertür nach vorne ins Auto. Es ist 13.55 Uhr.

"Es wurde viel gehupt, es war sehr laut. Dann gab es einen Knall", sagt Theune-Vogelsang und bricht ab. Tränen füllen ihre Augen. Sie blickt aus dem Fenster in die schneeweiße Leere und macht eine lange Pause. Sie holt tief Luft. "Und dann war es plötzlich sehr leise."

Susann-Mareen Theune-Vogelsang hat nachgezeichnet, wie es zum Verkehrsunfall kam, bei dem Pater Wolfram Hoyer starb.
Bild: Max Kramer

Was passiert ist, was passiert sein musste, hat die 45-Jährige auf einer Skizze festgehalten. Wenige bunte Striche, Rechtecke und Pfeile zeigen dort die schwer zu begreifende Tragik dieses Tages: Bei voller Fahrt löste sich der hüfthohe Anhänger eines Kleintransporters und rauschte nach rechts weg - genau in Richtung des Vianos.

Er verfehlte das Fahrzeug knapp, traf dafür aber mit voller Wucht Wolfram Hoyer, der direkt daneben und mit dem Rücken zum Verkehr stand. Der Aufprall war so heftig, dass der 51-Jährige rund 25 Meter den Grünstreifen entlang geschleudert wurde.

All das spielte sich nur wenige Zentimeter neben Susann-Mareen Theune-Vogelsang ab. Was in den Sekunden danach passiert sei, wisse sie nicht mehr genau, sagt sie. Nur, dass sie einige Meter hinter dem Viano, in dessen Beifahrertür sie eben noch gestanden hatte, plötzlich zu sich gekommen sei.

An das, was folgte, erinnert sie sich so: "Ich sehe neben mir ein paar Schuhe und, weitere 20 Meter entfernt, einen Mann liegen." Ihr erster Gedanke: Ihre Panne habe einen Folgeunfall verursacht, dabei sei ein Mensch aus seinem Fahrzeug geschleudert worden.

"Ich drehe mich nach Wolfram um und rufe nach ihm, damit er kommt und einen Notruf absetzt. Aber er ist nicht mehr da. Und erst in diesem Moment", sagt die 45-Jährige und schnippt mit den Fingern, "wird mir klar: Das sind Wolframs Schuhe, er ist es, der da hinten liegt. Dann laufe ich los."

Nach Verkehrsunfall: Autofahrer helfen bei Reanimationsversuchen

Theune-Vogelsang findet ihren Freund auf der Seite liegend, den Körper verdreht, mit Schnappatmung. Damit er besser Luft bekommt, will sie ihn auf den Rücken legen. Sie setzt sich hinter den Schwerverletzten, greift um ihn, und lässt so in ihrem Kopf das Bild entstehen, das sie fünf Tage später als Bleistift-Zeichnung festhält. Doch so harmonisch, so friedlich wie dort skizziert, läuft neben der A8 gar nichts ab.

Die Szenerie, nachdem Autobahn-Pfarrer Wolfram Hoyer auf der A8 von einem Anhänger erfasst wurde: links der Anhänger, im Hintergrund der rote Viano von Susann-Mareen Theune-Vogelsang.
Bild: Susann-Mareen Theune-Vogelsang

Die Gablingerin merkt schnell, dass sie jetzt funktionieren muss. Also lässt sie ihren Freund nach wenigen Sekunden los, läuft zum Viano, um eine Rettungstasche zu holen, und bittet haltende Autofahrer verzweifelt um Hilfe. Dann kehrt sie zurück, schneidet Hoyers Kleidung auf, wuchtet ihn auf den Rücken und versucht zusammen mit zwei Passanten, ihn zu reanimieren.

Sie redet auf ihren sterbenden Freund ein, sagt, er solle den Quatsch lassen. Kurz darauf trifft die Feuerwehr ein, wenig später der Rettungsdienst. Doch es ist hoffnungslos. Um 14.37 Uhr endet der letzte Versuch, Wolfram Hoyer ins Leben zurückzuholen.

Der Anhänger, der Wolfram Hoyer auf der A8 bei Sulzemoos erfasste.
Bild: Susann-Mareen Theune-Vogelsang

Ungefähr eine halbe Stunde bleibt Theune-Vogelsang noch in der Mittagshitze unter dem grünen Zelt, das die Feuerwehr über Wolfram Hoyer aufgebaut hat. Sie sieht in der Ferne die Insassen des Kleintransporters regungslos an der Leitplanke stehen und schickt eine Polizistin und eine Notfallseelsorgerin zu den Männern, weil sie sich Sorgen um sie macht.

Sie fotografiert den Unfallort – weil viele Fragen kommen werden, und weil sie verstehen möchte, was da passiert ist. Dann kommt ihr Ehemann, die Polizei hat ihn durch den Stau zur Unfallstelle geleitet. Beide verabschieden sich ein letztes Mal von ihrem Freund und machen sich dann auf den Weg – zu Hoyers Mitbrüdern und Eltern, um die Todesnachricht zu überbringen, aber auch in ein Leben, das nun ein anderes ist.

Susann-Mareen Theune-Vogelsang aus Gablingen ist Notfallseelsorgerin

Wie schafft man es, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten? Theue-Vogelsang kennt die Auseinandersetzung mit dieser Frage nur zu gut. Sie ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, seit 2018 auch ausgebildete Notfallseelsorgerin. Immer wieder hat sie beruflich mit Fällen zu tun, in denen Menschen schreckliche Erlebnisse verarbeiten müssen. Nun war sie selbst ein Fall.

Pater Hoyer während einer Reise in den USA.
Bild: Lucia Haindl

Heftige Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Ängste, tiefe Verzweiflung - all das sind Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), all das erlebte Susann-Mareen Theune-Vogelsang an jedem Tag in den Wochen nach dem Unfall. Besonders Schuldgefühle quälten sie, und das in sämtlichen Facetten: Überlebensschuld, Schuld, ihren Freund in diese Situation gebracht zu haben, Schuld seinen Eltern und Gott gegenüber.

Trotz ihres Berufs dauerte es, bis Theune-Vogelsang ihre PTBS erkannte und akzeptierte. "Ich habe es lange bagatellisiert und gedacht: ,Ich spinne gerade einfach ein bisschen.'" Erst Anfang Oktober fasste sie den Entschluss, Unterstützung von außen anzunehmen. Im kommenden Jahr geht sie deshalb für neun Wochen ins Recollectio-Haus der Benediktinerabtei in Münsterschwarzach.

Wie es zu dem Unfall kommen konnte, ist inzwischen weitgehend geklärt. Seit Kurzem liegt das unfallanalytische Gutachten vor. Es kommt zu dem Ergebnis, dass der Anhänger, der eine eigene Bremsanlage hatte, nicht ordnungsgemäß befestigt war. Ob dafür der Fahrer des Sprinters oder einer seiner Kollegen verantwortlich war, sollen die weiteren Ermittlungen klären. Dies spiele für sie aber auch überhaupt keine Rolle, sagt Theune-Vogelsang. "Ich käme nie auf die Idee, irgendjemand anderen die Schuld an dem Unfall zu geben. Keiner montiert absichtlich einen Anhänger falsch. Diese Situation ist für alle Beteiligten extrem belastend."

Unfallursache geklärt: Anhänger war nicht richtig befestigt

Theune-Vogelsang geht davon aus, dass sich der Anhänger gelöst hat, weil der Fahrer des Sprinters sein Lenkrad kurz vor dem Pannenfahrzeug ruckartig nach links riss. Vermutlich habe er den Viano zu spät als stehendes Hindernis wahrgenommen. Trotz der verheerenden Folgen glaubt die Gablingerin, dass dieses Szenario das glimpflichste aller möglichen war. "Wenn sich der Anhänger nicht gelöst hätte, hätte das Gesamtgeschoss aus Transporter und Anhänger meinen Viano umgefegt. Dann wären wohl wir beide tot, und vielleicht auch die Leute im Transporter."

Der Pater der Autobahnkapelle Adelsried, Wolfram Hoyer, starb bei einem Unfall auf der Autobahn A8. 
Bild: Marcus Merk

Neben ihrem tiefen christlichen Glauben spende ihr genau dieser Gedanke Trost, sagt die Überlebende, denn: "Hätte Wolfram eine Wahl gehabt, hätte er sich ohne zu zögern genau für diesen Ausgang entschieden." Ihr Freund habe sich ganz in den Dienst Gottes und der Menschen gestellt, und sei nicht zuletzt auch sehr pragmatisch gewesen.

"Er hätte gesagt: ,Okay, dann ist es eben so. Ich geh dann mal.' So wie es auf seinem Sterbebild steht: ,Die Stunde kennt keiner, für mich war sie da.'" Auch, dass Wolfram Hoyer in seinem Sterben keine Sekunde allein gewesen sei, gebe ihr Halt. Für sich habe sie aus dem Unfall einen Auftrag abgeleitet: "Ich muss mein Leben gefälligst gut leben, und nicht einfach nur überleben. Das tue ich, so gut es geht – für uns beide."

Nach Tod von Wolfram Hoyer: Was bleibt, ist Zerrissenheit

Erst beim Überbringen des Todesnachricht und danach, während der Vorbereitungen auf die Beerdigung in Augsburg, lernten Theune-Vogelsang und ihr Ehemann die Familie ihres langjährigen Weggefährten kennen. Sorgen, man könne ihr wegen des Unfalls mit Vorwürfen begegnen, bestätigten sich nie. Im Gegenteil: Vor allem mit Hoyers Mutter - "so wie er: gutherzig, geduldig, verständig und intelligent" - pflege sie seitdem einen engen Kontakt.

„Durch unsere individuellen Erinnerungen an ihn komplettiert sich das Bild des außergewöhnlichen Menschen, der Wolfram war“, sagt Theune-Vogelsang. Was in ihr bleibe, sei eine Narbe und Zerrissenheit. Denn da ist Trauer, aber auch Dankbarkeit für den gemeinsamen Weg mit einem wichtigen Freund. Da sind viele Tränen, die geweinten, aber auch die gelachten. Da ist sein Tod, aber auch sein Leben. Da ist nach wie vor Entsetzen. Aber auch das friedliche Bild, wie er ruhig in ihren Armen liegt.

Zum Ende von 2020 präsentieren wir unsere bewegendsten Geschichten des Jahres. Einen Überblick über unsere Top-Themen finden Sie hier.

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