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Förderung

20.06.2014

Schach sieht sich als Bauernopfer

Ist Schach eine Sportart oder nicht? Das Bundesministerium will die Förderung streichen, da dem Schachspiel eine eigenmotorische Leistung fehle. Schachspieler ärgert diese Ansicht. Sie erklären, dass ihr Sport durchaus mit körperlicher Anstrengung verbunden ist.

Das Innenministerium bezweifelt den Status als anerkannte Sportart und will die Förderung kürzen. An der Basis kommt schon jetzt kein Geld an, erklären Funktionäre

Heinz Neumaier überrascht diese Diskussion nicht. Sie entlockt ihm aber ein Seufzen. Schon vor 40 Jahren, meint er, habe man sich damit auseinandergesetzt. Neumaier führt seit Jahren die Schachabteilung des BC Aichach. Wiederkehrend muss er sich dabei mit der Frage beschäftigen, ob Schach nun Sport ist oder nicht. Neumaier hat seine Sicht der Dinge. „Es ist Denksport“, betont er. Und Partien, die sich über mehrere Stunden hinziehen, seien körperlich ungemein anstrengend. Neumaier sagt: „Da kommt man ganz schön ins Schwitzen.“

Dies allein genügt dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nicht. Am Status einer Sportart wird gerüttelt. Im Dezember ist eine Richtlinie in Kraft getreten, die eine „eigenmotorische Aktivität des Sportlers“ fordert. Eigentlich könnten Schachspieler darüber hinwegsehen, doch es geht ums Geld. Als anerkannte Sportart wird der Deutsche Schachbund vom Innenministerium gefördert, im Vorjahr erhielt er so 130000 Euro.

Als sich Mitte Mai die Nachricht verbreitete, die Förderung werde eingestellt, entbrannten Diskussionen. Die Schachwelt sah sich benachteiligt, nur noch medienwirksamer Spitzensport würde gefördert, so der Vorwurf. Grünen-Politiker stellten daraufhin eine parlamentarische Anfrage und reichten gegen die Kürzung eine Petition ein. Vorläufig mit Erfolg. Anfang Juni beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestages, die Streichung der Mittel zurückzunehmen. Vom Tisch ist die Kürzung damit nicht.

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Für Klaus-Norbert Münch ist es nur eine Frage der Zeit, wann Schach Gelder gestrichen werden. Er sieht sich als Bauernopfer. „In den nächsten zwei Jahren wird es uns treffen. Nur in olympische Sportarten wird reingebuttert“, betont der Präsident des bayerischen Schachbundes. Der Augsburger erkennt einen klaren Trend: Im Bund müssen Mittel eingespart werden. Das gehe zulasten nicht olympischer Sportarten, so Münch.

Er selbst wird dies kaum spüren. In seinem Landesverband kommt von der Förderung nichts an, wie er behauptet. Der Deutsche Schachbund (DSB) verwendet die Gelder, um seine Geschäftsstelle zu betreiben und weitflächig Jugendarbeit zu betreiben. Beispielsweise organisiert er Infoveranstaltungen, bei denen sich Vereine Anregungen für die Jugendarbeit holen können. Die Basis würde die Kürzung eher indirekt treffen, weil sie Nachwuchsarbeit erschwert.

Mit der beschäftigt sich Kreisjugendleiter David Schury. Er selbst hat als Kind in der Grundschule begonnen, Figuren übers Brett zu schieben. Nun versucht er, seine Begeisterung weiterzugeben. Ist Schach eine Sportart? Schury stellt sich diese Frage nicht. Auch er argumentiert mit körperlicher Anstrengung, es gehe um Wettkampf. „Man muss als Team funktionieren“, sagt er. Schury, der beim großen Schachklub Kriegshaber in Augsburg spielt, wischt Vorurteile weg, beim Schach beschäftige sich jeder nur mit sich und seinen Fähigkeiten. Ja, man kämpfe allein, aber in der Liga zähle das Mannschaftsergebnis. Schury berichtet von ausgeprägtem Vereinsleben.

Rund 500 jugendliche Schachspieler in 57 Klubs zählt der Verantwortliche in Schwaben. Zu kämpfen haben sie mit den üblichen Problemen von heute: Es fehlen tatkräftige 20- bis 40-jährige Mitglieder. „Uns geht das mittlere Alter ab“, bestätigt Aichachs Chef Neumaier. Von einstigen sechs sind dem BCA drei Mannschaften geblieben.

Wenn ihre aktive Rolle bezweifelt wird, verteidigen sich Schachspieler mit Vergleichen zum Motorsport oder zum Schießen. Auf den ersten Blick ist der Bewegungsradius eines Schachspielers in der Tat überschaubar. Je weniger Bedenkzeit die Spieler aber haben, desto wichtiger werden Bewegung und Reaktionsschnelligkeit. Aichachs Schachboss Neumaier erklärt, gerade mit Blitzschach, der rasanten Variante, ließe sich der Nachwuchs begeistern.

Mangelnde Betätigung ist das eine. Um dauerhaft eine Daseinsberechtigung zu haben und eine Lobby aufzubauen, benötigt Schach mediale Aufmerksamkeit. Bei Turnieren mit Weltstars ist die Berichterstattung standardisiert, es wird live übertragen und kommentiert. An der Basis haftet Schach das Image eines biederen Sports an, der weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgeübt wird. Für neutrale Zuschauer sind die komplexen Spielzüge und taktisches Kalkül schwerlich nachzuvollziehen.

Dieses Argument lässt der bayerische Schachpräsident Münch nicht gelten. Er nennt ein Beispiel mit aktuellem Bezug: Auch Fußball schauten sich etliche Menschen an – obwohl nicht alle die Regeln verstehen würden.

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