Newsticker
Stiko will Empfehlung zum AstraZeneca-Impfstoff in Kürze ändern
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. 100 Jahre Kampf für Gerechtigkeit

Neusäß

21.01.2019

100 Jahre Kampf für Gerechtigkeit

Marie Juchacz gründete im Jahre 1919 die Arbeiterwohlfahrt, die auf diesem Plakat zu sehen ist.
Bild: Thomas Hack

AWO und SPD blicken auf ein Jahrhundert Frauenwahlrecht und Arbeiterwohlfahrt zurück. Und machen deutlich, wo die Herausforderungen für die Zukunft liegen.

„Guten Abend, meine Herren und Damen!“ – nach dieser leicht irritierenden Begrüßung ging ein erstauntes Raunen durch das Publikum. Genau wie vor 100 Jahren, als die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Marie Juchacz, als erste weibliche Abgeordnete in einem deutschen Parlament eine Ansprache hielt und diese mit eben jenem Satz begann.

Passender hätte der Abends in der Neusässer Stadthalle kaum eröffnet werden können: Sowohl das Frauenwahlrecht als auch die Arbeiterwohlfahrt sind 100 Jahre alt. Der gemeinsame Festakt, der von der AWO und der SPD Neusäß organisiert wurde, sollte nicht nur den sozialen Errungenschaften der Vergangenheit ein Denkmal setzen, sondern auch ein menschliches Mahnmal für die Zukunft sein. Heinz Münzenrieder, Präsidiumsvorsitzender der AWO Schwaben, bot zunächst einen gesellschaftspolitischen Abriss von den revolutionären Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Gründung des Wohlfahrtsverbands: „Es war vor allem die schreckliche soziale Lage nach dem Krieg, die die SPD-Bundestagsabgeordnete Marie Juchacz motivierte, am 19. Dezember 1919 beim Parteivorstand in Berlin einen Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt zu gründen.“ Münzenrieder wies darauf hin, dass Freiwillige bereits damals Säuglings-, Mütter- und Altenfürsorge betrieben und in sozialen Notlagen Hilfe leisteten. Nach dem Dritten Reich musste sich die AWO neu aufstellen: „Ohne unser Engagement zu überhöhen haben wir bei Frauenhäusern, Kinderkrippen und der Betreuung aidskranker Menschen entscheidend geholfen, deren heutige gesellschaftliche und politische Akzeptanz zu erreichen.“ Laut Münzenrieder betreibt die AWO in Schwaben heute 25 Seniorenheime, 38 Kitas und zwei Fachkliniken.

Doch verschloss er auch nicht die Augen vor aktuellen Problemen wie Kinder- und Altersarmut, Wohnungsnot und dem rechten Abdriften großer Teile der Gesellschaft: „Wir werden alles tun, damit diese Gesellschaft nicht in die Hände jener Hasardeure fällt, die – wie schon einmal – nichts anderes als verdorbenen Wein in braunen alten Schläuchen verkaufen!“

Gleichermaßen die Zukunft im Blickfeld hatte SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr, die zuerst ein Resümee über die Entwicklung der Frauenrechte zog. Das Engagement Juchacz’ habe in männlichen Kreisen für Empörung gesorgt, wurde aber zu einer Erfolgsgeschichte: „Wir haben in den letzten 100 Jahren wirklich viel erreicht: Seit 1977 dürfen Frauen arbeiten, ohne ihren Mann zu fragen, seit 1958 dürfen sie den Führerschein machen, seit 1968 wird moderner Mutterschutz gewährt.“

Doch es gehe weiter – Strohmayr sieht selbst in Bayern enormen Handlungsbedarf: „Ist es gerecht, dass Frauen 24 Prozent weniger verdienen als Männer, dass Frauen 50 Prozent weniger Rente erhalten, dass nur 25 Prozent der Frauen in meinem Alter von ihrer Rente werden leben können?“ Heute sei es für Frauen einfacher, sich durch Heirat abzusichern als durch Arbeit, so Strohmayr weiter. Als wichtigen Schritt für politische Veränderungen sehe sie etwa eine Quotenregelung im Umfeld politischer Wahlen, um einen gerechteren Ausgleich der Geschlechter in den Parlamenten zu schaffen. Im Hinblick auf das desaströse Wahlergebnis der SPD bei der letzten Landtagswahl fügte die Politikerin hinzu: „Wenigstens sind wir immer noch paritätisch aufgestellt: Von den 22 Abgeordneten sind elf Männer und elf Frauen.“

Der kulturelle Teil sollte sich ebenfalls ganz um die Emanzipation des weiblichen Geschlechts drehen: Die Bühnendarstellerinnen Julia Jaschke und Annette Wunsch vom Theater Kempten hatten sich in adrette Herrenanzüge geworfen und rollten mit ihrer szenischen Lesung „Vom Herd an die Urne“ das große Thema Frauen und Politik von einer ganz anderen Seite auf.

In authentischen und teilweise unfreiwillig komischen Dialogen zogen sie einen spannenden Vergleich vom verheerenden Frauenbild zu Zeiten Kaiser Wilhelms und den heutigen Möglichkeiten politischer Mitbestimmung. Dass dieser Abend letztendlich keineswegs nur die Damenwelt interessierte, war schließlich deutlich an der Zusammensetzung des Publikums zu sehen – so waren ganze 44 Prozent der Besucher männlichen Geschlechts.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren