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Trauer

30.10.2017

AC/DC statt Ave Maria, Blüten statt Weihwasser

Nach wie vor beliebt ist die traditionelle Gestaltung von Trauerfeiern und Gräbern. Aber es gibt auch immer mehr neue Formen.
Bild: J. Leitenstorfer

Immer mehr Menschen haben ausgefallene Ideen für die Bestattung. Da treffen sich Trauergäste auch im Biergarten

Allerheiligen – eine Zeit der Trauer und des Gedenkens an die Verstorbenen. Für die meisten Menschen untrennbar verbunden mit dem christlichen Glauben und den damit verbundenen Bräuche. Aber auch die Trauerkultur befindet sich im Wandel: Weltlicher Trauerredner statt Pfarrer, „Sound of Silence“ statt „Ave Maria“ – immer mehr Angehörige orientieren sich bei der Planung der Trauerfeier weniger an der Tradition als vielmehr den Vorlieben und der Persönlichkeit des Verstorbenen.

„Da kann die Trauerfeier dann auch mal im Lieblingsbiergarten des Verstorbenen oder im Kurhaus stattfinden“, berichtet Bestatterin Silvia Veney aus Königsbrunn, die sich auf die individuelle Gestaltung von Trauerfeiern spezialisiert hat und diese fördert – trotz des vermehrten Arbeitsaufwands. Die Persönlichkeit eines Menschen übertrage sich immer mehr „vom Leben auch auf den Tod“: ob es nun die Leidenschaft für das Reiten oder für einen Sportverein ist. War der Verstorbene FCA-Fan, können sich beispielsweise die Vereinsfarben in der Dekoration widerspiegeln.

Mit der modernen Technik sei ohnehin „alles möglich“, sagt Dieter Pribil vom Bestattungsdienst Friede in Meitingen: Egal ob Präsentationen mit dem Beamer oder eine Videokonferenz nach draußen vor der Kirche, wenn die Bänke drinnen schon voll besetzt sind. Allerdings kämen solche besonderen Anliegen bei ihm nur sehr selten vor, sagt Pribil. Musikalisch reiche das Spektrum von Punk bis Deutsch-Rock. Besonders beliebt: „Amoi seg’ ma uns wieder“ vom österreichischen Sänger Andreas Gabalier.

„Die Angehörigen wünschen sich für den Abschied sowohl Lieder von Helene Fischer als auch AC/DC bis hin zu den Kastelruther Spatzen“, berichtet Maik König, Inhaber von den Bönsel Bestattungen Wertingen. Oder das moderne „Halleluja“, im Original von Leonhard Cohen.

Maik König sieht vor allem eine Veränderung bei den Beerdigungen junger Leute. Durch soziale Netzwerke wie Facebook sei der Bekanntenkreis viel größer, und diese Bekannten kämen dann auch zur Trauerfeier.

Sonja Litzel vom Bestattungsdienst Litzel in Dinkelscherben erklärt, dass es häufig „die Lieblingslieder der Verstorbenen“ sind, die für die Trauerfeier ausgewählt werden. Obwohl die meisten immer noch eng mit dem Glauben und der Kirche verbunden sind und daher auch Trost in einer traditionellen kirchlichen Beerdigung finden, gehen manche Angehörige auch neue Wege und möchten „anders und bewusster“ Abschied von ihren Liebsten nehmen. Die Menschen fragen sich: Was hätte der Verstorbene gewollt? Was tut mir selbst gut? Gerade bei jüngeren Menschen sei laut Sonja Litzel der Bezug zur Kirche nicht mehr so da wie früher. Wenn dann ein weltlicher Trauerredner spricht, müssen als Örtlichkeit statt der Kirche öffentliche Räumlichkeiten wie ein Bürgerhaus oder ein Gemeindesaal angemietet werden.

Auch die Pfarrer spüren den Trend zur individuellen Gestaltung des Abschieds. In Diedorf kann Pfarrer Alan Büching auf die Technik in der evangelischen Immanuelkirche zurückgreifen: Ein Mischpult steht bereit, und auf einer großen Leinwand können Diashows und Filme gezeigt werden. Büching sagt: „Nach Absprache mit den Angehörigen wäre ich auch bereit, die Trauerfeier nicht in der Kirche abzuhalten.“ Jedoch darf der Bezug zu Gott auf keinen Fall verloren gehen.

Die wichtige Verbindung zum Glauben sieht auch der katholische Pfarrer Wolfgang Kretschmer aus Neusäß. Seiner Ansicht nach gibt es jedoch immer weniger Rituale: Nach der Trauerfeier wird den Angehörigen kaum noch die Hand geschüttelt – „dabei geht ein bisschen das Menschliche verloren“, findet er. Auch Maik König berichtet, dass oft keine Beileidsbekundungen mehr erwünscht sind. Und statt Weihwasser lassen Angehörige „Blütenblätter oder bloß ein bisschen Erde“ in die Gräber der Verstorbenen rieseln.

„Man sollte dem Toten mitgeben, was er gerne hätte – ob es nun um Kleidung oder um Musik geht“, findet Peter Lössl vom Bestattungsdienst der Stadt Gersthofen. „Sei es ein Lied von Hansi Hinterseer für die Oma oder eine Urne, die auf einem Motorrad zum Grab gefahren wird.“ Bei einem leidenschaftlichen Motorradfahrer legte der Freundeskreis zum Beispiel Helme zur Dekoration rund um den Sarg. Laut Lössl seien aber die meisten Trauerfeiern „mehr oder weniger klassisch“.

Im Bürgerhaus Willishausen findet am Mittwoch, 8. November, um 19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion „Gedenke, Mensch, du bist Staub – Trauerkultur im Wandel“ statt. Pfarrer Wolfgang Kretschmer aus Neusäß und das Ehepaar Litzel vom Bestattungsdienst Litzel aus Dinkelscherben sprechen über die Entwicklung der Trauerkultur.

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