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Landkreis Augsburg

30.12.2017

AVV: Das bedeutet der neue Tarif für den Landkreis

Im neuen Jahr gilt dafür ein neues Preissystem, das vielen auf dem Land Vorteile bringen kann. Andere dagegen zahlen kräftig drauf.
Bild: Marcus Merk (Archivbild)

Am 1. Januar gilt im Verkehrsverbund die Tarifreform. Dank ihrer können viele Kunden aus dem Landkreis mehr Strecken fahren für weniger Geld. Andere dagegen zahlen drauf.

In der Silvesternacht lässt es der Verkehrsverbund AVV noch einmal richtig krachen. Bis weit in die Morgenstunden hinein fahren die Busse Sonderschichten, um die Partygäste nach Hause zu bringen. Richtig ernst aber wird es ab Neujahr. Dann gilt ein völlig neues Fahrpreissystem und in den darauffolgenden Wochen soll sich zeigen: Knaller oder Rohrkrepierer?

Das Ziel der Tarifreform ist klar: In Busse und Bahnen sollen mehr Kunden steigen. Locken soll sie ein übersichtlicheres Preisgefüge, das Vielfahrer mit Rabatten belohnt, während die Einzelfahrten teurer werden. Statt knapp 80 Millionen Fahrten im Jahr will der Verkehrsverbund die Fahrgastzahl auf knapp 90 Millionen steigern und setzt deshalb darauf, die Zahl der Stammkunden zu erhöhen. Bislang hat er knapp 35.000 Abonnenten.

Drei Viertel der Kunden profitieren

In unserer Ausgabe beschäftigten wir uns vor allem mit den Auswirkungen der Tarifreform im Innenraum. Gemeint sind damit das Stadtgebiet Augsburg sowie angrenzende Städte wie Stadtbergen, Neusäß und Gersthofen. Doch wie sieht das Angebot darüber hinaus für die Kunden im nördlichen und westlichen Landkreis Augsburg aus? Wer fährt günstiger und wer zahlt drauf?

Gewinner sind nach AVV-Angaben drei Viertel der Kundschaft, weil ihre Tickets günstiger werden und/oder weil sie weiter damit fahren können. Wer zum Beispiel von Diedorf aus in die Augsburger Innenstadt pendelt, kann mit seinem Abo auch bis Friedberg durchfahren. Das neue Mobil-Abo (Ausnahme Donau Ries ) für den gesamten AVV Raum kostet 90 Euro im Monat. Für Kunden aus Dinkelscherben, Meitingen oder Zusmarshausen ergeben sich damit klare Preisvorteile. Sie können mehr Strecke machen für weniger Geld.

Doch was, wenn man das gar nicht braucht? Das fragen sich zum Beispiel AVV-Kunden aus Gablingen, die nach Gersthofen müssen. Die neue Einteilung der Tarifzonen beschwert ihnen einen satten Preissprung. Statt des alten Umweltabos für gut 50 Euro benötigen Kunden, die von der alten Tarifzone drei in die frühere zwei müssen, jetzt ein Mobilabo von 75 Euro. Eine Monatskarte ist zwar etwas günstiger, aber immer noch 20 Prozent teurer als die vorherige Lösung.

Reformwerk war in der Politik umstritten

Deutlich schlechter gestellt werden auch Kunden, die um Beispiel von Nordendorf oder Westendorf nach Donauwörth müssen. Auch sie gehören zu den 21 Prozent der Kunden, denen Preiserhöhungen von mehr als fünf Prozent zugemutet werden, wobei die Fünf-Prozent-Marke in einigen Fällen weit entschwindet. Der Monatspreis für die Verbindung Westendorf-Donauwörth zum Beispiel steigt von 90 auf 125 Euro. Unzufriedenheit gibt es auch in Gemeinden auf dem Land, in denen die Ortsteile in einer anderen Zone als der Hauptort liegen. Von Kruichen nach Adelsried kann die Fahrt ins Rathaus ganz schön teuer werden.

AVV Chef Olaf von Hoerschelmann räumt diese Schwächen offen ein. „Immer, wenn sie eine Grenze ziehen, gibt es Gewinner und Verlierer.“ Hauptziel der Tarifreform, an der mithilfe von Beratern zwei Jahren lang gebastelt wurde, sei es gewesen, die großen Ströme herauszufiltern und dort zu versuchen, neue Kunden zu gewinnen.

Das Reformwerk war in der Politik umstritten. Die Bandbreite der Kritik reicht von „zu teuer und ineffektiv“ bis „sozial unausgewogen“. Nicht einmal in den Reihen der Befürworter ist das AVV-Tarifwerk unumstritten. Es sei halt ein Kompromiss, mehr sei nicht drin gewesen, hieß es im Sommer bei der entscheidenden Sitzung des Kreistags. Von Hoerschelmann weiß, dass die politische Rückendeckung für das neues Preissystem rasch bröckeln kann, wenn die Erfolge ausbleiben. In zwei Jahren soll eine erste Bilanz gezogen werden, das hat der AVV-Aufsichtsratsvorsitzende Martin Sailer bereits im Sommer verkündet. Nachbesserungswünsche gibt es bereits jetzt einige, vor allem was die die Lage einzelner Orte in den für die Fahrpreise Ausschlag gebenden Zonen betrifft.

Der Augsburger Landrat hat im vergangenen Jahr noch einmal eine höhere Alimentierung des Nahverkehrs durch die Kommunen durchgesetzt. Das soll aber nicht von Dauer sein. Für 2018 wird für den AVV mit Kosten von 21,4 Millionen Euro kalkuliert, der Landkreis Augsburg soll davon 8,8 Millionen Euro tragen. Zusätzlich lassen der Kreis und einzelne Gemeinden eine weitere Million springen, um das Angebot des AVV noch zu ergänzen. Sailer jedenfalls zeigt sich zuversichtlich, dass die Kundschaft auf die neuen Preise abfahren wird. „Bislang hat es kaum Beschwerden gegeben.“

Wie sehr die Fahrpreisgestaltung vom finanziellen Engagement der einzelnen Kommunen abhängt, zeigt das Beispiel Donau-Ries. Dort muss die Kundschaft mit den neuen Tarifen saftige Preiserhöhungen schlucken. Auf einen Protestbrief des dortigen Landrats folgte der Hinweis, dass der Kreis Donau-Ries bislang kein Gesellschafter des AVV sei und sich nicht an dessen Verlusten beteilige.

Pro-Bahn-Sprecher warnt vor zu großen Hoffnungen

AVV-Chef von Hoerschelmann setzt darauf, dass sich die Kunden an vieles gewöhnen werden. Eines der großen Vorzüge des neuen Systems sei dessen Übersichtlichkeit. Das vorherige Tarifwerk war in mehr als einem Vierteljahrhundert zu einem wahren Dschungel mit rund 160 unterschiedlichen Ticketpreisen geworden. Auch Nachteile des neues Systems ließen sich in Vorteile ummünzen, wie zum Beispiel der Preissprung aus der alten Zone drei in die alte Zone zwei. Wer auf ein noch teureres Mobilabo mit Mitnahmemöglichkeit umsteige und diese dann ausnutze, spare am Ende noch Geld, rechnet der Verkehrsverbund vor.

Auch der Fahrfgastverband Pro Bahn steht der Tarifreform aufgeschlossen gegenüber. Das darin enthaltene Kurzstreckenticket, das auch über Zonengrenzen hinweg gilt, sei eine echte Verbesserung, sagt Pro-Bahn-Sprecher Winfried Karg. Anderes dagegen sein weniger einsichtig. So seien Tageskarten für das gesamte Tarifgebiet mit 13 Euro günstiger als eine Einzelfahrkarte für zwölf Zonen zu 17,40 Euro. Wer sie löst, ist der Dumme. Karg: „So etwas gehört abgeschafft.“

Der Pro-Bahn-Sprecher warnt überdies vor zu großen Hoffnungen. Ein neues Preissystem allein werde nicht dazu führen, dass viele Pendler das Auto stehen lassen. Eines der größten Probleme des AVV seien nach wie vor die Engpässe auf den Bahnstrecken von Dinkelscherben und Meitingen her. Überfüllte und unpünktliche Züge vergraulten potenzielle Kunden. Der Fugger-Express sei „zu instabil“.

AVV-Chef von Hoerschelmann sieht es ähnlich. „Wenn das Ding einschlägt, bekommen wir da ein Problem,“ sagt er mit Blick auf die Bahn über die Tarifreform. Bislang schon richten sich drei Viertel der Beschwerden von AVV-Kunden gegen Mängel im Betrieb. Über die Fahrpreise dagegen hat sich nach AVV-Angaben bisher nur jede 20. Beschwerdeführer aufgeregt.

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