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Asyl

08.10.2019

Abschiebung des Azubis: Dieser Bauunternehmer schaut in die Röhre

Bauunternehmer Helmut Rößle aus Altenmünster ist sauer. Der Asylbewerber, der drei Monate lang bei ihm gearbeitet hat und einen Ausbildungsplatz bekommen hätte, wird abgeschoben.
Bild: Marcus Merk

Plus Helmut Rößle aus Altenmünster wollte einen Azubi aus Afghanistan einstellen. Doch heute wird er abgeschoben. Es gibt einen weiteren Fall aus dem Augsburger Land.

Helmut Rößle ist sauer. Der Bauunternehmer aus Altenmünster plante mit drei Auszubildenden. Einer von ihnen Aminallah Karimi. Der Asylbewerber aus Afghanistan hatte bereits drei Monate in dem Unternehmen gearbeitet und wollte im September seine Ausbildung beginnen. Im Juni aber war klar: Er wird abgeschoben. Für das Unternehmen ein Schock.

Aminallah Karimi lebt seit 2015 in Deutschland und galt lange als geduldet, aber „schon lange ausreisepflichtig“. Für Bernd Arndt, der sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, ist die Entscheidung der Behörden schwer zu verkraften: Obwohl der junge Mann, der jahrelang in einer Wertinger Asylunterkunft lebte, Anfang September eine Ausbildung bei dem Bauunternehmen Rößle in Altenmünster hätte beginnen dürfen, muss er Deutschland verlassen. Heutegeht der Flieger zurück nach Afghanistan. Ein Land, in dem Karimi kaum noch Familie hat, nur noch „eine alte Mutter“, wie Arndt bitter zusammenfasst.

Das Übernehmen wurde von der Abschiebung überrascht

Für das Unternehmen kam die Abschiebung des jungen Mannes überraschend. Claudia Rößle sagt: „Er hat bereits drei Monate bei uns als Helfer gearbeitet und sich sehr gut angestellt.“ Mit offenen Armen hätte das Bauunternehmen Karimi, der fließend Deutsch spricht, aufgenommen. „Ende Juni haben wir erfahren, dass er die Ausbildung nicht antreten kann“, sagt Rößle. Inzwischen haben sie zwei neue Auszubildende gefunden, der Platz von Karimi sei jedoch nicht nachbesetzt worden. Dass Karimis Weg auch hätte anders verlaufen können, zeigt das Beispiel des anderen Azubis beim Bauunternehmen: Im Zuge der 2+3-Regelung konnte ein Asylbewerber aus Afghanistan seine Ausbildung heuer beginnen. Insgesamt zehn Flüchtlinge konnten so in diesem Jahr im Landkreis eine Ausbildung aufnehmen beziehungsweise fortsetzen.

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Die Geschichte des jungen Afghanen habe einen „Webfehler“, kritisiert Flüchtlingshelfer Bernd Arndt. Damit meint er das Zeitfenster, das zu knapp berechnet worden sei, um die nötigen Papiere für eine weitere Duldung zu beantragen. „Aminallah Karimi musste laut eines Gerichtsurteils aus dem Jahr 2018 Ende Juni dieses Jahres ausreisen“, erklärt Arndt die Hintergründe. Doch ab diesem Zeitpunkt begannen die Probleme. „Er musste ausreisen, um sich in der Deutschen Botschaft in Delhi Anfang Juli ein Arbeitsvisum zu beschaffen.“ Die Botschaft in Kabul, in seinem Heimatland, war aufgrund eines Anschlags bereits geschlossen. Für die Einreise nach Indien brauchte Karimi jedoch ein Visum, welches er in der kurzen Zeit – rund zwei Wochen – nicht beschaffen konnte.

Asylbewerber hatte nicht genug Zeit

Die Einladung in die Botschaft musste er verfallen lassen. „Nachdem Karimi keine Chance auf ein Visum hatte, ist er Ende Juni abgehauen“, sagt Arndt. Zunächst wusste er nicht, wohin der Afghane geflohen sei. „Er hat mich Mitte September aus der Schweiz angerufen.“ Inzwischen ist sein Schicksal besiegelt: Aminallah Karimi verbrachte die letzten Tage in Deutschland in Abschiebehaft in München. Für Arndt nicht nachvollziehbar. „Karimi hatte keine Chance, er hätte eine weitere Duldung gebraucht, um genug Zeit zu haben, in Delhi das Arbeitsvisum zu beantragen.“

So wie Aminallah Karimi erging es im Landkreis noch anderen Flüchtlingen: Nach Angaben des Landratsamtes leben momentan 1666 Asylbewerber in den Unterkünften – auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs waren es mehr als 2200 Menschen. 253 unter ihnen sind geduldet, können also jederzeit abgeschoben werden. Bittere Realität wurde das in den vergangenen vier Jahren für 65 Asylbewerber.

Senegalese musste trotz Ausbildungsvertrag ausreisen

Auch der 37-Jährige Ceheiku Abdou Fall aus dem Senegal musste am 16. Juli gemeinsam mit 19 weiteren Asylbewerbern in sein Heimatland zurückkehren. Die Dinkelscherberin Inge Herz, die sich wie Arndt seit Jahren für Flüchtlinge einsetzt, geht das Schicksal des Mannes, der vor sechs Jahren nach Deutschland kam und lange in einer Fischacher Asylunterkunft lebte, sehr nahe.

Eine Zimmerei in Zusmarshausen hätte ihn eingestellt, aber der Senegal gilt als sicheres Herkunftsland. Herz sagt: „Er hatte keine Aussicht mehr auf ein Bleiberecht, obwohl das Unternehmen sich für ihn eingesetzt hat.“ Das Flugzeug für seine Abschiebung stand schon bereit, er weigerte sich, einzusteigen – eine Straftat und landete im Gefängnis in Landshut.

Danach kam er in Abschiebehaft nach Erding, weigerte sich aber erneut, das Flugzeug zu betreten, das ihn zurück in den Senegal gebracht hätte. Er landete erneut in Abschiebehaft in Erding. Am 16. Juli musste Fall in den Senegal zurückkehren. Der Tag der Abschiebung ist der 71-Jährigen aus dem Ortsteil Fleinhausen noch gut in Erinnerung geblieben. „Er hatte nur die Kleidung, die er trug, sonst nichts“, sagt sie. „Wir schieben die Falschen ab.“ Und ergänzt: „Er ist fleißig, gewissenhaft und wird eine Beschäftigung bekommen.“ Allerdings nicht in Deutschland.

Wie Ceheiku Abdou Fall seit der Rückkehr im Juli in seinem Heimatland weiterlebt, kann Herz nur mutmaßen. Seit der Abschiebung habe sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Da er allerdings „nicht zu seiner Familie kann, ist er vermutlich bei einem Freund“, vermutet sie. Die Schwester des Senegalesen lebt in Frankreich. Für Inge Herz ein kleiner Silberstreif am Horizont. Sie sagt: „Die Schwester kann ihm eine Arbeit besorgen.

Lesen Sie hierzu auch den Kommentar: Benötigt, dann abgelehnt

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