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Forschung

02.04.2016

Als Diedorf noch ein Zentrum der Auswanderung war

Ehrenamtliche haben mit Hilfe des Heimatgeschichtlichen Vereins Diedorf alte Sitzungsbücher übertragen: (stehend von links) Herbert May, Claudia Ried, Philomena Strehler, Manfred Braun, Elisabeth Ziefle, Werner Lorenz und Peter Högg, (sitzend von links) Gothild Vosseler, Rita Aust und Maximilian Baur.
Bild: Jana Tallevi

Der Heimatgeschichtliche Verein hat alte Sitzungsbücher herausgegeben. Was sie über die Gesellschaft vor 150 Jahren erzählen

Können diese Zeilen überhaupt eine historische Bedeutung haben?

Auswanderung der Maria Markhard und ihren 2 Kinder betrefent. Auf ansuchen der Ledigen Maria Markhard mid ihren Zway Kinder Nahmens Wilhelm und Maria wird mid Zustimung der Ganzen Gemeinde von untersetzten bestetiget das diese Famile mid ihrem Ganzen vermögen ohne hinderlegung einer Kautzion sicher und ohne geringsten Anstand nach Amerika auswandern darf.“

Sie haben. Tatsächlich ist dieser Gemeindebeschluss vom April 1854 das fehlende Puzzlestück, das beweist, dass auch aus Diedorf im 19. Jahrhundert Menschen nach Amerika ausgewandert sind. Mehr noch: Die Zeilen erzählen viel über die Gesellschaft der damaligen Zeit im Augsburger Land. Dass sie heute gedruckt und verständlich zugänglich sind, dafür hat der Heimatgeschichtliche Verein Diedorf gesorgt. In einem viele Jahre dauernden Projekt hat er sich die alten, handgeschriebenen Sitzungsbücher der Gemeinde Diedorf vorgenommen und die einzelnen Beschlüsse einen nach dem anderen aus der Sütterlinschrift in die lateinische Schrift übertragen. Inzwischen liegt das mehr als 900 Seiten dicke Buch gedruckt vor und kann jetzt genutzt werden, etwa zur Familienforschung oder durch Landkreishistoriker, wie Kreisheimatpflegerin Claudia Ried bei der Vorstellung des Buchs in Diedorf sagte. Sie erinnerte auch daran, wie wertvoll die Arbeit des Heimatgeschichtlichen Vereins ist: „Diese Schätze haben allein Sie in Diedorf in ihrem Archiv. Sie müssen aber auch gehoben werden.“ In diesem Fall heißt das: zunächst in aktuelle Schrift übertragen werden.

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Der Heimatgeschichtliche Verein Diedorf hat aber noch mehr getan. Er hat die 400 Seiten der Beschlussbücher von 1839 bis 1891 auch noch kommentiert von der Erklärung, wie viel damals ein Gulden wert war bis zu einem ausführlichen Orts-, Personen und Sachregister. „Diese Sortierung ist aber nur äußerlich“, macht Claudia Ried deutlich. Erst die Beschäftigung und Auswertung der Texte mache einen Einblick über das gesellschaftliche Leben in Diedorf über Jahrzehnte hinweg möglich.

So wie die Geschichte von der Auswanderung nach Amerika, die Werner Lorenz, der Vorsitzende des Heimatgeschichtlichen Vereins, bei der Buchvorstellung erzählt: Mitte des 19. Jahrhunderts mangelte es den Siedlern in Nordamerika an Frauen, um neue Familien zu gründen. Per Zeitungsanzeige suchten sie die in ganz Europa. Oft war der Zusatz dabei „Gerne auch mit Kindern“. Für Frauen wie die ledige Mutter Maria Markhard war das die Chance auf ein neues Leben ohne Ausgrenzung. Nicht wenige Frauen nahmen trotz der Gefahren der Überfahrt diese Möglichkeit wahr. Kulturwissenschaftler Wolfgang Knabe hatte in einem seiner Werke Diedorf zwar schon mal als Zentrum der Auswanderung nach Amerika benannt, jetzt gibt es den Quellenbeleg. Sicher kein Zufall: Die Nachbargemeinde Anhausen war jene schwäbische Gemeinde, die damals den höchsten Anteil an unehelichen Kindern hatte. Jedes siebte Kind wurde damals außerhalb einer Ehe geboren. „Diese Frauen hatten damals überhaupt keine Rechte und kaum Unterstützung“, so Lorenz.

Bürgermeister Peter Högg jedenfalls ist froh, dass er heute nicht mehr die Sorgen seiner Amtsvorgänger hat: Die mussten sich auch schon mal damit beschäftigen, wer wen heiraten dürfe. Dabei ging es um Bürgerrechte und auch um Geld, sprich um die passende Mitgift. Die Verbindung zur Gemeinde Diedorf, die sich um den Druck der Bücher gekümmert hat, hat Gemeindekämmerer und Schriftführer des Vereins Herbert May gehalten. Er hatte vor sieben Jahren acht ehrenamtliche Übersetzer für die Sitzungsbücher gefunden. Das sind Rita Aust, Elisabeth Ziefle, Manfred Braun, Berthold Greim, Ekkehard Nowak und der inzwischen verstorbene Wilfried Höhnke sowie die Projektmitarbeiter des Heimatgeschichtlichen Vereins Gothild Vosseler und Philomena Strehler. Auf sie wartet bereits neue Arbeit, der Heimatgeschichtliche Verein will weitere Unterlagen übertragen.

Eines hat Herbert May aber schon festgestellt: Womit sich eine Gemeindeverwaltung heute beschäftigt, ist den Problemen von vor 150 Jahren ganz ähnlich: „Den Bürger stört der Schmutz auf den Straßen, den er selbst dort abgelegt hat, der unebene Fahrbahnbelag, der böse Nachbar“, schreibt er in seiner Projektbeschreibung.

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