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Zeitzeugenbericht

24.04.2015

Als die Amerikaner kamen

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg – Franz Gai aus Gersthofen hat die letzten Tage des Krieges hautnah miterlebt.
Bild: Marcus Merk

Franz Gai lebt heute wie vor 70 Jahren in der Augsburger Straße in Gersthofen. Er hat er ein Stück Weltgeschichte erlebt.

Noch heute wohnt Franz Gai in dem selben Haus an der Augsburger Straße in Gersthofen, von dem aus er vor 70 Jahren den Einmarsch der Amerikaner in der Gemeinde beobachtete. Zuerst kam ein Panzer, und dann die Infanterie. Mit dem Gewehr im Anschlag und halb gebückt liefen die Soldaten an den Zäunen entlang. „Jedes Haus und jedes Grundstück wurde in Richtung Kapellenstraße nach deutschen Soldaten durchsucht“, erinnert er sich. Er weiß noch genau, wie er damals als 13-jähriger Bub hinter seinem Vater stand, der ein weißes Taschentuch an den Wäschekochlöffel gebunden hatte und so den GI’s entgegenging. Zu diesem Zeitpunkt dämmerte es schon, erinnert sich der heute 83-Jährige.

Noch am Nachmittag waren, so erinnert sich Franz Gai, Nebengebäude zweier Handwerksbetriebe in der Augsburger Straße in Brand geschossen worden. Bei beiden Familien hatte der Bub geholfen, Hausrat in Sicherheit zu bringen. Wenige Stunden später waren damals, am 27. April, die amerikanischen Soldaten in Gersthofen. Das Elternhaus von Franz Gai steht gleich beim heutigen Kreisverkehr, fast schon an der Autobahn. Er sagt, dass die Aufregung des Tages noch nicht zu Ende war. Denn die Panzer observierten nun von dort aus die Autobahn, später wurden ganz in der Nähe Haubitzen aufgestellt, die über den Lech zielten. In der Nacht schoss die deutsche Artillerie noch in Richtung der Stellungen der Amerikaner. Und es gab auch noch Treffer in den Häusern auf der östlichen Seite der Augsburger Straße – so auch im Haus der Familie Gai.

Eine Granate hatte die Außenmauer im Obergeschoss durchschlagen und ragte bis in die folgende Zwischenmauer hinein. Im Nachbarhaus wurde ebenfalls im ersten Stock ein Schrank voll Marmelade getroffen: Das Zimmer sah total verwüstet aus, erinnert sich Franz Gai. Die Nacht verbrachte die Familie im Keller. Auch ein Schutz suchender Amerikaner kam hinunter. „Mein Vater ist extra noch einmal in die Küche gegangen, um ihm einen Stuhl zu holen.“ Franz Gai erzählt weiter: „Ich selbst bin trotz der Schießerei eingeschlafen. Geschlafen wurde auf den ausgehängten Kellertüren aus Latten mit Strohsäcken und Decken darauf.“ Das Franz Gai diese Tage überhaupt gemeinsam mit seiner Familie erleben konnte, hatte er wahrscheinlich allein der Voraussicht seines Vaters zu verdanken. Der Bub besuchte damals die städtische höhere Handelsschule für Knaben, das heutige Fugger-Gymnasium in Augsburg. Nach dem folgenschweren Bombenangriff auf Augsburg im Februar 1944, bei dem auch die Schule zerstört wurde, kamen Schüler und Lehrer aufs Land, zunächst nach Kempten und dann nach Wörishofen. Dort wurden sie weiter unterrichtet – und von den Lehrern, die fast alle der Partei angehörten, wie sich Gai erinnert, auf Linie gehalten. Gemeinsam wurde eine Eintrittserklärung in die Hitlerjugend ausgefüllt und den Kindern erzählt, wenn sie nicht machten, was von ihnen verlangt wurde, dürften sie nach Kriegsende nicht mehr zurück auf die Schule.

Fünf Wochen vor der Ankunft der Amerikaner in Gersthofen war der Vater von Franz Gai, damals schon 59 Jahre alt, nach Wörishofen gefahren. Er wolle seinen Buben abholen, sagte er dem Leiter der Einrichtung. Der wollte ihn jedoch nicht gehen lassen. Doch der Vater war mit einer List vorbereitet: Er gab an, dass die Mutter krank sei und der Franz zu Hause arbeiten übernehmen müsse. Das Attest wolle er nachliefern, den Buben aber gleich mitnehmen.

Es war übrigens der Arzt Dr. Hermann Neussell , der schließlich das fingierte Attest ausstellte, jener Arzt, der kurz darauf Gersthofen an die Amerikaner übergeben hatte. Und auf die Schule durfte Franz Gai auch zurück. Erster Schulleiter nach dem Krieg wurde nämlich der Zeichenlehrer – der einzige, der nicht in der Partei der Nazis gewesen war.

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