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Meitingen

05.05.2020

Altenheime isoliert: "Meine Mutter weiß nicht, dass ihr Sohn tot ist"

Norbert Beutmüller hat seinen Bruder nach einer Krebserkrankung verloren. Seine Mutter, die in einem Seniorenheim in Meitingen wohnt, weiß noch nichts davon.
Bild: Marcus Merk

Plus Altenheime haben sich wegen Corona von der Gesellschaft isoliert. Wie bitter das für Betroffene ist, erzählt die Familie Beutmüller aus Meitingen.

Für Senioren bedeutet Corona vor allem Einsamkeit. Norbert Beutmüller senior hat zum Beispiel seit Mitte März keinen Kontakt zu seiner Frau. Vorher hatte der 90-Jährige sie täglich im St.-Martha-Heim in Meitingen besucht. Von ihrer Familie bekommt sie nichts mit: „Meine Mutter weiß noch nicht, dass ihr Sohn gestorben ist“, erzählt der Sohn der beiden, der ebenfalls Norbert Beutmüller heißt.

Video-Chat und Telefon ermöglichen den Beutmüllers keine Kommunikation

Irmgard Beutmüller hat nach einem Schlaganfall die Pflegestufe fünf. Die 90-Jährige sitzt im Rollstuhl und kann nicht mehr zu Hause gepflegt werden. Deswegen wohnt sie im St.-Martha-Heim in Meitingen. „Vom Hals aufwärts ist sie das pure Leben“, sagt Beutmüller junior, früher Bürgermeister von Buttenwiesen. Sein Bruder ist im April an Harnleiterkrebs gestorben. Seine Mutter habe zwar seit Oktober gewusst, dass ihr Sohn schwer krank ist, und für ihn gebetet, aber dass er gestorben sei, konnte Beutmüller ihr noch nicht sagen.

Elektronische Methoden wie Telefon und Videochat, über ein vom Altenheim zur Verfügung gestelltes Tablet, sind für ihn und seine Familie die einzige Möglichkeit, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Wegen ihrer eingeschränkten Hirnfunktion sei das aber keine Option, glaubt ihr Sohn: „Sie würde da einfach ins Handy starren und gar nicht verstehen, dass jemand mit ihr redet“, sagt er. Zu Besuchen gebe es keine Alternative: „Sie reagiert nur, wenn man mit ihr im Raum ist“, bedauert Beutmüller.

Die Isolation von ihrer Familie macht Irmgard Beutmüller schwer zu schaffen: „Pfleger haben mir gesagt, dass sie wieder schreit. Das hat sie zuletzt gemacht, bevor sie ihre Medikamente verschrieben bekommen hat. Das kann man auf der Straße hören“, sagt er. Die Situation sei für seine ganze Familie sehr belastend. Die Familie verlangt nicht viel: „Wenn mein Vater oder ihre noch lebenden Söhne eine halbe Stunde die Woche bei ihr vorbeikommen könnten, wäre schon viel gewonnen“, glaubt er.

Der ehemalige Bürgermeister will keine Sonderrechte: Seine Mutter sei ja nicht die Einzige, der es so geht. „Die Kontakte wurden ja von heute auf morgen auf null runtergefahren. Natürlich kann keiner was dafür, aber das muss unheimlich schwer für viele Senioren gewesen sein“, sagt Beutmüller. Er habe schon überlegt, seine Mutter kurzzeitig aus dem Heim zu holen. Wenn sie zurückkehrt, muss sie aber für 14 Tage in Quarantäne, also in komplette Isolation: „Das kommt nicht infrage“, sagt Beutmüller.

Das Altenheim hat Verständnis und will Besuche ermöglichen

Jürgen Werner leitet das St.-Martha-Heim, in dem Beutmüllers Mutter lebt. Er hat Verständnis für Beutmüllers Situation: „Tablets und Telefone können eine Begegnung nicht ersetzen“, findet er. Trotzdem muss er strenge Regeln einhalten, um die Bewohner vor einer Corona-Infektion zu schützen.

„Man kann sagen, dass jeder rauskann, aber keiner rein“, sagt er. Die Bewohner nähmen die Situation gelassen, aber die Angehörigen seien vielfach ungeduldig. „Die Senioren haben schon ganz andere Sachen mitgemacht“, glaubt Werner. Außenstehende dürfen nur noch in seine Einrichtung, um Bewohner beim Sterben zu begleiten.

Ein bisschen Freiraum hat Werner aber trotzdem: „Wir arbeiten gerade an einer Gartenlösung“, erklärt Werner. Das heißt, Bewohner sollen im Garten Besucher empfangen dürfen. Wenn man sich vorher anmeldet, Mundschutz trägt und den Abstand einhält, sei das Risiko vertretbar, findet Werner. „Gerade wenn man bedenkt, wie wichtig der menschliche Aspekt ist“, ergänzt er. Vielleicht braucht es die Gartenlösung auch gar nicht mehr, denn auch die Besuchsregeln im Seniorenheim werden in Bayern ab Samstag gelockert.

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