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Ziemetshausen

20.08.2014

Auf der Spur des Mauertoten aus Schwaben

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Vor 53 Jahren wurde die Berliner Mauer errichtet. Der Leitershofer Alfred Hausmann hat die Geschichte des einzigen bayerischen Maueropfers recherchiert. Die Spur führt ins Augsburger Land.

An der Berliner Mauer ließen viele Flüchtlinge aus dem Osten und manche Fluchthelfer aus West-Berlin ihr Leben. Nur ein einziges Opfer des Schießbefehls stammte aus Bayern: Adolf Philipp war erst 20 Jahre alt, als er in der Nacht auf den 5. Mai 1964 durch 14 Kugeln starb. Der junge Mann kam aus Ziemetshausen.

Was trieb den jungen Mann aus Ziemtshausen in den Todesstreifen?

Was trieb ihn an jenem Abend in den Todesstreifen? Diese Frage ließ den Leitershofer Heimatforscher Alfred Hausmann nicht ruhen, bis er die äußeren Umstände des Falls geklärt hatte. Trotzdem lässt die mysteriöse Geschichte des jungen Schwaben viele Fragen offen.

Eine winzige Notiz in einem Buch über SED-Verbrechen genügte, um Hausmanns Spürnase für Regionalgeschichte heftig zu kitzeln. Sein erster Weg führte in die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek. Dort durchforstete der pensionierte Lehrer alte Zeitungen und fand empörte Berichte über den Tod des Schwaben an der Mauer.

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Dann stöberte Hausmann im Internet den Aufsatz einer Historikerin auf, die Philipps Fall beleuchtete. Ein Anruf im Ziemetshauser Rathaus ebnete schließlich den Weg zu einer Schwester des Maueropfers. „Auch sie weiß nicht, warum sich ihr Bruder am fraglichen Abend zur Mauer begab“, bedauert Hausmann.

Der überzeugte Pazifist wohnte am Ku'damm

So kann der Heimatforscher lediglich äußere Fakten aufzählen: Adolf Philipp erlebte in Ziemetshausen eine behütete Kindheit. Sein Vater betrieb ein Radio- und Fernsehgeschäft, und der sehr gute Schüler erlernte nach der mittleren Reife den Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers. „Zehn Monate vor seinem Tod zog der junge Techniker nach Berlin“, sagt Hausmann.

In der eingemauerten Teilstadt waren Fachkräfte gefragt und erhielten allerlei Vergünstigungen: Der überzeugte Pazifist aus Schwaben wollte auf diese Weise vermutlich dem Wehrdienst entgehen. Er bezog ein Zimmer zur Untermiete am Kurfürstendamm. In Briefen an seine Familie schwärmte er vom Sechs-Tage-Rennen und einem Konzert der Rock-’n’-Roll-Legende Chubby Checker.

Er fuhr mit seinem Fahrrad an die Sektorengrenze

Aus seiner Verachtung für das Grenzregime an der Berliner Mauer machte er keinen Hehl. Das Schicksal getrennter Familien ging ihm nahe. Der junge Mann begann, die Grenzanlagen zu studieren, und fuhr mit seinem Rad an der Sektorengrenze und am Stadtrand entlang.

Auch in der Nacht seines Todes war Philipp mit dem Rad unterwegs. Er fuhr zum Berliner Bezirk Spandau, legte das Rad im Wald ab und ging zu Fuß weiter. Laut den amtlichen Berichten der Grenzposten entdeckten zwei Soldaten Fußabdrücke im Grenzstreifen. In der Annahme, es handele sich um Spuren von Flüchtlingen, liefen sie zu einem Erdbunker. Dort wurden sie angeblich von Adolf Philipp mit einer Pistole bedroht. Die Soldaten eröffneten sofort das Feuer. Dass es sich bei der Waffe um eine Gaspistole handelte, mit der nicht scharf geschossen werden konnte, ahnten sie freilich nicht.

Der genaue Tatort wurde verschwiegen

Ohne Vorankündigung wurde die bereits obduzierte Leiche nach West-Berlin überstellt. „Die Staatssicherheit trieb das übliche Spiel der Vertuschung und Verwirrung“, weiß Hausmann. Der genaue Tatort wurde verschwiegen und die Schussverletzungen an der Leiche waren so manipuliert worden, dass nicht zwischen Einschuss- und Austrittsstellen unterschieden werden konnte. Die West-Berliner Polizei hatte in der Nacht weder Schüsse gehört noch Beschädigungen am Grenzzaun entdeckt. Dafür fanden die Ermittler im Zimmer des jungen Mannes ein Notizbuch mit dem Eintrag, dass sein Hausarzt zu verständigen sei, falls er „hops“ gehe.

Philipp soll Kontakte zu Fluchthelfern gesucht haben

Bereits zuvor hatte sich Adolf Philipp in die Grenzanlagen gewagt und seiner Familie in Briefen davon berichtet. Adolf Philipps Schwester bezeichnet ihren Bruder als nachdenklichen und hilfsbereiten Mann mit großen Idealen. Nach seinem Tod sagten Arbeitskollegen aus, er habe Kontakte zu Menschen gesucht, die sich als Fluchthelfer engagierten. Beweise dafür gibt es jedoch keine.

Zu einer Anklage gegen die Grenzposten kam es nie

Am 13. August 1964, dem dritten Jahrestag der Mauer, ließ das Bezirksamt Spandau ein Gedenkkreuz an jener Stelle errichten, an der Adolf Phillip sein Rad ablegte. Es ist bis heute zu besichtigen. Nach der Öffnung der DDR-Archive nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die beteiligten Grenzposten auf.

Die Behauptung der Notwehr ließ sich nicht wiederlegen. Eine Anklage wurde niemals erhoben.

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