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Landkreis Augsburg

29.06.2017

Auf der Suche nach den letzten Zeitzeugen

Die Schwestern Barbara Wolf und Gerlinde Zerle aus Ehingen haben Weltgeschichte erlebt. Sie haben als junge Frauen mitbekommen, wie auch in ihrem Heimatort Vertriebene verteilt und aufgenommen wurden.
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Die Schwestern Barbara Wolf und Gerlinde Zerle aus Ehingen haben Weltgeschichte erlebt. Sie haben als junge Frauen mitbekommen, wie auch in ihrem Heimatort Vertriebene verteilt und aufgenommen wurden.
Bild: Marcus Merk

Filmemacher Michael Kalb will Spuren von Weltgeschichte in der Region erhalten. Der Landkreis unterstützt ihn dabei.

Franz Gai hat ein Stück Weltgeschichte erlebt und das mitten in Gersthofen. Noch heute wohnt er in demselben Haus an der Augsburger Straße in Gersthofen, von dem aus er vor 72 Jahren den Einmarsch der Amerikaner in der Gemeinde beobachtete. Zuerst kam ein Panzer und dann die Infanterie. Mit dem Gewehr im Anschlag und halb gebückt liefen die Soldaten an den Zäunen entlang. „Jedes Haus und jedes Grundstück wurde in Richtung Kapellenstraße nach deutschen Soldaten durchsucht“, erinnerte er sich vor zwei Jahren im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen. Er weiß noch genau, wie er damals als 13-jähriger Bub hinter seinem Vater stand, der ein weißes Taschentuch an den Wäschekochlöffel gebunden hatte und so den GIs entgegenging.

Auch Barbara Wolf und Gerlinde Zerle aus Ehingen haben Zeitgeschichte erlebt. Ihr Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister und in dem kleinen Ort dafür zuständig, die Heimatvertriebenen aus dem Osten unterzubringen.

Diese Geschichten sind inzwischen Jahrzehnte alt. Und es sind genau diese Erzählungen, die der Filmemacher Michael Kalb jetzt für den Landkreis in Bild und Ton erhalten will. In den folgenden Monaten will er gemeinsam mit der Kreisheimatpflegerin Claudia Ried und dem Vorsitzenden des Heimatvereins Reischenau, Christoph Lang, eine Reihe von Gesprächen mit jenen Zeitzeugen aus dem Landkreis führen, die noch aus der Zeit von 1933 bis 1948 berichten können. Entstehen soll daraus unter anderem ein Archiv an Film- und Tonmaterial mit Berichten aus dieser Zeit. Denn, so Michael Kalb bei der Vorstellung des Projekts im Schul- und Kulturausschuss des Landkreises, solche Aufnahmen gibt es bislang vor Ort noch überhaupt nicht. Weil aber jene, die noch davon berichten können, schon recht alt sind, zähle jetzt jeder Monat.

Auf der Suche nach den letzten Zeitzeugen

Auf die Idee zu dem Zeitzeugen-Projekt gekommen ist Filmemacher Kalb schon vor einigen Jahren. Damals hatte er sich mit der Dinkelscherberin Resi Linderl mehrmals zu solchen Aufnahmen getroffen. Die ehrenamtlich vielfach tätige Seniorin und in der ganzen Gemeinde bekannten Frau hatte ihm damals viel mehr erzählt, als er sich zunächst vorgestellt hatte. Es folgte ein ebenso fruchtbares Gespräch mit ihrem „kleinen“ Bruder, der ebenfalls schon über 90 Jahre alt ist. „Ich will verstehen, wie die Menschen damals ihren Alltag erlebt haben“, so Kalb. Dazu gehören auch die Zeit des Dritten Reichs, des Zweiten Weltkriegs und die Ankunft der Heimatvertriebenen kurz nach Kriegsende.

Das filmische Archiv könnte unter anderem die Sammlungen von Heimatmuseen erweitern, stellt sich Michael Kalb vor. Doch ihm sowie Claudia Ried und Christoph Lang geht es nicht nur um die Rohfassungen von Interviews. Entstehen soll zudem ein Film mit den eindrucksvollsten Gesprächen. So soll ein umfassendes Bild des Lebens im Landkeis Augsburg vor 70 oder 80 Jahren entstehen. Der Film soll dann für alle Interessierten in geeigneten Sälen im Landkreis gezeigt werden. Ein spezielles Augenmerk liegt zudem auf der Vorführung in Schulen. Auch eine Veröffentlichung als DVD ist geplant. Wenn alles klappt, wird der Film im ersten Halbjahr 2018 fertig sein.

Regelrecht begeistert war der Schul- und Kulturausschuss bei der Vorstellung der Idee. „Ich finde das Projekt ausgesprochen gut und unterstütze es persönlich“, so Landrat Martin Sailer. Wer mit selbst einmal mit Zeitzeugen gesprochen habe, wisse, wie ergreifend diese Geschichten sind. „Das kann kein Schulbuch so authentisch vermitteln“, so Sailer weiter. Stellvertretender Landrätin Sabine Grünwald ist es vor allem wichtig, „im Sinne einer demokratischen Erziehung“ den Film in Schulen zu zeigen. Der Ausschuss stimmte zu, im Haushalt für das nächste 10000 Euro für das Projekt vorzusehen.

Im Moment ist Michael Kalb dabei, über die Bürgermeister der einzelnen Städte und Gemeinden geeignete Ansprechpartner für sein Projekt zu finden. Und eine weitere Frage stellt sich dem jungen Filmemacher noch: „Die große Herausforderung wird sein, aus den einzelnen Erzählungen einen stimmigen Film zu machen“, beschreibt Kalb.

Trailer Ein Beispiel für die Interviews mit Zeitzeugen aus dem Augsburger Land findet sich auf der Internetseite https://youtu.be/1ATxfZMb7IQ oder auf YouTube nach „Resi Dinkelscherben“ suchen.

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