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Augsburg

28.08.2014

Augsburger Ärzte wollen Sterbehilfe überflüssig machen

25 Prozent der Menschen in Augsburg sterben zu Hause, 30 Prozent in Heimen, vier Prozent im Hospiz, 40 Prozent in Kliniken.
Bild: Oliver Berg dpa

Der Augsburger Arzt Eckhard Eichner ist überzeugt: Wenn die Medizin den Menschen die Angst vor Leiden nehmen kann, wollen sie sich nicht mehr töten.

Bald beginnt im Bundestag die Debatte über ein Gesetz zur Sterbehilfe. Nun wurde ein Vorstoß von deutschlandweit renommierten Medizinern bekannt, die vorschlagen, Beihilfe zum Suizid für Ärzte unter Auflagen zu legalisieren. Eine andere Forderung ist das Verbot organisierter Sterbehilfe, etwa durch Vereine.

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"Die meisten haben Angst vor dem Leid"

Organisationen, die in Augsburg Sterbende begleiten, beschäftigen sich seit langem mit der Thematik. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Vereins Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung (AHPV) gaben sie eine Erklärung ab, in der sie aktive Lebensverkürzung ablehnen. Dr. Eckhard Eichner ist Vorsitzender der AHPV; zuvor war er am Klinikum tätig. Er sagt: „Die meisten Menschen haben Angst vor dem Leid, dem Verlust der Autonomie, davor, anderen zur Last zu fallen.“ Wenn man ihnen diese Angst nimmt, verschwinde der Wunsch nach Selbsttötung.

Mit der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) hilft die Augsburger Palliativversorgung Schwerstkranken mit starken Schmerzen und anderen Symptomen wie Atemnot, die zu Hause sterben möchten. 2013 hat das Team 300 Menschen in der Region versorgt, dieses Jahr werden es 100 mehr sein. Oft ist in den ersten Gesprächen Suizid ein Thema, weiß Eichner. Doch mit dem Wissen um Hilfsangebote verschwinde der Wunsch – und bei keinem Patienten sei er wieder aufgetaucht.

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Wichtig sei aber, allen die Hilfe leisten zu können, die sie benötigen. Eichner sieht die Region auf einem guten Weg. „Aber wir brauchen weitere Maßnahmen.“ Ihm zufolge soll die SAPV ab 2015 500 Personen im Jahr begleiten. Die Hospize St. Vinzenz und Albatros versorgen 500 Menschen ambulant. In Augsburg sterben 25 Prozent der Menschen zu Hause, 30 Prozent in Heimen, 40 Prozent in Kliniken, vier Prozent im St. Vinzenz-Hospiz. Daher müsse auch das stationäre Angebot ausgeweitet werden.

Und hier tue sich etwas: Die bereits 2009 beschlossene Erweiterung der Palliativstation am Klinikum von zehn auf 18 Betten solle im Zug des Umbaus vorgenommen werden. Außerdem plane das Vinzenz-Hospiz in Hochzoll eine Vergrößerung von neun auf 15 Betten. Das größte Defizit sieht der Mediziner bei Hausärzten und Pflegediensten. Ärzte erhalten ihm zufolge zu wenig Geld von den Kassen für Hausbesuche bei Palliativpatienten. Auch Pflegedienste würden nur kläglich vergütet. Für die Betreuung einer Schmerzpumpe gibt es zum Beispiel 3,50 Euro, der tatsächliche Aufwand liege aber bei 20 bis 30 Euro. „Man muss schließlich mit den Leuten reden, auch mal jemanden in den Arm nehmen.“ Auch Seniorenheime bräuchten Unterstützung; im Gespräch seien zum Beispiel Palliativbeauftragte.

"Legalisierte Sterbehilfe könne den Druck auf Kranke erhöhen"

Die Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung, der Bunte Kreis, die Hospiz-Gruppen Albatros und St. Elisabeth Schwabmünchen, das St. Vinzenz-Hospiz,  der Arzt Christoph Hauser und der Pflegedienst Deschler begründen gemeinsam ihren Einsatz gegen die Legalisierung von Sterbehilfe: Ein Mensch sei auch dann wertvoll, wenn er krank ist. Legalisierte Sterbehilfe könne den Druck auf Kranke erhöhen, sich selbst zu töten, statt Angehörigen und Gesundheitssystem zur Last zu fallen. Das betreffe vor allem organisierte Sterbehilfe. Eichner betont, dass es bereits legale Wege gebe, Leiden nicht unnötig zu verlängern, etwa indem Apparate abgestellt, künstliche Ernährung beendet wird.

Den Handlungsspielraum der Ärzte, der zurzeit standesrechtlich geregelt ist, gesetzlich festzuschreiben, hält Eichner nicht für nötig – obwohl viele seiner Kollegen Angst äußern, dass sie sich bei der medizinischen Betreuung von Sterbenden in einer Grauzone bewegen. Gerade bei Palliativpatienten müssen Opiate und Beruhigungsmittel in so starker Dosierung gegeben werden, dass sie auch lebensverkürzend wirken können. Wenn diese „Notreduktion“ aber belegbar, mit dem Patienten abgestimmt und dokumentiert war, sei er auf der sicheren Seite, so Palliativmediziner Eichner.

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