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Welden-Reutern

27.08.2018

Aus der DDR ins „Paradies“

Autor Detlef Hellmuth mit seinem Buch „Und der Löwenzahn blüht immer noch“. Er schildert seine Erfahrungen mit dem DDR-Regime.
Bild: Andreas Lode

Detlef Hellmuth aus Reutern schildert in seinem neuen Roman seine Erfahrungen und die anderer Betroffener mit dem DDR-Regime.

Detlef Hellmuth ist in Berlin-Weißensee aufgewachsen. Als der die DDR verlassen wollte, geriet er in die Fänge des Unterdrückungsstaates, landete im Gefängnis. Beklemmende eigene Erlebnisse sowie Schilderungen anderer Menschen kombiniert er in seinem neuen Roman. Das Buch „Und der Löwenzahn blüht immer noch“ schildert die fiktive Geschichte von Steffanie Wagendorn. Diese wird 1956 in einem kleinen Ort in Mecklenburg geboren und wächst in einer unbeschwerten, für sie noch heilen Welt auf. Doch mit jedem Jahr wird ihr der massive Einfluss der DDR-Ideologie bewusster.

In den Gefängnissen waren Waterboarding und andere Foltermethoden üblich

Als sie Tierärztin wird, erlebt sie die volle Härte, Verlogenheit und Brutalität der Machthaber. Im Stasi-Gefängnis Hoheneck geht sie durch die Hölle. In diesem Gefängnis wurden ab 1949 bis zum Ende der DDR-Diktatur tausende Frauen inhaftiert – nach Angaben der heutigen Gedenkstätte Hoheneck etwa 40 Prozent aus politischen Gründen.

Beklemmend schildert Autor Detlef Hellmuth, wie sich Steffanie Wagendorn, die sich der SED und ihrer Hierarchie nicht gerne unterordnen möchte, unwissentlich immer mehr in Gefahr gerät. Sie muss am Ende feststellen, dass sie in dem Unrechtsregime, in dem sie lebt, niemandem trauen kann – nicht einmal engsten Freunden oder Familienmitgliedern. Am Ende kehrt sie zurück zur Lieblingswiese ihrer Kindheit und stellt fest: Was immer auch in der Welt geschehen ist – der Löwenzahn blüht immer noch.

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Detlef Hellmuth, der heute mit seiner Frau Gabi im Weldener Ortsteil Reutern lebt, hat in die Geschichte eigene Erlebnisse einfließen lassen. „Im Februar 1978, mit knapp 23 Jahren, hab ich erfolglos versucht, die DDR zu verlassen“, erzählt der heute 63-Jährige. Deswegen wurde er in mehreren Haftanstalten eingesperrt, bis zur Entlassung im Jahr 1979. Er erinnert sich daran, dass in den Gefängnissen Waterboarding und weitere Foltermethoden üblich waren.

Bayern ist das Paradies

1979 im Gefängnis Leipzig, wurde Detlef Hellmuth versehentlich zusammen mit einer Frau in eine Zelle gesperrt. „Diese von Prügeln und extremsten Haftbedingungen unglaublich gezeichnete Frau saß wegen ,Republikflucht mit Verbindung zu westlichen Medien’ mehrere Jahre im Frauenzuchthaus Hoheneck bei Stollberg im Erzgebirge in Haft.“ Diese Frau erzählte im von den Zuständen in Hoheneck. „Neben der zu verbüßenden Haft, Schlägen, Folter und Erniedrigungen wurde dieser Frau auch ihr Kind gewaltsam genommen und von einem von Margot Honeckers Bediensteten adoptiert.“ Die Berichte ließen ihn bis heute nicht mehr los. So gab’s zum Beispiel eine „Wasserzelle“: Man wurde allein in Dunkelarrest gesperrt, und dann drang plötzlich aus kleinen Löchern eiskaltes Wasser in die Zelle ein, stieg und stieg, und floss schließlich wieder ab. Diese Folter wurde mehrmals wiederholt.

Detlef Hellmuth selbst und seine Frau Gabi wurden freigekauft und konnten im Jahr 1984 ausreisen. „Ich hatte meinen Entlassungsschein aus dem Gefängnis behalten, obwohl das nicht erlaubt war. Mit diesem konnte ich beweisen, dass ich politisch verfolgt worden war.“ Sie zogen nach Reutern, wo Gabi Hellmuth eine Verwandte hatte. „Bayern ist das Paradies“, sagt der Autor. Er ist dem Freistaat unglaublich dankbar, da er ohne dessen Hilfe und das hiesige Krankenkassensystem die teuren Behandlungen für eine schwere Lebererkrankung, die er sich noch zu DDR-Zeiten zugezogen hatte, niemals hätte finanzieren können.

Der gelernte Fahrzeuglackierer machte schließlich in der Bundesrepublik Deutschland seinen Meister in Augsburg. Später arbeitete Hellmuth bis 1995 als Kaufmännischer Angestellter bei einem Betrieb, für den er mehrere Hundert Autolackierfirmen betreute.

Im Ruhestand im Wohnmobil unterwegs

Später unterrichtete er – der Meisterbrief machte es möglich an der Prälat-Schilcher-Berufsschule in Augsburg. Von 1995 bis 2000 machte Hellmuth am Staatsinstitut in Ansbach die Fachlehrerausbildung. „Da hat der Freistaat wieder eine Menge Geld in mich investiert“, sagt er dankbar. 2000 trat er an der Berufsschule 6 in der Haunstetter Straße in Augsburg an und unterrichtete dort unter anderem Maler und Fahrzeuglackierer.

Detlef Hellmuth wurde während dieser Zeit aktiv in einer Initiative, die Nelson Mandela gewidmet ist und Projekte in der südafrikanischen Stadt Durban unterstützt. „Deswegen wurde ich einmal zum Ehrenmitglied des Südafrikanischen Nationalkongresses ernannt“, sagt Hellmuth stolz.

Jetzt, im Ruhestand, ist er mit seiner Frau viel im Wohnmobil unterwegs – gerne in seiner geliebten neuen bayerischen Heimat.

„Bald 30 Jahre nach dem Mauerfall möchte ich das Buch als eine Verbeugung gegenüber all den Frauen sehen, die besonders in der Haftanstalt Hoheneck schwerste Zeiten erlebt haben.“

Information: Detlef Hellmuth, „Und der Löwenzahn blüht immer noch“, erschienen 2018 im Novum Verlag, ISBN 978395840590-5, 21,90 Euro.

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27.08.2018

Und die ehemaligen Mitarbeiter des Unrechtsregime sind straflos davongekommen und erhalten heute bestimmt noch Rentenzahlung.
Genau wie nach 1945 !
Ich verstehe nicht, warum man auch heute noch mit sollen Regimen noch Geschäfte macht. Siehe Erdogan, warum macht man dort Urlaub und unterstützt das Regime ?
Wenn soll man noch wählen, wenn alles straffrei bleibt ?

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