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Gersthofen

09.11.2018

Aus nach 35 Jahren Chorbetrieb: Sängerrunde sagt endgültig „Servus“

Nach 35 Jahren trat die Sängerrunde der Gersthofer Naturfreunde zum letzten Mal auf. Es hatten sich einfach keine Nachwuchssänger mehr gefunden.
Bild: Sängerrunde Naturfreunde Gersthofen

Der Männerchor der Naturfreunde hört wegen Nachwuchsmangels auf und erfreut ein letztes Mal seine Zuhörer. Was das Ende für die über 80-jährigen Sänger bedeutet.

Schon Martin Luther wusste: „Musik ist ein Geschenk und eine Gabe Gottes, sie macht die Leute fröhlich“, sagte er. Dass die Musik der Sängerrunde der Naturfreunde die Leute fröhlich machte, weiß Leiter Norbert Kraus. „Der Zuspruch für unsere Lieder und den Chor war immer sehr groß“, sagt er, „aber aktiv wollte niemand mitmachen.“ Deshalb löst sich der Chor nun, nach 35 Jahren, auf.

„Es ist unmöglich geworden, Nachwuchs zu finden. Das geht jedem Kegelverein so, zum Teil auch Sportvereinen. Alle haben das gleiche Problem“, sagt der Chorleiter. Doch warum? Kraus meint: „Wir denken, dass es an den zahlreichen Alternativen liegt.“ Er glaubt, dass die Menschen sich in ihrer Freizeit nicht mehr verpflichten wollen. Regelmäßig zu den Proben kommen - das schrecke viele ab.

Mit 58 Jahren ist Dirigent Norbert Kraus das jüngst Chor-Mitglied

Und nun? Chorleiter Norbert Kraus, mit 58 Jahren bei weitem das jüngste Mitglied, weiß von seinen Sängern: „Ein paar sagen, sie wollen in keinem anderen Chor singen. Und manche sind so alt, dass sie sich nicht mehr umgewöhnen können. Für die ist das Ende des Chors ganz, ganz furchtbar.“

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Mit einem Festabend zum 35-jährigen Bestehen feierte die Sängerrunde nun gleichzeitig Jubiläum und Abschied. Mit „Wir sind Freunde in dieser Runde“ eröffnete der Chor den Abend. Der Grund für den Abschied war deutlich: Von ehemals über 20 Sängern standen nun nur noch neun auf der Bühne.

Der Männerchor singt seine Lieder vierstimmig, mit einem 1. und 2. Tenor sowie einem 1. und 2. Bass. „Alle Noten sind darauf ausgerichtet. Wenn Sie eine Stimme weglassen, funktioniert die Harmonie nicht mehr, das klingt dann einfach nicht mehr“, erklärt Chorleiter Kraus.

Lange versuchte Kraus, den Chor trotz Nachwuchsmangels weiter bestehen zu lassen. Doch im April fiel die endgültige Entscheidung.„Es ist langsam bergab gegangen, nachdem mehrere Sänger ausgefallen oder gestorben sind“, erinnert sich Kraus. „Wir sind immer weniger geworden, eine Stimme konnte ich nicht mehr besetzen. Ich habe versucht, die Lieder umzubauen, aber die Sänger sind teilweise schon weit über 80. Die sind nicht mehr so flexibel und haben sich so schwer getan mit dem Umlernen.“

Das Ende des Männerchors ist nicht nur ein persönlicher Verlust, sondern auch ein kultureller

Für Kraus bedeutet das Ende nicht nur einen persönlichen Verlust, sondern auch einen kulturellen: „Diese speziellen Männerchor-Lieder gehen verloren, wenn das Liedgut nicht mehr gepflegt wird. “

Im mehr als 200 Stücke umfassenden Repertoire der Sängerrunde: klassische Opernchöre wie „Nabucco“, Ohrwürmer wie das „Chianti-Lied“, „Mein kleiner grüner Kaktus“ und Lieder des Trientiner Bergsteigerchors wie „La Montanara“.

Beim Abschiedskonzert würdigte Dieter Ortner, Vorsitzender der Naturfreunde, die Sänger für bis zu 35 Jahre Treue und Dirigenten Norbert Kraus für 22 Jahre Leitung. Von den Sängern erhielt Kraus beim Festabend als Dankeschön einen goldenen Taktstock. Neben Urkunden für die vier Gründungsmitglieder sprach Kraus zum Abschied jedem einzelnen Mitglied Dank für den Gemeinschaftsgeist bei Aktivitäten aus, darunter sechs große Konzerte, drei Jubiläumsfeiern, 21 eigene Weihnachtskonzerte. Sechs Mal war die Sängerrunde Gastgeber bei Bundeschortreffen der Banater Schwaben und wirkte beim Werbespot „Aktive Senioren“ des Gesundheitsministeriums mit, der 2017 täglich auf Augsburg-TV zu sehen war.

Einen 91-jährigen Sänger trifft das Ende des Chors ganz besonders

Beim Abschiedskonzert folgten „La Montanara“, in dem Kurt Herzner als Solist glänzte. Heini Kraus und Fritz Peter sangen „Weiß-blau is boarisch“ und „Die Gamserl schwarz und braun“. Mit der „Sonntagsruh“ ging der Abend – und damit auch das Bestehen der Sängerrunde – zu Ende.

Einen von ihnen, so sagt Kraus, trifft das Aus ganz besonders: „Unser 91-Jähriger hat immer gesagt ‚Dienstag ist der schönste Tag der Woche, da ist Chorprobe. Das verlängert mir das Leben.’“ (sli/AL)

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